Muss ich immer Trinkgeld geben?

Aus Anstand immer aufrunden? Muss nicht sein.

Muss ich immer Trinkgeld geben?

„Ich bestelle Champagner in der VIP-Lounge, esse Hummer im 3 Mohren und parke meinen Mercedes auf dem Restaurantparkplatz“ – wäre ich dieses fiktive Ich, würde ich auf jeden Fall immer Trinkgeld geben, reichlich. Doch muss ich auch als Studentin mit Nebenjob für mein Bier einen knappen Euro aufrunden?

Das Leben als Kellner_in ist stressig

Das Leben als Kellner_in ist stressig, keine Frage. Nörgelnde Gäste, anstrengende Küchenmitarbeiter und das alles während fünf Teller auf der Hand balanciert werden. Außerdem: Lächeln nicht vergessen, denn Freundlichkeit ist das A und O der Trinkgeldbranche. Und genau die erwarte ich auch als zahlender Gast. Ich war selbst eine Weile in der Gastronomie und trotz Hitze im Biergarten und schimpfenden Leuten beim Bierausschank war ich meistens freundlich, wenn nicht ganz so überschwänglich, dann zumindest annehmbar interessiert. Genau das fehlt mir aber bei so vielen anderen Kellnern und Kellnerinnen.

Es kann doch nicht so schwer sein mit einem Lächeln an den Tisch zu kommen?

Es kann doch nicht so schwer sein mit einem Lächeln an den Tisch zu kommen? Vor allem, wenn sonst fast keine anderen Gäste im Lokal sind und Du scheinbar keinen allzu stressigen Arbeitstag hast? Wenn Du es nicht schaffst für 2 Minuten Deine Ablehnung für diesen Job zu verstecken, dann bist du hier vielleicht auch falsch? Und so jemandem soll ich dann Trinkgeld geben? Würde ich irgendjemand anderem zusätzlich Geld zustecken, obwohl er seine Arbeit nicht so macht wie erwartet?

Es gibt zahlreiche Jobs, die lediglich mit dem Mindestlohn vergütet werden, das kann nicht als Sonderfall für die Gastronomiebranche abgestempelt werden. Viele davon sind deutlich anspruchsvoller als mancher Café-Job. Manche bestimmt auch einfacher. Trotzdem bricht bei der Gesellschaft nur den Trinkgeldzwang aus, wenn Essen und Trinken im Spiel sind, oder? Ungerecht. Was ist mit den Menschen, die sich um Deinen Müll kümmern, um Deine Versicherung oder Dein Bankkonto? Und wenn uns Nahrungsmittel ja anscheinend so großzügig machen, warum bekommt dann die Frau an der Supermarkt-Kasse nicht auch Trinkgeld? Mit ihr verbringe ich häufig mehr Zeit als mit einer Kellnerin, die mir ein Bier hinstellt?

Wenn ich wirklich so gut wie gar keinen Kontakt zur Servicekraft hatte und sie es nicht mal geschafft hat, mir ein bisschen Sympathie gegenüber zu zeigen, verzichte ich auf die 10% Regel, die in jedem Benimm-Magazin nachzulesen ist. Das Kleingeld, dass ich dadurch spare, kann ich in die nächste freundliche Bedienung besser investieren, die sagt dann vielleicht auch „Danke“.

Dieses Selbstverständnis für Trinkgeld macht euch arrogant

Dieses Selbstverständnis für Trinkgeld macht euch arrogant, liebe Kellner und Kellnerinnen Augsburgs. Einige von euch befinden sich in einem Teufelskreis aus dem ihr schnellst möglich ausbrechen solltet.

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