Obdachlos in Zeiten von „Stay Home“

Corona nervt uns alle. Aber habt ihr schon mal an die Schwächsten unserer Gesellschaft gedacht? Wie geht es Obdachlosen mit der Krise? Wir haben nachgefragt.

Obdachlos in Zeiten von „Stay Home“

In der Klinkertorstraße befindet sich der SKM Augsburg, der katholische Verband für soziale Dienste. Er ist eine Anlaufstelle für Menschen ohne Wohnsitz und Menschen in Not. Der SKM gibt Essen und Kleidung aus, bietet (Rechts-)beratung an und vieles mehr.

Ich treffe mich mit Pia Haertinger, die seit 16 Jahren beim SKM arbeitet. Sie erzählt mir, wie die Menschen, die auf die Hilfe des SKM angewiesen sind, den Lockdown erlebt haben und wie die Corona-Krise die Arbeit des SKMs beeinträchtigt.

Wer kommt zum SKM?

„Etwa 180 Personen besuchen die Wärmestube regelmäßig. Das sind Menschen, die auf der Straße leben, aber auch Menschen, die große finanzielle Probleme haben und Unterstützung suchen“, erzählt Frau Haertinger.

„Seit Corona kommen mehr Menschen her.“

„Durch corona-bedingte Kurzarbeit konnten manche ihre Wohnung nicht mehr halten oder andere laufende Kosten nicht mehr begleichen. Das kann schnell gehen und es kann jeden treffen. Das muss man sich immer wieder bewusst machen.“

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Angebote des SKM?

„Wegen Corona mussten wir unsere Wärmestube schließen. Der Raum ist zu klein, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Deshalb wird das Essen derzeit nur ausgegeben und kann nicht vor Ort gegessen werden. Die Grundversorgung läuft weiter, aber alles etwas entzerrt. Auch wichtige Sprechstunden finden weiter statt“, erzählt Frau Haertinger.

Die Corona-Maßnahmen bei den Bedürftigen durchzusetzen, wäre kein Problem, meint sie. Schließlich gehörten viele selbst zur Risikogruppe. Ein Großteil hätte Suchtprobleme. Da wäre eine Ansteckung mit Corona katastrophal. Maskenmangel hätte die SKM dank großzügiger Spenden auch keine gehabt.

Wie ging es obdachlosen Menschen während des Lockdowns?

„Für Menschen ohne Dach über dem Kopf war der Lockdown eine sehr schwere Zeit“, meint Pia Haertinger. Während dem Lockdown, war es nicht erlaubt, sich irgendwo an einen öffentlichen Platz hinzusetzen. Probleme mit den Behörden waren somit vorprogrammiert. Die Lösung: Die Menschen mussten sich als obdachlos ausweisen können. Die SKM gab daher entsprechende Briefe aus, die vorgezeigt werden konnten.

„Ein großes Thema war auch die Frage, wo auf Toilette gehen? Wo mal mit Seife die Hände waschen?“, berichtet Frau Haertinger. Die öffentlichen Toiletten hatten geschlossen und es gab auch keine Möglichkeit in Kaufhäusern, Bibliotheken oder der City Galerie sanitäre Anlagen zu nutzen. Alles war zu.

Die für die Eindämmung des Virus so wichtige Hygiene konnten Obdachlose nur schwer, bis kaum einhalten.

Frau Haertinge erklärt mir, dass viele Obdachlose sich mit Pfandsammeln etwas dazu verdienen, aber Pfandflaschen während des Lockdowns kaum zu finden waren. Auch der Verkauf der Riss-Zeitung (Obdachlosenzeitung) fiel aus. Und das bis jetzt. 1-Euro-Jobs, wie sie auch die SKM anbietet, fielen natürlich auch weg.

Für Menschen ohne Wohnsitz fehlte mehr denn je der private Rückzugsort, an dem die Maske runter und man unbeschwert sein kann. Dabei sei das für die Erholung der Psyche besonders wichtig, weiß Frau Haertinger.

„Privater Wohnraum hat einen unschätzbaren Wert. Das wurde uns glaube ich allen während des Lockdowns bewusst.“

Wie ist die Situation jetzt?

„Wir arbeiten zurzeit existenzsichernd“, erklärt Frau Haertinger. „Wir können Essen ausgeben, die Menschen können die Duschen benutzen (unter den entsprechenden Voraussetzungen). Dafür müssen die Bedürftigen allerdings draußen an der Straße aufgereiht anstehen. Ist das würdevoll?“ Dass sich die Menschen tagsüber nicht in der Wärmestube aufhalten können, sei ein großen Verlust der sozialen Komponente, meint Frau Haertinger. Diese sei aber bei einer sozialen Einrichtung am wichtigsten. Dazu zählen auch persönliche Beratungsgespräche. „Gespräche sind zurzeit zwar möglich, aber nur unter unbequem und umständlichen Bedingungen“.

Menschen, die zur Risikogruppe gehören, kommen bis heute nicht zu den 1-Euro-Jobs, die ihre finanzielle Not etwas lindern würde, erzählt sie weiter. „Aber es ist gut, dass sie sich keinem zusätzlichen Risiko aussetzen wollen.“

Wie geht es mit der SKM weiter?

Frau Haertinger macht sich Sorgen, wenn sie an den Winter denkt: „Wenn die kalten Herbstwinde kommen und die Wärmestube immer noch geschlossen bleiben muss, wäre das schlimm. Wir überlegen schon, wo wir eine zweite Wärmestube einrichten könnten, um mehr Platz zu gewinnen. Das ist besonders wichtig, denn die Wohnungslosigkeit nimmt stetig zu.“

Zum Schluss gibt es doch noch einen kleinen Lichtblick: In der Stettinerstraße in Lechhausen enstehen gerade neue helle Wohnungen, ausschließlich für Obdachlose oder Menschen, die derzeit in Übergangswohnheimen leben. „Menschen, die jahrelang in Überganswohnheimen leben, können hier endlich eine Bleibe finden, die sie bei dem Start in eine bessere Zukunft unterstützt.“

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