Warum wir uns wieder in mehr unterschiedlichen Kreisen bewegen sollten

Metaler, Yoga-Zirkel, Fußball-Ultras – jeder ist gewollt oder ungewollt Teil von Subkulturen. Sich in mehreren Kreisen zu bewegen hat auf jeden Fall viele Vorteile.

Warum wir uns wieder in mehr unterschiedlichen Kreisen bewegen sollten

Hast Du dir eigentlich schon mal überlegt, was für Rollen Du in deinem Leben spielst? Du bist garantiert jemandes Tochter oder Sohn und möglicherweise sogar schon selbst Mutter oder Vater. Eine Zeit lang warst Du auch mal Schüler, jetzt vielleicht Student, Azubi oder Arbeitnehmer. Du bist Partner*in, Freund*in oder oft auch nur Bekannte*r. All diese Rollen machen Dich zu dem, was Du bist.

Identität durch Subkultur(en)

Dann gibt es noch die Rollen, die zwar nicht so gewichtig wie die bisher genannten sind, aber viel zu deiner Identität beitragen. Denn Du bist – manchmal bewusst, manchmal nicht – auch oft Teil von Subkulturen. Wissenschaftlich heißt das: einer in sich geschlossenen gesellschaftlichen Teilkultur, die sich in ihren Institutionen, Werten, Normen, Bedürfnissen, Verhaltensweisen und Symbolen von der gesellschaftlich dominierenden Kultur unterscheidet. Oder einfach gesagt: Einer Menge an Menschen, die das gleiche denken, machen, mögen oder nicht mögen wie Du mit eigenen Regeln. Also quasi ein Lifestyle, der auf Musikpräferenzen, Hobbies oder persönlichen Einstellungen basiert.

Punk bleibt Punk

Früher waren die Grenzen dieser Subkulturen noch ziemlich starr und ihre Mitglieder haben sich meistens ausschließlich für eine entschieden. Beispiele wären z.B. die Punkszene der 70er Jahre oder die Hippies aus den 60ern. Wer sich ihnen zugehörig gefühlt hat, hat das auch in allen Aspekten seines Lebens verinnerlicht und auch äußerlich gezeigt. Durch Kleidung, Sprache, Freizeitgestaltung, Denkweisen. Ein Punker wäre niemals auf die Idee gekommen, sich für einen Tag eine Blumenkette umzuhängen und im Sitzstreik für ein besseres Morgen zu demonstrieren, während ein Hippie sich nur schwer vorstellen könnte, in verfranzter Leder- und Nietenkluft mit viel Randale auf die Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Die Mitgliedschaft in den Szenen war ziemlich exklusiv, die Hingabe der Einzelnen sehr stark.

Der moderne Nomade

Heutzutage ist das aber ein wenig anders. Einige Forscher sagen das Aussterben der Subkulturen voraus, da sie sich immer mehr im Mainstream eingliedern. Der französische Soziologe Michel Maffesoli hingegen beschreibt die aktuelle Situation als Neotribalismus. Er sieht die Subkulturen als „Stämme“, deren Verbindungen nicht zweckorientiert sind, sondern aufgrund gemeinsamer Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen entstehen. Der einzelne Mensch ist für ihn nicht mehr nur Angehöriger eines Stammes, sondern vielmehr ein „Nomade“, der immer wieder zwischen den sozialen Kreisen und der „Masse“ wechselt auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Er ist sowohl zugehörig als auch außerhalb, zugleich verbunden und getrennt.

Ich persönlich finde diese Theorie absolut zutreffend und praktiziere das moderne Nomadentum ganz bewusst, da es das Leben meiner Meinung nach ungemein bereichert. Als jemand, der einfach unglaublich gerne neue Menschen kennenlernt und jegliches Wissen wie ein Schwamm aufsaugt, macht es unglaublich Spaß, als „Weltenwanderer“ in verschiedene Szenen abzutauchen und sie auch wieder zu wechseln.

Heute Metaler, morgen Hipster

An einem Tag genieße ich es einfach nur, mich beim Metalkonzert mit - natürlich schwarzem - Bandshirt im Circlepit von der treibenden Musik anheizen zu lassen, am nächsten Tag kann ich dann schon wieder im Second-Hand-Vintage-Hemd im kleinen Club stehen und mich so in die zarten Töne des auftretenden Singer/Songwriters einfühlen bis die Augen wässrig werden. Ich liebe es, mich ab und zu in der virtuellen Gaming-Welt zu verlieren; kenne viele Spiele noch aus ihrer Vanilla-Zeit und weiß, was „heal dudu lfg hdw /w me“ im legendären Barrens Chat bedeutet. Ich habe einige sehr sportbegeisterte Freunde, die - wenn ich sie früher kennengelernt hätte - mich bestimmt auch in das passionierte Fan-Sein reingezogen hätten. So habe ich jetzt zwar wenig Berührungspunkte mit dem Sport, lasse mich aber trotzdem immer gerne von meinen Profis anstecken und mit spannenden Insider-Facts zu Fußball, Football, Rugby etc. aufklären.

It’s all about the people

Da sind wir auch gleich beim nächsten Argument für das „umherwandern“: Die Menschen. Durch meine Teilnahme an verschiedenen Kreisen habe ich so viele nette, spannende und vor allem inspirierende Menschen getroffen, die mein Leben definitiv bereichern. Metal-Fans sind beispielsweise die wohl entspanntesten, hilfsbereitesten Konzertgänger, die ich jemals getroffen habe. Gamer sind kreativ, humorvoll und ehrgeizig und wenn jeder mit so einer Passion arbeiten würde, wie sich Sport-Fans in ihr Fachgebiet reinfuchsen können, würde jede Firma laufen wie geölt. Hätte mich ein guter Freund während der Schulzeit nicht in die Manga- und Anime-Welt eingeführt, wären mir wohl viele einzigartige Geschichten entgangen, die es mit den Klassikern der „normalen“ Literatur durchaus aufnehmen können. Und das ließe sich jetzt mit allen Subkulturen fortsetzen.

Gebt anderen Subkulturen eine Chance! Es hat schon einen Grund, warum sich so viele Menschen für ein bestimmtes Thema begeistern lassen. Ich finde es unglaublich befreiend, immer wieder die Rollen wechseln zu können und mit komplett unterschiedlichen Personen meine Zeit zu verbringen. Also Leute, überschreitet mal wieder ein paar Grenzen und lasst euch von anderen Kreisen begeistern!

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