Jonas Riegel – einmal 9 mit einem jungen Ehrenamtlichen

Vorsitz, ehrenamtliches Engagement, Mitarbeit beim MODULAR: wie lässt sich das mit Job und Privatleben vereinen? Wir haben mit Jonas Riegel gesprochen.

Jonas Riegel – einmal 9 mit einem jungen Ehrenamtlichen

Jonas Riegel ist seit Juni 2019 Vorsitzender des Stadtjugendrings Augsburg, engagiert sich dort und bei den Pfadfindern schon lange ehrenamtlich für die Jugend, setzt sich für eine umweltfreundliche und reibungslose Organisation des MODULAR Festivals ein und hat wie wir alle natürlich auch ein Privatleben. Was treibt ihn an und wie bekommt er das alles unter einen Hut? Wir haben uns mit dem jungen Energiebündel getroffen und nachgefragt.

1. Wie bist Du zum Stadtjugendring und in den Vorsitz gekommen?

Ich habe den SJR als Jugendlicher in den Juzes, als Leiter der Pfadfinder und zuletzt über mein Engagement beim MODULAR kennengelernt. Ende 2017 wurde ich in den Vorstand gewählt. Bei der Nachfolgerfrage um den Vorsitz habe ich mir die Zeit genommen und zahlreiche Gespräche geführt, um die Entscheidung für eine Kandidatur abzuwägen. Immerhin bewirbt man sich für die Gesamtverantwortung einer Organisation mit 123 Mitarbeitenden und einem Haushalt von über 6 Mio. Euro. Schließlich habe ich mich dazu entschieden, mit meinen Ideen und vollem Elan im Gepäck um die Wahl zum Vorsitzenden zu bitten.

2. Was möchtest Du als Vorsitzender erreichen, was liegt Dir am Herzen?

Mein Stellvertreter und ich setzen uns einmal wöchentlich mit dem Geschäftsführer zusammen, um das Tagesgeschäft zu besprechen und Entscheidungen bezüglich der Verwaltung zu erarbeiten. Einmal monatlich berufe ich eine circa vierstündige Vorstandssitzung ein – dazu gehören die Vorbereitung, die Sitzungsleitung und das Kümmern um eine gute Zusammenarbeit.

Die Jugend muss mitentscheiden!

Zudem verstehe ich mich als Sprachrohr für die Jugend in Augsburg. Dafür treffe ich mich mit Vertretern der Politik und der Presse und spreche bei öffentlichen Auftritten für den SJR: Die Jugend muss mitentscheiden! Ein guter Start wäre zum Beispiel, das Wahlalter auf 14 zu senken. Wir haben dazu ein Partizipationskonzept veröffentlicht, aber Augsburg kommt hier einfach nicht in die Gänge – das muss sich ändern. Darüber hinaus sind die Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kommunikation wichtige Grundelemente meines Engagements.

3. Hast Du da nicht überlegt, direkt in die Politik zu gehen?

Das bin ich doch schon. Ich setze mich für das ein was ich ändern möchte. Dafür muss ich mich nicht einer Partei anschließen.

4. Wie lassen sich Ehrenamt, Job und Privatleben vereinen?

Das lässt sich ziemlich gut vereinen. Ich habe mich früh damit befasst, wie ich effektiv arbeiten kann. Während der Schulzeit haben wir uns Projekte ausgedacht und nebenzu auf eigene Faust durchgezogen. Dadurch stellte sich früh die Frage: Was kann ich an einem Tag bewirken? Von Vorteil ist es sicher, sich selbst zu kennen und individuell passende Methoden einzusetzen. Dazu gehören für mich eine klare Prioritätensetzung, Nein-Sagen und Delegieren-Können genauso wie Durchhaltevermögen, Widerstandslust und Kommunikationsfähigkeit. Wichtig ist mir Ausgeglichenheit im Alltag, Abwechslung bei der Arbeit und privat darf’s gern der Ausbruch ins Abenteuer sein. Zwischen die Erwartungen an die eigene Leistung und sich genug Zeit für sich selbst zu nehmen passen dann bei mir auch noch Freundin, Freunde und Familie. Von denen bekomme ich viel Verständnis und Rückhalt – dafür bin ich unendlich dankbar.

5. Was hast Du durch’s Ehrenamt gelernt, welche Erfahrungen sind für Dich besonders wertvoll?

Das, was vor allem mit fingerzeigenden Lehrern, Notensystemen und Leistungsdruck nicht funktioniert: Ich habe mein “Wer bin ich? Was will ich machen? Warum?” kennengelernt. Auf freiwilligen Fort- und Weiterbildungen habe ich mein Facettenreichtum geprägt und mein Fachwissen gestärkt. Veranstaltungsmanagement, Moderation von Workshops, Prävention sexualisierter Gewalt oder auch musische Fähigkeiten sind nur einige Beispiele. Ich hatte tolle Demokratie-Erlebnisse in verschiedenen Teams: von lokalen Ortsgruppen über die Bundesversammlungen bis zu europaweiten Konferenzen. Besondere Momente wie Lagerfeuer mit Gitarren und Gesang in Paris, Oslo oder Bukarest gehören sicher auch zu den unersetzlichen Momenten.

6. Du bist gebürtiger Augsburger: Was gefällt Dir hier so gut, dass Du immer noch da bist?

Ich habe mich nach meinem Studium in einer anderen Stadt bewusst wieder für meine Heimat entschieden und mich neu in sie verliebt. Als Jugendliche suchten wir uns den Freiraum vor allem in der Natur. Ob im Wäldle am Oberen Feldweg, am Lochbach hinter der Martinistraße, auf einem alten Bunker hinter EADS oder zwischen Erdhügeln am alten Flugplatz. Mittlerweile wohne ich in der Innenstadt und finde die Nähe zum Siebentischwald, zu den Seen, den Stadtbächen, den Parks und die Vielfalt, die immer wieder für neue Entdeckungen sorgt, sehr attraktiv.

7. Welche Aufgaben warten mit dem Vorsitz beim SJR auf dem MODULAR 2020 auf Dich?

Bisher habe ich vor allem geholfen, das Festival umweltfreundlicher zu gestalten und operativ mit meinem Trash-Hero-Team Kippenstummel und Konfetti aus dem Rasen zu pflücken. Aktuell setze ich mich wöchentlich mit dem Festivalleiter und der Programmverantwortlichen zusammen und begleite die Weiterentwicklung des Festivals intensiv. Vor Ort werde ich als einer von 450 Ehrenamtlichen dafür sorgen, dass unser geliebtes MODULAR ein friedliches, außergewöhnliches, offenes und jugendkulturelles Projekt wird. Natürlich gibt es da für den Vorsitz noch die ein oder andere Rolle einzunehmen, beispielsweise bei der politischen Außenvertretung oder im Krisenstab.

8. Warum der SJR, warum das Ehrenamt? Gab es nicht auch mal Zeiten, wo Du keine Lust mehr darauf hattest?

Weil ich Menschen inspirieren, begeistern und befähigen möchte, ihre ganz persönlich begründete Wirkung für eine bessere Welt einzubringen. Aber auch die Vielfalt in allen Bereichen, die offene Zugänglichkeit unserer Angebote, das herausfordernde Lernfeld, die Jugendkultur und der Spaß am Neuen. Dafür bietet der SJR eine weitreichende Plattform, eine liebevolle Community und ein Team mit mächtig Tatendrang.

In einer bockigen Phase in der Pubertät haben wir mal einen Boykott von Gruppenstunden angezettelt, da gab’s dann eine kleine Pause. Während den anstrengenderen Studienphasen musste ich klare Prioritäten setzen, da schafft man dann natürlich bewusst weniger.

9. Was gibst Du Leuten mit, die sagen, dass sie keine Zeit für ein Ehrenamt haben?

Es gibt so viele Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern um mehr Zeit für wichtige Dinge aufbringen zu können. Eine gute Morgenroutine zum Beispiel: Aufstehen statt Snooze zu drücken, kein Handy-Check im Bett, Musik hören in der Dusche, Nachrichten beim Frühstück hören/lesen/schauen. Oder zugfahrend arbeiten statt das Auto zu lenken. Meinen Konsum von Serien und Social Media habe ich als „nicht so wichtig“ reflektiert und gehe dementsprechend sparsam damit um. Zieht Euch mal die ARTE-Playlist “Süchtig nach Dopamin” rein.

Wenn man sich im Hamsterrad gefangen fühlt oder das “Warum?” aus dem Fokus verliert: ausbrechen. Besonders an stressigen Tagen einfach 10 Minuten meditieren, Hirn durchpusten und abschalten – beim Sport oder mit Freunden bei einer Wanderung im schönen Allgäu. Generell gilt: Freunde treffen und soziales Engagement kombinieren. Und wenn man sich immer wieder klar macht, warum man etwas tun möchte, fällt es einem viel leichter, sich die Zeit dafür zu nehmen. Ich habe für mich festgestellt, dass ich jeden Tag einen bedeutsamen Beitrag leisten möchte – das motiviert mich.

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