Buchtipp: Gedenken, neu Denken | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Susanne Siegert stellt sich in ihrem Debut die Frage, was es bedeuted im Jahr 2026 noch über den Holocaust zu sprechen.

Buchtipp: Gedenken, neu Denken

Was bedeutet eigentlich Gedenken? Und ist es damit getahn am 27. Januar auf Instagram den Hashtag #Niewiederistjetzt durchzustöbern und die im Fernsehen laufenden Dokus über die NS-Strippenzieher:innen zu schauen? Wie viel von diesem „Online-Aktivismus“ spielt sich auf einer Bühne ab, mit klar verteilten Sprechrollen und inszenierten Figuren? In dem Buch „Gedenken, neu denken – Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ von Susanne Siegert, auch unter @keine.erinnerungskultur auf Social Media bekannt, stellt sich eben diesen Fragen, die uns alle etwas angehen sollten. Mit zugänglicher Sprache und einer gewaltigen und gut recherchierten Quellen-Grundlage führt dieses Buch jede:n Leser:in an die Basics zum Gedenken in unserer Zeit heran. Hier ein kleiner Einblick in dieses absolut zu empfehlende Buch.

Der 27. Januar und das Gedächtnistheater

Es ist der 13. Januar im Jahr 2026. Rund 80 Jahre erstrecken sich gemächlich zwischen dem realen Weltdiskurs und den grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus. In zwei Wochen werden die For-You-Pages voller #Niewieder -Posts sein, Bürgermeister:innen und Abgeordnete werden ihre „We-Remember“-Schilder in die Kamera strecken und ein Anne-Frank wird für 24 Stunden zum nationalen Slogan für das Gedenken und Erinnern.

Dieses sogenannte Gedächtnistheater, welches wir laut Siegert als ehemalige Tätergesellschaft vorführen, lässt dabei in vielen Akten und Versen das zentral Wichtige aussenvor: nämlich eine eigenverantwortliche Denkarbeit, die sich auch in der eigenen Familiengeschichte während des Zweiten Weltkrieges abspielen muss. Gedenken ist kein abgeschlossener Prozess, weil Gedenken uns hilft, aktuelle Gesellschaften zu verstehen und die eigene Rolle in Ungerechtigkeiten wahrzunehmen. Vor allem da es Ausbeutung und politische sowie systematische Gewalt noch immer gibt.

Aktiv hinschauen

Susanne Siegert möchte den Diskurs von den Verfolgten nicht weg lenken. Natürlich gehören noch immer die Menschen, welche von Vertreibung, Verfolgung und systematischer Auslöschung betroffen waren, sowie deren Nachfahren und Gemeinden in den Vordergrund. Es ist allerdings an der Zeit, das gemeinsame Trauern auf eine gemeinsame Verantwortung der/die Täter:innen auszuweiten. Denn wir trauern gerne zusammen mit den Leidtragenden und zeigen mit dem Finger auf einzelne, besonders gewalttätige Täter:innen, wie etwa den SS-Lagerarzt Mengele oder Ilse Koch, die Frau des Buchenwald-Kommandanten.

Das Bild eines/einer Täterin, das uns durch ein solches eingeschränktes Aufarbeiten gemalt wird, lenkt dabei aber von der Schuld jedes und jeder einzelnen Person ab. Es ist ein Ablenken von dem aktiven Wegsehen, als neben ihren Heimatstädten KZ-Außenlager hochgezogen wurden, als Todesmärsche durch die Innenstadt unübersehbar stattfanden und als öffentliche Hetzjagden gegen ihre Nachbar:innen immer lauter wurden.

Wie könnt ihr solidarische Betroffenheit in Handlung umwandeln?

Susanne Siegert spricht ganz offen über ihre eigene Aufarbeitung und Gedenkarbeit. Nach ihr beginnt diese immer beim Hinterfragen, beim Widersprüche aushalten und auf unerzählte Geschichten und vergessene Schicksale zu zeigen. Dabei ist es nie zu spät anzufangen, und sollte statt Schuld eine aktive Beteiligung ausgelöst werden, die den Schlagworten „Nie Wieder ist Jetzt“ Taten folgen lassen sollte.

Beginnen könnt ihr eure eigene Reise zum Beispiel in den gleichen Online-Archiven, die auch der Autorin selbst, zu den ersten Schritten verholfen haben. Das Bundesarchiv und die „Aroslen Archives“ könnten hier die ersten Schritte für euch sein. Ansonsten: Geht in das offene Gespräch innerhalb der Familie, recherchiert zu der Geschichte eurer Stadt und besucht Gedenkstätten auch außerhalb eines Schulsexkurses. Oder lest eben Susanne Siegerts Buch und recherchiert von da aus weiter.