Tierversuche in Augsburg: Muss das sein? Nein!

Das Thema Tierversuche ist ein hochkomplexes, das uns ziemlich schnell an die Grenzen dessen führt, was wir als Laien durchblicken können. In diesem Artikel wollen wir uns der Sicht von „Ärzte gegen Tierversuche“ auf das Thema widmen.

Tierversuche in Augsburg: Muss das sein? Nein!

Im Zuge des Baus der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg ist auch eine Versuchstierhaltung geplant. 2023 soll diese zunächst im SIGMA-Park in Augsburg beginnen, bevor das entsprechende Gebäude nahe dem Universitätsklinikum auf dem entstehenden Campus der Medizinischen Fakultät fertig ist.

Wir haben bereits darüber berichtet, was genau die Universität Augsburg plant: Wie viele Versuchstiere gehalten werden sollen und welche Tierarten voraussichtlich verwendet werden. Auch hat uns die Pressesprecherin der Universität, Corina Härning, eine Idee davon gegeben, welche Versuche durchgeführt werden. Wobei hier noch keine genauen Prognosen gegeben werden können. All das könnt ihr im folgenden Artikel nachlesen:

Nachdem wir bei jenem Artikel den Fokus auf den Standpunkt der Universität im Hinblick auf die geplanten Tierversuche gelegt haben, wollen wir uns in diesem Artikel noch einmal genauer ansehen, wie die KritikerInnen das Thema einschätzen.

Hierzu haben wir mit Frau Dr. med. Rosmarie Lautenbacher gesprochen. Sie ist praktizierende Psychotherapeutin in Augsburg, Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin und zudem Mitglied des erweiterten Vorstands von „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“.

Die Realität sieht anders aus

„Unter dem Deckmantel des Tierschutzgesetzes darf Tieren nahezu jedes Leid angetan werden, ohne dass es dafür einen medizinischen Nutzen gibt.“ - Dr. med. Rosmarie Lautenbacher

Laut dem Tierschutzgesetz müssen gewisse Tierversuche genehmigt werden. Die Forschenden müssen unter anderem darlegen, warum ihrer Ansicht nach dieser Tiervrsuch unerlässlich ist und welches Leid den Tieren zugefügt werden wird. Dass das Tierschutzgesetzt Tiere schützt, sieht Lautenbacher allerdings nicht. „Das Tierschutzgesetz dient keineswegs dem Schutz von Tieren vor diesen Schmerzen, Leiden und Schäden. Vielmehr werden die Kriterien festgelegt, unter deren Voraussetzung Tiere in Versuchen verwendet werden dürfen“, sagt sie.

Genehmigungsverfahren ist reine Formsache

Das aufwändige Genehmigungsverfahren, das Forschende mit ihrem Tierversuchs-Vorhaben durchlaufen müssen, sei bei genauerer Betrachtung nicht viel mehr als reine Formsache, so Lautenbacher. Es gebe keine Möglichkeiten, einen Tierversuchsantrag abzulehnen. Daran ändere auch die 2021 erfolgte Einführung der von der EU geforderten Überprüfungsmöglichkeit durch die Behörden nichts, kritisiert Lautenbacher. Dass in Deutschland weniger als ein Prozent der Anträge für Tierversuche abgelehnt werden, zeige dass das Verfahren nichts bewirke.

Ethisch korrekte Tierversuche gibt es nicht

Innerhalb des Genehmigungsverfahren muss laut gesetzlichen Vorgaben stets eine Ethikkommission involviert sein. Diese suggeriere aber lediglich, dass ethische Aspekte berücksichtigt werden, so Lautenbacher. „Eine ‚Ethik’-Kommission in Zusammenhang mit Tierversuchen gibt es gar nicht, auch wenn häufig davon gesprochen wird“, sagt sie. Die Kommission stehe der allein entscheidenden Behörde lediglich beratend zur Seite und haben keinen wirklichen Einfluss. Zudem bestehe die Kommission zu einem Großteil aus WissenschaftlerInnen und nur zu etwa einem Drittel aus TierschutzvertreterInnen.

Verbot für Tests im Kosmetikbereich werden untergraben

Seit 2013 dürfen Kosmetikprodukte und Inhaltsstoffe, die an Tieren getestet wurden, EU-weit nicht mehr verkauft werden. Doch durch die Hintertür werden weiterhin Tests mit Chemikalien, die auch in der Kosmetik landen, durchgeführt, weiß Lautenbacher. Die „ECHA“, die „European Chemicals Agency“ beispielsweise, fordere weiterhin eine Tierversuchsplicht für bestimmte Chemikalien, die unter anderem in der Kosmetik Verwendung finden. Darüber hinaus werden die Chemikalien beispielsweise in Reinigungsmitteln, Lacken, in Kleidung oder Elektrogeräten verwendet, so Lautenbacher. „Dieses Vorgehen, das inzwischen sogar für ausschließlich in Kosmetika eingesetzte Substanzen angewendet wird, untergräbt die Verbote und widerspricht der Absicht des Gesetzgebers, nämlich, dass Tiere nicht mehr für Kosmetik leiden und sterben sollen.“

Tierversuche stehen der tierversuchsfreien Forschung im Weg

Die Aussage, dass man aktuell noch nicht auf Tierversuche verzichten könne, sei „schlicht haltlos“, wie Lautenbacher erklärt. „Die tierexperimentelle Forschung steht zunehmend auch innerhalb der Wissenschaft in der Kritik, die biomedizinische Forschung in eine Sackgasse geführt zu haben und immense finanzielle und geistige Ressourcen zu verbrauchen, die der innovativen tierversuchsfreien Forschung vorenthalten werden.“

Organoide, also aus menschlichen Zellen generierte Mini-Organe können verlässliche Resultate liefern, die auch auf den Menschen übertragbar seien, so Lautenbacher. Zudem können diese zu einem „Mini-Menschen“ verbunden werden. Am Tier getestete Medikamente, etwa gegen Alzheimer und Schlaganfall seien am Tier wirksam, beim Menschen fielen sie jedoch durch.

Initiative „Tierversuche verstehen“ ist nicht objektiv

In unserem ersten Artikel zu den geplanten Tierversuchen in Augsburg, haben wir euch auf die Initiative „Tierversuche verstehen“ hingewiesen. Auch die Pressesprecherin der Universität Augsburg bezog sich in vielen ihrer Aussagen auf diese Website. Lautenbacher steht der Initiative allerdings kritisch gegenüber. „‚Tierversuche verstehen’ wurde 2016 als Allianz von Wissenschaftsorganisationen gegründet, die tierexperimentell forschen“, erklärt sie. Die Initiative gebe vor, umfassend und transparent zu informieren. Tatsächlich handele es sich aber um eine Lobby-Organisation, die verharmlosend und beschönigend über Tierversuche spricht. „Vorsitzender der Steuerungsgruppe ist Professor Treue, der Direktor des Deutschen Primatenzentrums der Universität Göttingen, einer Hochburg für Tierversuche. Professor Treue outet seine fehlende Bereitschaft zu dem dringend notwendigen Paradigmenwechsel regelmäßig in abfälligen und ignoranten Kommentaren zu tierversuchsfreien Verfahren und Technologien“, sagt Lautenbacher.

„,Tierversuche verstehen’“ vergibt ein Siegel für „vorbildliche Kommunikation tierexperimenteller Forschung“, mit dem pikanterweise die Mitglieder der Allianz ausgezeichnet werden.“ - Dr. med. Lautenbacher.

Augsburg verpasst eine Chance

Für Lautenbacher sei es nicht nachvollziehbar, warum Augsburg mit der neuesten medizinischen Fakultät Bayerns, die Chance verstreichen lässt, ausschließlich tierversuchsfreie Spitzenforschung zu etablieren. Das wäre innerhalb Deutschlands ein Alleinstellungsmerkmal der jüngsten medizinischen Fakultät Bayerns, so Lautenbacher. Nicht einmal ein Lehrstuhl für tierversuchsfreie Forschungsmethoden sei vorgesehen.

Gründe für die Durchführung von Tierversuchen

Laut Lautenbacher liefert die tierexperimentelle Forschung „katastrophal schlechte Ergebnisse“, die oftmals nicht auf den Menschen übertragbar seien. Warum dennoch weiterhin viele Tierversuche durchgeführt werden, dafür sieht Lautenbacher verschiedene Gründe:

  • Zweckfreie „Neugier-Forschung“ im Bereich der Grundlagenforschung.

  • Tierversuche gelten als „Goldstandard“, ohne auf ihre wissenschaftliche Relevant hin überprüft zu werden.

  • Hohe Summen an Forschungsgeldern, Drittmittel und Stipendien im Bereich der Tierversuchsforschung.

  • Tierversuche garantieren für WissenschaflerInnen Publikationen.

  • Tierversuche stillen die Neugier der Forschenden ohne Rücksicht auf ethische Grenzen zu ergründen.

  • Die Pharmaindustrie sichert sich mit der Durchführung von vorgeschriebenen Tierversuchen gegen juristischen Konsequenzen bei schweren Arzneimittelreaktionen ab.

  • Tierversuchsfreie Forschung wird unzureichend gefördert.

  • Tierversuchsfreie Verfahren müssen erst validiert werden, was 15 Jahre dauern kann. Dies stellt auf dem Weg zur Abschaffung von Tierversuchen eine enorme Hürde dar.

    „Während Tierversuche nie validiert wurden, dienen sie hier absurderweise als Referenz für die Bewertung innovativer tierversuchsfreier Methoden“, so Lauterbacher.

Schlussbemerkung: Wir haben mit diesem und dem ersten Artikel, den wir zum Thema Tierversuche und über die geplante Versuchstierhaltung in Augsburg veröffentlicht haben, zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema skizziert. Von beiden Seiten wurden Argumente vorgebracht, die es einzuordnen gilt.

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