Was macht denn eigentlich ein Geisteswissenschaftler den ganzen Tag?

Auf ein höhnisches Geisteswissenschaftler Klischee folgt ein eingeübter Geisteswissenschaftler-Konter - aber was steckt hinter Klischee und Konter?

Was macht denn eigentlich ein Geisteswissenschaftler den ganzen Tag?

Bevor der Klassiker mit dem Taxi kommt - und der Klassiker mit „Kultur ist super wichtig“: Hier soll keine Verteidigung der geisteswissenschaftlichen Studienfächer folgen - aber auch kein Nachgeben der Klischees. Ganz im Sinne dieser Fächer wollen wir einen Blick darauf werfen, was sich eigentlich hinter Studiengängen wie Germanistik, Philosophie, Geschichte, Literaturwissenschaft verbirgt - und was die Studierenden damit anfangen. Lasst uns also die lästigen Klischees beiseite legen und umschiffen und nur eine einzige Frage stellen: „Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag?“

Wohl kaum eine Fakultät an Universitäten hat ein so breites Spektrum an Studiengängen, als die Geisteswissenschaftlichen. Allein an der Universität Augsburg schließen über 30 Studiengänge mit einem Bachelor oder Master of Arts ab - das Lehramt ist hierbei sogar noch außen vor gelassen. Dennoch sind Studienfächer wie BWL oder Jura insgesamt beliebter, als Ibero-Romanistik oder Nordamerika-Studien. Vermutlich deswegen, weil (Vorsicht Klischee!) man damit auch einen „richtigen“ Job bekommt. Aber was ist da dran?

Tatsächlich sieht es aus meiner geisteswissenschaftlichen Warte ganz danach aus, als sei der Weg eines Jurastudenten schon grob vorgezeichnet: Studium -> Staatsexamen -> Karriere in einer Kanzlei, Gericht oder in der Rechtsabteilung einer großen Firma. Natürlich ist das stark vereinfacht und es gibt bestimmt auch noch andere Jobs für Juristen, als Anwalt oder Richter, aber ein Blick auf mein Studium ist da etwas wirrer.

Bachelor of Arts mit dem Hauptfach Geschichte und Nebenfach Germanistik.

Also Studium -> Bachelorarbeit -> evtl. Masterarbeit-> ?. Das Fragezeichen ist hier ganz groß, denn es gibt eben für die Geisteswissenschaften - sofern sie keine Lehramtsstudiengänge sind - keinen klassischen Weg. Dennoch enden wir Historiker nicht (Vorsicht Klischee!) im Taxiunternehmen.

Wenn man uns fragt, was man mit unserem Studium mal machen kann, ist die Antwort ganz oft: „Unser Spektrum ist weit gefächert. Das kann man gar nicht konkret sagen, weil man sooo viel damit machen kann.“ Solche Aussagen sind gefährlich, denn Studiengänge, mit denen man soo viel machen kann, sind meistens die, bei denen man sich schon sehr früh Gedanken machen muss, wohin es gehen soll. Tatsächlich gibt es viele Jobs für uns: Eine Karriere an der Uni, Journalismus, Kulturmanagement, Verlagswesen, Lektorat, Medienarbeit, Werbeagenturen, etc. etc… Doch Vorsicht (kein Klischee, sondern Rat): Mit „zeitig Gedanken machen“ meine ich, rechtzeitig Praktika oder Nebenjobs absolvieren. Das hilft später bei der Suche nach einem „richtigen“ Job ungemein weiter - gerade bei Geisteswissenschaftlern.

Selbstverständlich sind Praktika nichts, was ausschließlich für Historiker, Germanisten oder Philosophen wichtig ist, aber dennoch sind das eben Studiengänge, die auf keinen bestimmten Beruf vorbereiten, sondern - ja, was machen die eigentlich den ganzen Tag? (Vorsicht Klischee!) Nur herumschwafeln und Texte lesen?

Manche Klischees setzt man sich ja ein bisschen auch selbst, weil man sie leben möchte. Keine Lust auf Mathe und man liebt es zu lesen? -> Germanistik. Durchaus kreuzen sich hier Klischee und Realität, denn tatsächlich sind viele Germanistikstudenten (zumindest die, die ich bislang kennengelernt habe - mich mit eingeschlossen) im Matheunterricht eher mäßig erfolgreich gewesen. Das viele Lesen hat sich allerdings nur auf Fachtexte realisiert - und, dass Fachtexte lesen kein Abends-im-Bett-Roman-Lesen ist, ist auch Nicht-Geisteswissenschaftlern bewusst.

Tatsächlich sind Geisteswissenschaftler also hauptsächlich mit Lesen beschäftigt, allerdings auch mit viel Recherchearbeit, da es auf viele gestellte Fragen nicht nur die eine richtige Antwort gibt. Oft gibt es sogar gar keine befriedigenden Antworten und wir zerbrechen uns unsere Köpfe darüber, wie wir wenigstens eine zufriedenstellende Erklärung für ein Problem finden können.

Das mag alles zwar sehr vage und ungenau klingen, aber genau das macht das Studium aus: Unser Forschungsgegenstand ist das, was Menschen den ganzen Tag so machen: Was sie sprechen, warum sie sagen was sie sagen, was sie schreiben, wie sie leben, wie sie früher lebten, wie sie ihren Alltag gestalten. Und da es eben nicht den einen Menschen gibt, der nur in deutscher Sprache spricht, lieber „aber“ als „jedoch“ sagt und eher Rockmusik als Klassische hört, sind unsere Antworten ebenso vielseitig, wie unsere Forschungsgegenstände.


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