Ab nach Wien: Warum Jonas Riegel den Stadtjugendring verlassen hat

Im Juni saß er noch mit Polizei und Feuerwehr an einem Tisch, um das Modular Festival zu planen. Nun hat Jonas Riegel seinen Posten als Vorsitzender des Stadtjugendrings Augsburg frühzeitig niedergelegt.

Ab nach Wien: Warum Jonas Riegel den Stadtjugendring verlassen hat

Gerade einmal drei Monate ist es her, als Jonas Riegel zusammen mit den Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen des Stadtjugendrings Augsburg (sjr) das Modular Festival am Gaswerk plante. Dieses Jahr war das große Comeback, ganz ohne Corona-Einschränkungen. Mittlerweile lebt er in Wien und ist nicht mehr Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Augsburger Jugendorganisationen. Wir haben uns mit ihm zu einem Spaziergang im Siebentischwald getroffen.

Hallo Augsburg: In einem früheren Interview meintest du, dass du dich neu in deine Heimat Augsburg verliebt hättest. Wie kam es dann zu dem Umzug nach Wien?

Jonas: Meine Partnerin kommt aus Wien. Ich habe sie bei den Pfadfindern in einem Zeltlager kennen- und lieben gelernt.

Hallo Augsburg: Wie schaut es jobtechnisch aus? Hast du in Wien schon etwas Neues gefunden?

Jonas: Ich befinde mich gerade in einer Zwischenphase und bin auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Ich war vorher im Bereich Digitalisierung beratend tätig und suche jetzt nach etwas Neuem. Ich habe keine Angst, dass es in meiner neuen Heimat zu wenige Jobs im IT-Bereich gibt. Da findet man immer etwas. Seltener ist es, Menschen zu finden, die man gerne um sich hat und Projekte zu begleiten, die wirklich etwas Bedeutendes bewegen. Das ist mir persönlich superwichtig.

Hallo Augsburg: Was hast du dir damals als Vorsitzender zum Hauptziel gesetzt?

Jonas: Damals bei der Vollversammlung habe ich vier konkrete Inhalte genannt. Diese habe ich immer stets verfolgt, auch während Corona. Zum einen wollte ich die Partizipation in Augsburg stärken. Es ging dabei vor allem darum, junge Menschen aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft und Politik teilhaben zu lassen. Zum anderen wollte ich die Digitalisierung im Jugendarbeitsleben ins Rollen bringen. Dann gab es noch den Punkt Nachhaltigkeit, den wir mittlerweile Klimagerechtigkeit nennen. Spätestens seit „Fridays for Future“ und dem in Augsburg kontroversen Klimacamp, ist allseits bekannt, was wir damit erreichen wollen. Das wären unter anderem nachhaltige Mobilität, Fairness und eine sozialgerechte Eindämmung des Klimawandels. Der letzte Punkt war Kommunikation, sprich, wie der Stadtjugendring kommuniziert, aber auch wie wir als Vorstand mit jungen Menschen ins Gespräch kommen.

Hallo Augsburg: Würdest du behaupten, dass du diese Ziele gut umgesetzt hast?

Jonas: Das spielt tatsächlich keine so große Rolle für mich, schließlich haben wir mit der Corona-Krise erstmal eine noch nie da gewesene Phase überstehen müssen. Der angesetzte Digitalisierungsschub half natürlich dabei, indem wir beispielsweise bereits vor Pandemie-Beginn Microsoft Teams eingeführt hatten. Während unserer ganzen Arbeit der letzten Jahre mussten wir auf dynamische Veränderungen eingehen, die junge Menschen besonders getroffen haben. Ich denke meine Offenheit und mein Verständnis waren da wichtiger, als die anfangs gesetzten Zielvorstellungen eins zu eins umzusetzen.

Hallo Augsburg: In der Erklärung deines Rücktritts stand, dass es weiterhin eine große Herausforderung sein wird, die Mitgliedsorganisationen zu unterstützen. Gibt es ein Konzept?

Jonas: Während der Pandemie haben wir neue Förderungen vor allem für Digitalprojekte vergeben. So konnten die Mitgliedsorganisationen beispielsweise Geld für Computer oder Lizenzen ausgeben. Über meinen Rücktritt hinaus gibt es das Konzept „Restart‘n“. Problematisch ist, dass in Jugendverbänden die Leute kommen und gehen. Es ist für viele Vereine und Verbände schwierig, das Engagement am Leben zu halten. Der Wiederaufbau der Strukturen und Angebote der Jugendorganisationen sowie die ehrenamtliche Jugendarbeit wiederzubeleben war und ist Ziel des Konzeptes.

Hallo Augsburg: Was würdest du im Nachhinein anders machen?

„Dann ging die ganze Zoomerei los.“

Jonas: Ich glaube, dass die Arbeit in den vergangenen drei Jahren für uns alle vor allem auf der Beziehungsebene schwieriger geworden ist. Das lag bei mir zum einen daran, dass ich kaum vor Ort war. Ich war seit dem ersten Lockdown in Wien. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, hätte ich das ein oder andere Mal öfter den Hörer in die Hand nehmen und meine Leute im Vorstand oder der Geschäftsstelle anrufen können, um den persönlichen Kontakt aufrecht zu erhalten. Dann ging die ganze „Zoomerei“ los. Dabei wäre es wichtig gewesen, auch hier mehr Einzelgespräche zu führen. Grundsätzlich ist es einfach etwas anderes, wenn man sich vor Ort zusammen bei einer Versammlung trifft oder zwischen Tür und Angel einfach einmal ein Nebengespräch mit Politiker:innen führen kann.

Hallo Augsburg: Also hast du dich zwangsläufig vom Stadtjugendring distanziert?

Jonas: Nicht distanziert, aber ich weiß, dass die Distanz das persönliche Miteinander schwierig gestaltet. Außerdem will ich in Wien bleiben. Es macht keinen Sinn, die Jugend in Augsburg zu vertreten, wenn man seinen Hauptwohnsitz in Wien hat.

Hallo Augsburg: Deinen Vorsitz hast du aufgegeben, aber deine jugendorientierte Haltung nicht? Vor drei Jahren hast du dich für die Herabsetzung des Wahlalters auf 14 ausgesprochen.

Jonas: Ich bin immer noch dafür, auf jeden Fall. Safe!

Hallo Augsburg: Denkst du nicht, dass Jugendlichen in dem Alter die nötige Expertise fehlt, um solch eine wichtige Entscheidung zu treffen?

Jonas: Ich glaube, dass unabhängig vom Alter oftmals die Expertise fehlt, um solch eine Entscheidung zu treffen. Gerade weil den jungen Menschen diese Möglichkeit nicht gegeben ist, fallen politische Entscheidungen gegen ihre Lobby. Es gibt die Idee, einen Wahlführerschein einzuführen, sprich, dass man erst eine Prüfung ablegen muss, um dann im Nachhinein wählen zu dürfen. Es gibt auch kreativere Konzepte wie das Familienwahlrecht, also dass Eltern für ihre Kinder mitwählen, weil sie im Prinzip über ihre Zukunft entscheiden.

Hallo Augsburg: Aber das ist doch Blödsinn. Vor allem unter dem Aspekt, dass Kinder und Jugendliche oft eine ganz andere Ansicht als ihre Eltern vertreten.

Jonas: Ja klar. Ich vertrete dieses Konzept auch nicht. Erstmal sollten Jugendliche ab 14 Jahren wählen dürfen. Ich finde, dass sich dahingehend unsere Demokratie verändern sollte.

Hallo Augsburg: Wenn ich mich zurückerinnere, habe ich mich mit 14 Jahren überhaupt nicht mit Politik ausgekannt, geschweige denn, mich dafür interessiert.

Jonas: Die Frage ist, was war zuerst da? Das Wahlalter oder das Interesse?

Hallo Augsburg: Aber selbst, wenn das Wahlalter heruntergesetzt wird – vielleicht wollen sich Jugendliche in dem Alter noch nicht damit auseinandersetzen.

„Dass manche Quatsch wählen, gibt es immer.“

Jonas: Ich glaube tatsächlich auch, dass viele uniformierte Menschen über 18 Jahren zum Wählen gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Herabsetzen einen großen Unterschied macht – nämlich, dass Menschen früher beginnen, ihre Umgebung als gestaltbar wahrzunehmen und sich daraus mehr politisches Engagement entwickeln kann. Dass manche Quatsch wählen, gibt es immer. Oder sie wählen gar nicht.

Hallo Augsburg: Zurück zu deinem alten Posten. Hat der Stadtjugendring denn schon jemanden im Auge, der als nächstes das Amt des Vorsitzenden belegen könnte?

Jonas: Mein Stellvertreter, Daniel Schweiger, übernimmt erstmal die nächsten drei Monate. Danach wird die Versammlung wählen. Wir haben zwar im Vorstand bereits besprochen, wer was als nächstes machen könnte, allerdings kann sich das situationsbedingt immer schnell ändern und letztlich entscheidet die Vollversammlung der Jugendorganisationen am 23. November.

Hallo Augsburg: Aber man muss etwas geleistet haben, um als Vorsitz gewählt zu werden?

Jonas: Weiß nicht… gar nicht unbedingt. Das Wichtigste ist, dass man offen und kommunikativ ist. Außerdem sollte man eine gute Portion Zeit fürs Ehrenamt mitbringen. Wenn man beispielsweise gleichzeitig in drei verschiedenen Verbänden ehrenamtlich aktiv bleibt, hat man einfach nicht genug Zeit, um sich umfassend mit dem Stadtjugendring zu befassen. Dennoch muss keiner der „Oberehrenamtliche“ aus einem Verein sein.

Hallo Augsburg: Zur Inspiration für potenzielle Kandidat:innen: Was war der schönste Moment in deiner Zeit als Vorsitzender?

Jonas: Puh, da gab es viele. Die schönsten waren tatsächlich immer die, in denen ich auf Menschen traf. Dazu gehören die Vollversammlungen. Auch wenn sie während Corona vorwiegend digital waren, hat es mir trotzdem getaugt, meine Leute über Zoom zu sehen. Auch die Feiern und Feste waren immer etwas Besonderes. Im Sommer haben wir zum Beispiel ein Grillfest veranstaltet. Ein Highlight ist immer das Modular Festival in Augsburg. Insgesamt sind die schönen Momente der kollegialen und freundschaftlichen Stimmung der ganzen Organisation zu verdanken. Das ist unbeschreiblich und wird für immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Hallo Augsburg: Was sind deine Pläne für die Zukunft, abgesehen von der Arbeitssuche?

Jonas: Die vergangenen Jahre haben uns gelehrt, dass Zukunftspläne zu schmieden nicht immer sinnvoll ist. Ich glaube, dass sich das nicht so schnell ändern wird. Wenn die ganze Welt hohl dreht, will ich zum Beispiel nicht so etwas wie eine Weltreise planen und es mir nur gut gehen lassen.

Hallo Augsburg: Könntest du, aber…

Jonas: Könnte ich, ja. Und wenn ich dann irgendeinen Plan fein säuberlich geschmiedet hätte, wäre ich am Ende vielleicht nur enttäuscht. Deswegen will ich mich einfach nur vorbereiten auf das, was kommt und lernend voranschreiten. Ich will glücklich im Leben stehen und da gehört vieles dazu. Familie und irgendwann vielleicht eine eigene. Zum anderen wäre da der Sport, die Freizeit und vielleicht wieder die Übernahme eines Ehrenamtes in Wien. Ich bin bisher ganz gut im „Flow“.

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