Eine Liebeserklärung an mein Tagebuch

Der Netflixsucht widerstehen und Zettel und Stift zur Hand nehmen. Was bringt uns das?

Eine Liebeserklärung an mein Tagebuch

In meinem Regal stapeln sich bunt eingebundene Büchlein, manche mit Schloss, manche mit pinkem Glitzereinband, die neuesten ganz neutral und unauffällig. Alle haben sie eins gemeinsam: sie haben mich durch schlechte Zeiten gebracht. Ja wirklich, denn wenn es mir gut ging, hab ich sie in den seltensten Fällen gebraucht: meine Tagebücher.

Vom ersten Herzschmerz bis zur ersten 5 in Mathe sind da seit der dritten Klasse alle meine Tiefs verzeichnet. Und was das Tolle daran ist?

Ich kann nur noch schmunzeln über Dinge, wegen denen ich vor 10 Jahren nicht schlafen konnte

Wenn ich heute in einer sentimentalen Sonntagabendstimmung in den mit Schreibschrift beschriebenen Seiten stöbere, kann ich nur noch schmunzeln über die Dinge, wegen denen ich vor 10 Jahren nicht schlafen konnte. Ob es mit den heutigen Problemen genauso sein wird? Ob ich in 10 Jahren sagen werde: Was für ein Witz diese Bachelorarbeit doch war, ähnlich, wie es mir schon jetzt mit dem Abi geht?

Ich weiß es nicht und wenn ich meine Sorgen und Ängste jetzt nicht aufschreibe, werde ich schon bald vergessen haben, dass sie jemals da waren und ich sie gemeistert habe. Das wäre schade, denn nur so weiß ich beim nächsten Mal, dass ich’s schaffen kann, auch wenn ich im Moment nicht daran glaube.

Mein 5. Klass-Ich hat diese weisen Erkenntnisse natürlich noch nicht im Sinn gehabt als es mit dem verkauten Füller sorgfältig am Schreibtisch saß. Das Gefühl die Probleme mit jedem geschriebenen Buchstaben an die Seiten abzugeben war mein Antrieb.

Ähnlich wie eine ausgiebige Heulsession

Ähnlich wie eine ausgiebige Heulsession kann es einfach befreiend sein sich alle Gedanken aus dem Kopf zu schreiben. Ich habe drüber geschrieben, also muss ich das nicht mehr mit mir alleine ausmachen und irgendwie gebe ich damit auch Verantwortung ab, so zumindest waren die Gedanken eines 12-jährigen Mädchens.

Doch auch jetzt noch kann ich das befreiende Gefühl nachvollziehen. Wenn ich meinem ganzen Frust über Corona, das Studium oder die Klimakrise eine Seite widme, dann ist es für mich ein Stück weit abgehakt, die Wut verraucht, zumindest für einen kurzen Augenblick.

Andere werden lieber zeichnen als schreiben, wieder andere lieber Ausdauersport betreiben oder sogar Kochen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Wenn Du Deine Passion noch nicht gefunden hast, versuch zu schreiben, egal wie, egal nach welchem Schema, einfach frei raus. Wenn Du jetzt keine Zeit dafür findest, wann dann?

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