Unwort des Jahres 2022: „Klimaterroristen“

Die Jury der Philipps Universität Marburg gab am Dienstagmorgen das neue „Unwort des Jahres“ 2022 bekannt: „Klimaterroristen“. Wer hinter der Wahl steckt und was mit dem Küren eines solchen Begriffs erreicht werden soll, erfahrt ihr hier.

Unwort des Jahres 2022: „Klimaterroristen“

Sprachliche Ausdrücke werden dann zu Unwörtern, wenn sie von Sprecher:innen gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen vor allem im öffentlichen Kontext verwendet werden. Die seit 1991 stattfindende, sprachkritische Aktion möchte auf den Gebrauch von Unwörtern aufmerksam machen und die Menschen dadurch für „diskriminierende, stigmatisierende, euphemisierende, irreführende oder menschenunwürdige” Sprachgebräuche sensibilisieren.

Platz 1 – Im Kampf für das Klima

Das „Unwort des Jahres“ 2022 lautet „Klimaterroristen“. Das gab die sprachkritische „Unwort“-Aktion in Marburg bekannt. Der Ausdruck sei im öffentlichen Diskurs benutzt worden, um Aktivist:innen und deren Proteste für mehr Klimaschutz zu diskreditieren, begründet die Jury ihre Wahl. Sie kritisiert: „Die Aktivist:innen werden so mit Terrorist:innen gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert“. Durch die Gleichsetzung des klimaaktivistischen Protests mit Terrorismus würden gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands in den Kontext von Gewalt sowie Staatsfeindlichkeit gestellt, so die Jury weiter. Dabei gerieten jedoch die eigentlichen Forderungen der Klimaaktivist:innen, nämlich die Klimakrise durch wirksame politische Maßnahmen zu bewältigen, ebenso in den Hintergrund wie die gefährliche, globale Bedrohung durch den Klimawandel. Weitere Unwörter, die sich an den Begriff „Klimaterroristen“ reihen, seien unter anderem „Klimaterrorismus“, „Ökoterrorismus“ sowie „Klima-RAF“.

Platz 2 – Auf der Suche nach Schutz

Der Ausdruck „Sozialtourismus“ war bereits 2013 Unwort des Jahres. Die Begründung lautete damals, dass einige Politiker:innen und Medien diesen Begriff gezielt dazu einsetzen würden, um Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderung, insbesondere aus Osteuropa, zu machen. Aus aktuellem Anlass hat sich die Jury nun entschieden, diesen Ausdruck auf Platz 2 zu setzen, da „Sozialtourismus“ auch im Jahr 2022 von Friedrich Merz zur Bezeichnung von Flüchtlingen aus der Ukraine verwendet worden war. Die Perfidie des Wortgebrauchs bestehe darin, dass das Grundwort „Tourismus“ in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende freiwillige Reisetätigkeit impliziere, so die Jury. Das Bestimmungswort „sozial” reduziere unterdessen die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem profitieren zu wollen, und stelle die Flucht vor Krieg und die Suche nach Schutz dabei in den Hintergrund.

Platz 3 – Du darfst stehen und du darfst gehen

Der Ausdruck „defensive Architektur“ belegt den diesjährigen dritten Platz. Es handelt sich dabei um eine Übertragung aus dem Englischen (defensive/hostile urban architecture). Im Deutschen ist der Begriff auch unter der Alternativbezeichnung „Anti-Obdachlosen-Architektur“ bekannt. Was damit gemeint ist? Eine Gestaltung des öffentlichen Raums, die verhindern soll, dass man sich längerfristig an einem Ort aufhalten will. Darunter fallen beispielsweise Spikes und Betonklötze, die den Zugang zu überdachten, windgeschützten Orten verwehren sowie Sitzgelegenheiten aus kalten Eisengittern, die ein Hinlegen unmöglich machen sollen. Laut Jury handele es sich bei dem Wort „defensive Architektur“ um eine militaristische Metapher, die zur Bezeichnung einer Bauweise verwendet werde, welche sich gegen bestimmte, meist wehrlose Personengruppen (oftmals Menschen ohne festen Wohnsitz) richte. Es sei eine irreführende euphemistische Bezeichnung einer menschenverachtenden Architektur, die gezielt marginalisierte Gruppen aus dem öffentlichen Raum verbannen möchte, so die Kritik wörtlich.

Die Wahl und die Jury

Die Jury des „Unwort des Jahres“ besteht aus vier Sprachwissenschaftler:innen und einer Journalistin, die Sprachkritik auch außerhalb der Universität für relevant halten. Zudem wird sie im jährlichen Wechsel durch ein weiteres sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes ergänzt. Die sprachkritische Aktion basiert dabei auch auf dem Interesse sowie der Mitwirkung der Bürger:innen. Jede Person kann bis zum 31. Dezember eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge einreichen, aus denen anschließend von der Jury nach gemeinsamer Diskussion begründet Kandidaten herausgesucht werden. Kriterien sind dabei unter anderem der Verstoß gegen die Menschenwürde oder gegen die Prinzipien der Demokratie, die Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen sowie die euphemistische, verschleiernde oder gar irreführende Wirkung selbstkreierter Begriffe. Die Jurymitglieder beteiligen sich an der Wahl ehrenamtlich und institutionell unabhängig. Sie sehen sich dabei nicht als „Sprachschützer:innen“ sondern stattdesssen als „Vermittler:innen öffentlichen Unbehagens an bestimmten Sprachgebrauchsweisen“.

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