Tatortreiniger – Einmal 9 mit Jörg Naumann

„Der Job hat nicht mein Verhältnis zum Tod verändert, sondern mein Verhältnis zum Leben.“

Tatortreiniger – Einmal 9 mit Jörg Naumann

Der „Tatort“ am Sonntagabend oder die Comedy-Serie „Der Tatortreiniger“ sind Dauerbrenner der Deutschen, wenn es darum geht, was abends auf dem Fernsehen läuft. Aber woher kommt diese Faszination mit dem Tod und hat das Gezeigte viel mit der Realität eines echten Tatortreinigers zu tun? Wir haben Jörg Naumann, den Geschäftsführer der Firma Naumann's-Dienst-Leistungen (NDL), welche sich unter anderem auf die Behandlung, Reinigung und Räumung von Tatorten und Unfall- und Leichenfundorten spezialisiert hat, zu seinem außergewöhnlichen Job befragt.

Wie bist du dazu gekommen als Tatortreiniger zu arbeiten?

Seit 1998 bin ich als Schädlingsbekämpfer tätig und wurde, damals noch als Angestellter, zu einem Einsatz gegen Fliegen und Maden geschickt. Vor Ort angekommen sah ich zum ersten Mal ein Bett in dem eine Verstorbene circa 8 Wochen lag. Nachdem ich mich 2006 selbstständig machte, kamen ähnliche Anfragen und die Frage der Auftraggeber, wer das denn reinigen kann. In der Anfangsphase waren die Aufträge zur Schädlingsbekämpfung noch nicht ausreichend, somit entschloss ich mich, in diesen Bereich einzusteigen.

Ekelst du dich noch oder gewöhnt man sich irgendwann an die verschiedenen Umstände?

Viele Situationen ähneln sich, was eine gewisse Routine mit sich bringt. Ekel gibt es eigentlich nicht mehr, wenn es aber mal besonders heftig wird, kommen eben auch speziellere Gegenstände zur persönlichen Schutzausrüstung zum Einsatz. Ich gehe jedoch davon aus, dass ich immer auf eine Situation stoßen kann, die alles bereits erlebte übersteigen wird.

Was war der krasseste Tatort, den du reinigen musstet?

Die krasseste Tatortreinigung war gleichsam auch einer der ersten Einsätze. Zu jener Zeit war ich noch dabei meine Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln, denn eine Ausbildung dazu gibt es nicht. Ein 26-jährige Mann tötete in München mit einem Messer durch einem Schnitt im Halsbereich seine gleichaltrige Freundin, mit der er zusammen wohnte. Anschließend tötete er noch den Hund, was jedoch nicht sofort gelang, woraufhin die gesamte Wohnung mit Blutspuren versehen war. Aber auch ein Suizid stellt letztendlich einen Tatort dar. Bei Dinkelscherben wurde hierzu eine sogenannte Böllerkanone zum Einsatz gebracht. Das geschah in einem Wohnraum, in dem in jeder Ecke des Raumes entsprechende Spuren zu finden waren. Der Suizidierte wurde ohne Kopf abgeholt.

Weißt du, was am Tatort genau passiert ist?

Wir befragen den Auftraggeber immer nach dem was vorgefallen ist, um uns auch psychisch auf die Situation vorzubereiten. Mit tatsächlichen Tatorten nach Gewaltverbrechen haben wir sehr wenig zu tun. Danach kommen Suizide, wo das Geschehene schnell überblickt werden kann. Ein Tatort nach einem Gewaltverbrechen ist in der Regel mit der Spezialreinigung nach langer Liegezeit eines Verstorbenen kaum vergleichbar.

Schaust du dich in einer Wohnung um, um mehr über den Menschen zu erfahren, der dort gestorben ist?

Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Wenn jemand einem anderen den Schlüssel zum Blumengießen während des Urlaubs übergibt, muss dieser auch damit zurecht kommen, wenn der Beauftragte in den Schränken schnüffelt. Wenn ich mich jedoch auftragsgemäß ausschließlich mit der Leichenliegefläche zu beschäftigen und die Spuren zum Beispiel nach Schusswaffeneinsatz zu beseitigen habe, sind alle nicht dazugehörenden Bereiche der Wohnung tabu. Die meisten Aufträge jedoch beinhalten die komplette Räumung der Wohnung oder des Hauses. Dabei fallen mir zwangsläufig Dokument oder Bilder in die Hände. Da ist es sehr interessant, sich ein Bild über den Verstorbenen machen zu können.

Gibt es Einsätze, die dich länger beschäftigen als andere?

Das komm vor. Dabei geht es aber lediglich um Fragen wie: Wie konnte es zu der Situation kommen? Wieso hat xxx diese Art des Suizid gewählt? Warum hat sich niemand um den Menschen gekümmert?

Hat sich dein Verhältnis zum Tod durch deinen Beruf verändert?

Eher mein Verhältnis zum Leben. Den Tod halte ich für das unabwendbare und ultimative Ende des Seins in jeder Form. Himmel, Hölle oder Reinkarnation sind nicht meine Themen.

Findest du es bedenklich, wenn der ernste Aspekt deines Jobs durch Comedy-Serien wie "Der Tatortreiniger" verloren geht?

Durchaus nicht, obwohl ich "Der Tatortreiniger" nur einmal gesehen habe. Für mich einfach zu weit weg von der Realität eines Tatortreingers. Schwarzer Humor ist jedoch absolut mein Ding, wir können uns doch nicht hinsetzen und voller Angst und Ehrfurcht auf unser Ableben warten. Das Leben ist grundsätzlich lebensgefährlich und lebendig kommt hier sowieso keiner raus.

Was findest du am faszinierendsten an deinem Beruf?

Faszinierend ist dieser Beruf für mich, weil ich hier denen Probleme abnehmen kann, die selbst emotional, psychisch und auch physisch überfordert sind. Darüber hinaus kann ich hier mein komplettes Wissen zum Einsatz bringen. Dazu gehören Schädlingsbekämpfung, der Umgang mit der Leichenliegefläche, Desinfektion und Geruchsbeseitigung. Manche Aufträge werden in wenigen Stunden realisiert, andere ziehen sich über Wochen. Für Außenstehende liegt das fesselnde begründet in der Beschränktheit der eigenen Vorstellungskraft.

Logo