Warum es manchmal notwendig ist, sich aufzuregen - und wann

So manchem Hobby-Choleriker wird oft gesagt, er solle sich nicht wegen jeder Kleinigkeit aufregen - und das stimmt auch. Eine vollkommene Rage-Enthaltsamkeit ist aber auch nicht die ideale Lösung.

Warum es manchmal notwendig ist, sich aufzuregen - und wann

Lange Zeit dachte ich, Wut wäre die unnützeste Emotion überhaupt. Denn wenn man sich in einer Situation der Aggression hingibt und sich der rote Schleier über die Augen legt, wird einem jegliche Möglichkeit genommen, die Ursache der Wut zu beseitigen. Sogar der Dalai Lama hat schon gesagt: In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz.

Kleines Beispiel gefällig? Ich sitze am PC und er rauscht mir während einer wichtigen Arbeit ohne Vorwarnung ab. Rege ich mich daraufhin dann so gepflegt auf, dass sogar ein Donald Duck oder Rumpelstilzchen vor Scham im Boden versunken wären, wäre zwar viel passiert, aber außer Schimpfwörter-Schleudern und Rechnerverdreschen wäre ich ich der Lösung des Problems kein Stück näher gekommen. Stattdessen schlucke ich die aufwallende Wut lieber herunter, atme zwei, drei oder auch zwanzigmal tief durch und konzentriere mich darauf, so schnell wie möglich dem zugrundeliegenden Problem auf die Schliche zu kommen, warum MEIN DAMISCHER COMPUTER SCHON WIEDER ABGESCHMIERT IST ZEFIX.

Es geht auch ohne (aber nicht immer)

Bis vor ein paar Monaten hätte ich auch gar nicht mal mehr gewusst, wann ich das letzte Mal wirklich wütend gewesen war. Selbst Diskussionen, die zu einem Streit hätten anwachsen können, habe ich bisher immer durch einen kühlen Kopf, Einsicht und Kompromisse rechtzeitig abschwächen und lösen können. Und das werde ich auch weiterhin hoffentlich beibehalten. Trotzdem habe ich aber mittlerweile gelernt, dass es durchaus nicht gesund ist, ganz der Wut zu entsagen und in welchen Situationen sich aufzuregen durchaus angebracht ist.

Fight for your rights

Denn es ist auch überhaupt nicht vorteilhaft, wenn man alles in sich hineinfrisst und über sich ergehen lässt. Warum soll ich jedes Mal, wenn ich mich z.B. falsch behandelt fühle, um des Friedens Willen still bleiben? Wenn nicht über die Probleme gesprochen wird, kann sich auch nichts ändern. Deshalb ist Ungerechtigkeit einer der Punkte, bei denen ich es durchaus angebracht finde, wütend sein zu dürfen und seinem Ärger Luft zu machen. Und dabei muss es natürlich nicht nur ein egoistischer Grund sein, ich steigere mich auch gerne sehr schnell in eine Schimpf-Tyrade rein, wenn ein Kollege/eine Kollegin oder ein Freund/eine Freundin ungerecht behandelt werden und gar nichts dafür können. In solchen Fällen ist es meiner Meinung nach extrem wichtig, dass der Unmut geäußert wird, damit sich der Status Quo zum Besseren verändert. Das dürften auch viele andere Menschen im letzten Jahr so gesehen haben, wenn man sich die vielen und vor allem gut besuchten Demonstration in ganz Deutschland so ansieht.

Niveau-Limbo in der Kommentarspalte

Ein anderer Grund, der mich mittlerweile oft zur Weißglut bringt, ist ein Blick in die Kommentarspalten von Social Media Posts. Ganz ehrlich, was man da teilweise zu lesen bekommt lässt mich nicht nur täglich an der Menschheit zweifeln, sondern katapultiert den Job des Community Managers in meinen Augen auch auf Platz 1 der schlimmsten Jobs, die man heutzutage haben kann - noch vor Paketbote oder Kläranlagentaucher (wobei man bei zweiterem mit ähnlich viel Sch**** zu tun hat). Dank des Internets kann jede Person an den Geschehnissen der Welt teilhaben, indem sie ihre Stimme erhebt und am öffentlichen Diskurs teilnimmt. Grundsätzlich ja eine gute Idee, aber die Wahrheit sieht leider ganz anders aus.

Mal von den absichtlich provozierenden und manipulierenden Trollen abgesehen, kann ich es einfach nicht fassen, wie viele hirn- und herzlose Vollidioten eigentlich unter uns sind, die ohne das World Wide Web größtenteils (und zum Glück) ungehört geblieben wären. Leute: Meinung ist nicht gleich Meinung. Klar darf man einen unterschiedlichen Standpunkt vertreten (und das ist auch wichtig!), aber wenn ihr keine Ahnung von der Materie habt, statt fundierten Argumenten nur „Fakten“ aus Fake News oder Hörensagen mitbringt und ganz klar rassistische, sexistische und andere eindeutig gegen das Menschenrecht verstoßende Kommentare herunterspielt, dann ist das nicht nur unnötiger verbaler Müll, sondern gefährlich. Eine Gefahr, die viele beeinflussen könnte und die definitiv nicht stillgeschwiegen und stattdessen bekämpft werden muss.

Okay, stopp. Einatmen. Ausatmen. Puuuh. Bevor ich mich jetzt endgültig in eine Rage schreibe, nehme ich die Hände von der Tastatur, setze meine Kopfhörer auf und lasse die Aggressionen von Metal-Bands für mich herausschreien, um danach tiefenentspannt weiterarbeiten zu können. Denn wie wir gelernt haben ist Dampf ablassen wichtig, aber damit etwas passiert, müssen wieder andere Gefühle das Ruder übernehmen.

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