Tierversuche in Augsburg: Muss das sein?

2023 soll im Sigma Park die Versuchstierhaltung beginnen. Das löste bei vielen TierschützerInnen erneut Proteste aus. Kann nicht auf Tierversuche verzichtet werden? Wie rechtfertigt die Universität Augsburg die Versuche? Wir haben nachgefragt.

Tierversuche in Augsburg: Muss das sein?

Wie ihr bestimmt mitbekommen habt, entsteht nahe dem Universitätsklinikum Augsburg die Medizinische Fakultät der Universität Augsburg. Die Bauarbeiten des großen Komplexes werden noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Daher will die Universität Augsburg übergangsweise Flächen im „SIGMA-Technopark“ nutzen, um den ersten ProfessorInnen des neuen Forschungsbereichs Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Ein Teil der Räume soll für die Versuchstierhaltung genutzt werden.

Seit das bekannt ist, gibt es Proteste seitens TierschützerInnen gegen die geplante Versuchstierhaltung sowie die Tierversuche. Wir wollen uns in diesem Artikel beide Standpunkte genauer ansehen. Zunächst müssen wir jedoch klären, was genau eigentlich von der Universität geplant ist.

Geplante Tierversuchshaltung der Universität Augsburg

Seit Juni 2020 wird nahe des Universitätsklinikums im Westen Augsburgs gebaut. Hier soll der Medizincampus der Medizinischen Fakultät Augsburg entstehen. Die ersten beiden Gebäude, die 2024 im bezugsfertig werden sollen, sind das Lehrgebäude sowie ein Forschungsbau für das Institut für Theoretische Medizin. In den darauffolgenden Jahren werden weitere Gebäude hinzukommen, darunter das Zentrum für integrierte und translationale Forschung (ZeIT), das 2030 fertiggestellt werden soll. Das Gebäude mit einer Nutzfläche von 13.500 Quadratmetern wird unter anderem Räume für Versuchstiere beinhalten. Auf zirka 1.640 Quadratmetern soll Platz für 8.000 Käfige für Mäuse entstehen. Ein Teil der Flächen soll auch für die Haltung von anderen Tierarten, wie Ratten, Kaninchen, Schweine und Schafe sowie für aquatische Lebewesen, genutzt werden können. Die Haltung von Primaten für Versuchszwecke ist ausgeschlossen.

Übergangsflächen im Sigma-Park

Übergangsweise, heißt von voraussichtlich 2023 bis 2030, nutzt die Medizinische Fakultät Flächen im „SIGMA-Technopark“. Auch in Garching bei München nutzt sie Räumlichkeiten. Hinsichtlich der Tierversuche sind jedoch lediglich die Labore im Sigma-Park relevant, da nur hier Tierversuche durchgeführt werden sollen. Auf einem kleinen Teil der insgesamt 1.400 Quadratmeter großen Laborfläche sollen Kapazitäten für zirka 2.500 Mäuse und 400 Ratten vorhanden sein. Die Haltung anderer Tierarten ist hier nicht vorgesehen.

Ärzte gegen Tierversuche e.V.: Tierversuche sind unnötig

Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ hat sich kürzlich wiederholt gegen die geplante Versuchstierhaltung der Universität Augsburg ausgesprochen. Unter dem Motto „Augsburg muss tierversuchsfrei bleiben“ macht der Verein seit anderthalb Jahren gegen das Vorhaben mobil, sammelt Unterschriften und organisiert Demonstrationen. Testungen am Tier bezeichnet etwa Dr. med. Rosmarie Lautenbacher, Ärztin aus Augsburg und Mitglied des erweiterten Vorstands des Vereins, als „altertümlich“. Es gebe genug Alternativen zum Tierversuch: menschliche Miniorgane oder Multi-Organ-Chips beispielweise.

Ärzte gegen Tierversuche behauptet auch, dass Erkenntnisse aus Tierversuchen gerade im Bereich der großen Volkskrankheiten wie Krebs, Demenz und Diabetes, nicht von Mäusen auf den Menschen übertragbar seien und demnach überflüssig.

Nachgefragt bei der Universität Augsburg

Seitens der TierschützerInnen kommen also große Vorwürfe. Wie reagiert die Universität hierauf und was ist denn nun konkret geplant? Welche Tierversuche werden hier in Augsburg stattfinden und wie sehr werden die Tiere leiden? Die stellvertretende Pressesprecherin der Universität Augsburg, Corina Härning, hat uns unsere Fragen beantwortet.

Warum kann die Universität offenbar nicht auf Tierversuche verzichten?

„Aktuell kommen wir noch nicht um Tierversuche herum“, sagt Corina Härning. Eine Petri-Schale könne noch lange keinen lebenden Organismus ersetzen und auch andere Alternativen zu Tierversuchen, wie etwa Mini-Organe, seien nicht für alle Forschungszwecke ausreichend. Härning betont, dass Alternativen von Forschenden sehr viel und auch in Augsburg vorwiegend genutzt werden sollen. Nur dann, wenn sich keine Alternativmethode zum Tierversuch eigne, werde er durchgeführt. Sie verweist auf das deutsche Tierschutzgesetz, das genau das vorschreibt. Forschende müssen, bevor sie einen Tierversuch starten dürfen, diesen zunächst beantragen. Dafür müssen sie unter anderem belegen, dass ihr Forschungsvorhaben nicht ohne Tierversuche auskommt und der zu erwartende Nutzen des Versuchs das mögliche Leiden des Tieres ethisch rechtfertigt.

Zum aktuellen Zeitpunkt könne die Forschung noch nicht auf Tierversuche verzichten, sagt auch die Initiative „Tierversuche verstehen“. Diese Initiative der deutschen Wissenschaft wird von einigen Wissenschaftsorganisationen zusammen koordiniert, um Forschung transparenter zu machen. Zu den Mitgliedern gehören unter anderem die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG). „Die meisten Alternativmethoden basieren auf Erkenntnissen, die auf vorherige Tierversuche zurückgehen – Es können nur Systeme simuliert und nachgebaut werden, die zuvor komplett verstanden sind", heißt es weiter.

Was wird konkret in Augsburg geforscht und welche Art von Versuchen werden stattfinden?

Im Sigma-Park wird Grundlagenforschung betrieben. Konkret geht es den Forschenden darum, verbreitete Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Demenz besser zu verstehen. Auch soll das Zusammenspiel von Gehirn und Ernährung erforscht werden. Corina Härning nennt uns einen Versuch, der voraussichtlich im Sigma-Park mit Mäusen durchgeführt werden soll. Dabei handelt es sich um einen Fütterungsversuch, bei der eine Gruppe von Mäusen kalorienreiche Nahrung und eine andere Gruppe kalorienarme Nahrung bekommt. Die Forschenden untersuchen die Ausscheidungen der Tiere und wollen so herausfinden, wie das Essverhalten Regelkreise im Gehirn steuert. Auch sollen neurologische Tests durchgeführt werden, bei denen die Tiere beispielsweise über Stege laufen. Allerdings: Zum jetzigen Zeitpunkt sind viele Versuche, die in Augsburg durchgeführt werden, noch nicht absehbar, da noch längst nicht alle ProfessorInnen, mit ihren jeweiligen Forschungsgebieten, berufen wurden.

Warum wird weiterhin mit Tierversuchen über Alzheimer geforscht, wenn doch - wie Ärzte gegen Tierversuche sagen - schon viele Medikamente gegen Alzheimer entwickelt wurden, die bei Mäusen helfen und beim Menschen nicht?

„Die Übertragbarkeit vom Tier auf den Menschen ist ein Problem, dessen sich die ForscherInnen bewusst sind“, sagt Härning. Nicht alle Erkenntnisse können auf den Menschen übertragen werden. Wenn ein Medikament schlussendlich nicht beim Menschen helfe und dementsprechend nicht auf den Markt komme, konnten während des Forschungsprozesses in der Regel trotzdem neue und wichtige Erkenntnisse gesammelt werden. „Fehlschläge helfen für die weitere Forschung, um beispielsweise Zusammenhänge besser zu verstehen“, schreibt auch die Initiative „Tierversuche verstehen“.

Da die Frage der Übertragbarkeit ein sehr komplexes Thema ist, haben wir im Rahmen dieses Artikels lediglich angeschnitten. Wenn ihr mehr darüber erfahren wollt, können wir euch die Website „Tierversuche verstehen“ empfehlen.

Wie sehr leiden die Tiere während den Versuchen?

Härning meint, dass es im Interesse der Forschenden liege, dass es den Tieren möglichst gut gehe. „Valide Messungen lassen sich nur mit einem entspannten Tier machen. Angst oder Schmerzen verzerren das Verhalten der Tiere sowie ihren physiologischen Zustand, sodass keine aussagekräftigen Ergebnisse erzielt werden können. Zudem müssen Forschende bei der Beantragung eines Tierversuches – wie oben beschrieben – rechtfertigen, ob das mögliche Leid des Tieres den Erkenntnisgewinn wert ist. Ein Tier unnötig zu quälen sei illegal.

Plant die Universität Augsburg auch Versuche mit Schafen oder Schweinen?

Nicht am Sigma-Park, jedoch im 2030 eröffnenden ZeIT-Gebäude, sollen neben Mäusen und Ratten auch andere Versuchstiere gehalten werden können. Ob diese räumlichen Möglichkeiten tatsächlich für andere Tierarten genutzt werden, kann Härning zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen: „Da erst 28 von den geplanten 101 ProfessorInnen an der Medizinischen Fakultät feststehen, können wir auch noch nicht absehen, welche Versuchstiere gebraucht werden“, sagt sie.

Werden die Versuchstiere auch von Studierenden zum Üben genutzt?

Diese Frage kann Härning klar verneinen. „Tierversuche werden nur von forschenden ProfessorInnen durchgeführt und sind nicht für Studierende möglich.“ Lediglich Studierende, die für ihre Promotion Tierversuche durchführen wollen, können dies tun.

Was passiert mit den Tieren nach Abschluss eines Versuchs?

„Die meisten Tiere werden nach dem Versuch schmerzfrei getötet“, sagt Härning. Für viele Versuchsaufbauten brauche man im Nachgang außerdem Organe oder Gewebeproben der Tiere, um diese zu untersuchen. Größere Tiere können das Versuchslabor unter Umständen auch lebend verlassen. Laut der Tierschutz-Versuchstierverordnung muss die neue Unterkunft eine Reihe von Anforderungen erfüllen, damit das Tier gut versorgt wird und außerdem keine Gefahr von ihm ausgeht.

Fakten zum Tierversuch, die uns zuvor nicht klar waren:

  • Es leben keine Tiere „auf Vorrat“ in Tierversuchslaboren. Sie werden erst angeliefert, wenn der konkrete Tierversuch bewilligt wurde. In Augsburg wird keine Tierversuchszucht betrieben.

  • Seit 2004 dürfen in der EU keine fertigen Kosmetika mehr an Tieren getestet werden, seit 2009 auch keine kosmetischen Inhaltsstoffe mehr. Produkte, die außerhalb der EU an Tieren getestet wurden, dürfen seit 2013 nicht mehr verkauft werden.

    • Allerdings verweist etwa die Tierschutzorganisation „Peta“ auf Daten vom Center for Alternatives to Animal Testing (CAAT), die belegen wollen, dass weiterhin Stoffe, die auch in der Kosmetik verwendet werden können, sowie solche, die ausschließlich in Kosmetikprodukten zum Einsatz kommen, an Tieren getestet werden.

    • „Tierversuche verstehen“ schreibt, dass manche chemische Stoffe für dem Verbraucherschutz getestet werden müssen. Hier ergab sich zum Teil ein Widerspruch zwischen Tierschutzgesetz und Verbraucherschutz. Das CAAT-Europe wolle diesen jedoch nun in Zusammenarbeit mit WissenschaftlerInnen auflösen.

  • In der Versuchstierhaltung müssen hohe Standards erfüllt werden. Dazu gehört eine Belüftung, Beschäftigungs- und Nistmaterial. Auch ein Mindestmaß an Bewegung ist für die Tiere vorgeschrieben.

  • Pro Jahr werden zirka drei Millionen Tiere in Tierversuchen verwendet und 733 Millionen Hühner, Schweine, Puten, Enten, Schafe und Rinder geschlachtet. 42 Millionen Küken werden für die Eiproduktion getötet. (Jahr 2018; Quelle: Tierversuche verstehen)

  • Tierversuche gehören zu den teuersten Experimenten der Forschung. Angefangen von der Anschaffung, über Pflege, bis hin zu dem aufwändigen Antragsverfahren fallen hohe Kosten an. Alternativmethoden sind im Vergleich viel günstiger.

Schlussbemerkung: Wir wollen mit diesem Artikel Tierversuche in keiner Weise relativieren oder verteidigen. Uns ist es daran gelegen, das Thema möglichst emotionsbefreit zu betrachten und Fakten darzulegen. Wir alle werden uns einig sein und laut Härning ist das auch das Bestreben der Wissenschaft, dass daran gearbeitet werden sollte, Tierversuche in Zukunft ganz zu ersetzen.

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