Das solltet ihr wissen, wenn ihr #Niewieder benutzt
Der Kontext des einzeiligen Slogans „Nie wieder ist jetzt!“, der auf bunt bemalten Demoschildern in den Straßen über die Köpfe gehoben wird, vor allem aber pünktlich zum 27. Januar fleißig in den sozialen Netzwerken und der Medienlandschaft die Runde macht, bedeutet weitaus mehr, als das, was viele darunter verstehen. Denn die Aussage hat eine weitaus tiefere, kulturell verankerte Bedeutung und Herkunftsgeschichte in der jüdischen Kultur und steht in eben diesem jüdischen Kontext für das Überleben ihrer Religion und Lebensweisen, die über den Holocaust hinausgehen.
Das ist der Hintergrund zu #Niewieder
Die vermutlich erste Erwähnung des Wortlautes stammt ursprünglich aus dem 1927 erschienenen Werk „Masada“ des Dichters Yitzhak Lamdan. Masada beschreibt dabei eine Felsenfestung in der israelischen Wüste, welche zu einem prägenden Ereignisort für den jüdischen Widerstand gegen die Römer wurde. Vor ca. 2000 Jahren verschanzten sich die Bewohner:innen in der Festung und nahmen sich hier nach mehreren Monaten der Belagerung das Leben, um ihren Tod nicht in die Hände ihrer Belagerer legen zu müssen. Nach historischen Quellen, nutzten viele verschleppte und gefangene Jüd:innen den Ausdruck dann gezielt bei ihrer Befreiung aus den KZ selbst und griffen so den Widerstandsgedanken in der Shoah wieder auf. Genauso wie ihr eure Demoschilder auf der Gegenrechts-Demo in den Himmel streckt, so hielten die Befreiten ihre Schilder hoch mit dem Satz „Nie wieder“ in diversen Sprachen.
Das Problem mit performativem Gedenken
Nun fragt ihr euch sicherlich, weshalb dieser Artikel einen kritischen Blick auf die solidarisierenden Instagramposts unserer Politiker:innen zum alljährlichen Gedenktag am 27. Januar wirft. Online-Aktivismus kann schließlich auch im digitalen Raum zu einem Erinnern anstoßen und ist nicht der Internationale Tag für das Gedenken an die Opfer der Shoah genau dafür auch da? Kurze Antwort – ja! Natürlich spielt sich ein wichtiger Schritt der Erinnerungsarbeit an die Gräueltaten aus dem NS-Regime auch in dem einfachen „Wachrütteln“ bzw. Aufklären an sich ab. Und es ist auch an sich nicht falsch, den Hashtag zu reposten oder sich klar zu positionieren. Doch in dem Moment, in dem der aktuelle Bundeskanzler Merz einen emotionalen Post von sich vor den Toren des Lagers in Auschwitz postet und danach wieder im Bundestag Reden über die Sicherheit dieses Landes schwingt und ganz nebenbei auch noch rechte Sprache adaptiert, sollten wir alle zusammen etwas genauer hinsehen. Hinsehen und kritisch hinterfragen, für wen diese Posts eigentlich gemacht werden! Ist es nicht oftmals einfach ein bloßer Akt, um sich selbst in das „richtige“ Licht zu rücken? Ein Post, der es erlaubt, mit dem Finger auf seinen eigenen Instagram-Beitrag zu zeigen und damit rechtfertigen zu dürfen, dass die eigene Handlungsverantwortung in aktuellen Spannungen sowie auch die vererbte Täterrolle damit gedeckt sei?
Wie geht richtiges Gedenken?
Historiker:innen und betroffene Personen plädieren dafür, neben dem Aufmerksam-Machen und dem bloßen Bewusstsein, auch aktiv zu werden durch eigene Recherche. Die kann ganz einfach beim Zuhören, Lesen und durch einen Museumsbesuch beginnen. Ganz zentral bleibt dabei anzuerkennen, welche Rolle die eigene Familiengeschichte gespielt hat, und über systematische Unterdrückung aufzuklären, die damals auch im Kleinen in jeder Stadt und Gemeinde maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das systematische Verbrechen weiter bestehen und ausgeübt werden konnte. Also – lasst euren Worten und Hashtags auch Taten folgen. So gelingt echtes Erinnern, weg von dem „Gedächtnistheater“, welches sich vor allem an dem heutigen Tag alljährlich auf den großen sowie kleinen Bühnen abspielt.
Buchempfehlung zum 27. Januar: „Gedenken neu denken“
Ein Buch über den aktuellen Stand der Forschung, zugänglich und auf Augenhöhe, insbesondere aber nicht nur für diejenigen, welche sich bisher noch nicht wirklich an die eigene Aufarbeitung herangetraut haben. Die Erinnerungskultur sollte für jede:n zugänglicher gemacht werden, und ohne hochakademisierte Sprache und Begriffe die Möglichkeit einräumen, nachhaltig an die Opfer der Nazi-Verbrechen und auch an die Täter mahnend zu denken.