Forderung: Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

In zahlreichen Städten protestierten Menschen vergangenen Samstag für die Abschaffung des Paragraphen 218, der Abtreibung grundsätzlich unter Strafe stellt. So auch in Augsburg. Warum ist die Entkriminalisierung laut den AktivistInnen so wichtig?

Forderung: Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

Vor 150 Jahren wurde der Paragraph 218 verabschiedet. Seither gibt es immer wieder Proteste, ihn abzuschaffen. Bundesweit ist das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung (BFSS) eines der Hauptakteure im Kampf gegen den Paragraphen. Auch in Augsburg gibt es eine Gruppe, die Teil des Bündnisses ist. Was sie fordern? Eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Wir haben mit einem Mitglied, der Augsburger Ortsgruppe, das anonym bleiben will, gesprochen, um die Hintergründe zum Konflikt mit dem Paragraphen 218 zu verstehen.

Das steht im Paragraph 218:

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ - §218

Straffrei ist der Schwangerschaftsabbruch laut Paragraph 218a nur, vor der 12. Schwangerschaftswoche unter bestimmten Voraussetzungen, beziehungsweise wenn bestimmte „Indikationen“ gegeben sind. Dazu zählt Vergewaltigung oder die körperliche oder seelische Beeinträchtigung der Schwangeren.

Warum hält sich der Paragraph 218 so hartnäckig im Gesetz?

„LebenschützerInnen“ betreiben Lobbyismus in den Parlamenten.

Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Augsburg (BFSS Augsburg): Das hat viele politische und soziokulturelle Gründe. Um ein paar der wichtigsten zu nennen: Es fehlte meistens an den Mehrheiten im Parlament, um den Paragraph zu reformieren, beziehungsweise zu streichen – wenn auch die Forderungen dessen fast so alt wie §218 selbst sind! Immer wieder gab es Erfolge und der Paragraph sollte zugunsten der ungewollt Schwangeren abgeändert werden. Doch die sogenannten „LebensschützerInnen“ kommen dem oftmals in die Quere: Sie betreiben Lobbyismus in den Parlamenten, sind Vertraute von PolitikerInnen und erkaufen sich somit ihr Mitspracherecht in Debatten um eine selbstbestimmte Familienplanung.

Es ist kein Geheimnis, dass einige Kirchen den Schwangerschaftsabbruch als Tötung darstellen und damit nicht nur Betroffene, sondern auch ÄrztInnen diffamieren und eine sachliche Debatte verhindern.

Mythen und Irrtümer über den Abbruch befeuern die unsachlichen Debatten, wenn es heißt, Abbrüche würden unfruchtbar machen oder zu einem vermeintlichen Trauma führen. Beides ist natürlich wissenschaftlich widerlegt worden.

Warum ist es so wichtig, dass der Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert wird?

BFSS Augsburg: Ganz einfach: Es kann keine Straftat sein, eine ungeplante Schwangerschaft abzubrechen! Die Entkriminalisierung dieser medizinischen Grundversorgung ist keine Forderung weniger feministischer Kleingruppen.

Bereits 1994 entschied die Weltgesundheitsorganisation (WHO): Jedes Individuum hat das Recht, über die freie und selbstbestimmte Wahl und den Zeitpunkt der Familiengründung zu entscheiden. Dafür ist der Zugang zu legalem und sicherem Schwangerschaftsabbruch unabdingbar.

Von den weltweit rund 73,3 Millionen Schwangerschaftsabbrüchen sterben mehr als 22.800 Menschen an unsachgemäßer Durchführung.

Die Entwicklung in Deutschland und vor allem in Bayern, wo immer weniger ÄrztInnen verfügbar sind und Frauen* der Zugang zu umfangreicher Information über den Abbruch erschwert wird, verstößt gegen diese Richtlinien der WHO. Sollte dieser sich dieser Abwärtstrend fortsetzen, laufen wir Gefahr, dass es in Deutschland wieder Todesfälle geben, weil Frauen* zu lebensgefährlichen Methoden greifen müssen.

Außerdem: Der Zugang zu sachlichen Informationen ist heute noch staatlich kontrolliert – der sogenannte „Werbeparagraph" 219a sorgt dafür, dass sogenannte Lebensschutz-Organisationen Falschinformationen verbreiten dürfen – medizinisch ausgebildetes Personal darf die breite Öffentlichkeit jedoch nicht umfassend und sachgemäß über Abbrüche informieren.

Wie ist die Situation von AugsburgerInnen, die einen Schwangerschaftsabbruch möchten?

BFSS Augsburg: In ganz Schwaben gibt es nur sehr wenige Adressen für einen Abbruch, in der Stadt Augsburg gibt es gar keine Möglichkeit, nach der Fristenregelung die Schwangerschaft abzubrechen. Viele müssen deshalb einen weiteren Weg in größere Städte auf sich nehmen. Im schlimmsten Fall müssen Frauen* nach einem Eingriff mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln nach Hause fahren, die Kosten für den Abbruch sowie Anreise selbst übernehmen. Die finanziellen und moralischen Hürden erschweren die ohnehin belastende Situation. Der ökonomische Status einer Frau* spielt hier eine enorme Rolle! Eine Ausnahme der 12-Wochen-Frist ist die medizinische Indikation, wenn zum Beispiel das Leben der Frau* in Gefahr ist.

Was ist eure Forderung?

Methoden eines Abbruchs sollten zur medizinischen Standardausbildung gehören.

BFSS Augsburg: Es braucht dringend eine Möglichkeit von Abbrüchen bei uns vor Ort, ÄrztInnen dürfen nicht weiterhin kriminalisiert werden und die Methoden des Abbruchs gehören in die medizinische Standardausbildung. Der zeitliche und finanzielle Aufwand der Frauen* muss so gering wie möglich gehalten werden. Rund 900 Frauen* begeben sich in Augsburg pro Jahr auf die Suche nach „der Nadel im Heuhaufen“: Einen ausgebildeten Arzt, der ihnen hilft, ihr Menschenrecht auf sexueller Selbstbestimmung zu wahren und einen Schwangerschaftsabbruch durchführt. Das ist kein akzeptabler Zustand.

Über das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Augsburg

Das BFSS wird unter anderem von „Pro Familia“, „Terre des Femmes“ oder auch den Parteien „Die Linke“ und dem „Bündnis 90 - Die Grünen“ untersützt. Speziell die Augsburger Ortsgruppe bekommt Support vom Frauen*streikkomitee Augsburg, der dgti Augsburg, der DGB Jugend Schwaben/Allgäu, dem Referat für Gender und Gleichstellung der Uni Augsburg, dem blog postcolonial realities sowie vielen anderen Kollektiven und Mitstreitenden. Sie verstehen sich als ein offenes, inklusives Bündnis, welches nicht nur die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen fordert, sondern auch alternativen Lebens- und Beziehungsformen zu mehr Akzeptanz verhelfen möchte.

Frauen* ? Die Schreibweise Frauen* soll verdeutlichen, dass nicht nur Frauen schwangere Personen sein können. Menschen mit Uterus sind nicht alle Frauen, und nicht alle Frauen können Kinder bekommen. Das * steht dabei für Personen, die nicht in die zweigeschlechtliche Matrix von „Frauen” und „Männern” passen (möchten).

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