Gelebte Selbstliebe, Sexualität und Körperarbeit - Tabuthemen? Diese Augsburgerin wirkt dagegen

Sexualität, gelebte Selbstliebe und Körperarbeit sind Themen, die in Bayern größtenteils tabuisiert werden. Genau dem geht die Augsburgerin Clara Teresa mit ihren Workshops entgegen.

Gelebte Selbstliebe, Sexualität und Körperarbeit - Tabuthemen? Diese Augsburgerin wirkt dagegen

Die Augsburgerin Clara Teresa beschäftigt sich seit Jahren mit Körperarbeit, Sexualität und Gemeinschaftsbildung. Sie hat unter anderem das Liebesrudel-Projekt in Augsburg gestartet, bei dem es um den Kontakt zu sich selbst, zu anderen und zum eigenen Körper geht. Was Clara bei ihren Projekten besonders wichtig ist und wie diese aufgebaut sind erfahrt ihr hier.

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Wie bist du darauf gekommen dich mit dem Feld der Körperarbeit zu beschäftigen?

Angefangen hat alles als ich in einen Frauenkreis mit gegründet habe. Dadurch habe mich tiefer mit dem Thema Gender auseinander gesetzt, was es für mich bedeutet mich in einem gesellschaftlichen definierten Frauenkörper zu erfahren und wie ich darin meine authentische Sexualität begreifen kann. Ich habe mich dann stark der inneren Arbeit und Selbsterfahrung, Meditation, der Körperarbeit und meiner eigenen Spiritualität verschrieben, um all diese gesellschaftlichen Prägungen und Schichten der z.B. binären Denkstrukturen und einer sehr hetero-normativen Wahrnehmung, erstmal greifbar zu machen, zu sortieren, lösen, integrieren und zu transformieren. Körperorientierte Erfahrungsräume in denen Sexualität im Fokus standen, haben mir bei diesem intensiven Weg sehr geholfen. Daraus ist der Wunsch entstanden, Menschen die eine Vulva zwischen den Beinen finden zu unterstützen, meine eigene Art der Körperarbeit zu entwickeln, emotionale wie physische Landkarten zu erstellen, diesen tabuisierten Grauzonen Aufmerksamkeit zu schenken und traumatische Erfahrungen, die insbesondere im Schoßraum zu finden sind, zu lösen. Derzeit hab ich frisch eine Ausbildung zur Sexological Bodyworker*in angefangen.

Wenn man sich in solche Räume begibt, bedeutet es erstmal wirklich in Kontakt mit sich selbst zu sein, sich selber verletzlich zu machen und sich zu spüren. Durch die Sozialisierung denken viele Menschen bei sexpositiven Räumen erstmal an Orgien oder Swingerclub. Es geht vielmehr darum liebevollen Kontakt herzustellen und herauszufinden, was bedeutet authentisch gelebte Selbstliebe und wie lerne ich mich, meine Sehnsucht, Bedürfnisse und Grenzen am besten kennen.

Wie ist es zu deinem Projekt Liebesrudel gekommen?

Vor fast 2 Jahren ist das Liebesrudel entstanden. Durch das eigene Erforschen von Beziehungsmodellen und wie wir in Begegnung gehen, entstand das erste Format von „Haut an Haut“ , in welchem durch Fokus auf körperliche Nähe eine Basis entstand, in der die Sexualität willkommen war und gleichzeitig nicht das Ziel. In unserer Gesellschaft wird Sexualität oft weggedrückt oder überthematisiert – es ist erstaunlich was passiert, wenn diese im natürlichen Zentrum der Ausrichtung liegen darf - nämlich Magie. Kurz und knapp, lag es mir selbst am Herzen das ganze Erfahrungsfeld von Liebe, Sexualität und Eros zu erweitern und auszudehnen, in einer Gruppe, unter sicheren, friedvollen und achtsamen Bedingungen, dazu zu forschen.

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Wie sind die Liebesrudelveranstaltungen aufgebaut?

Mein Konzept besteht aus vier Grundveranstaltungen. In der ersten Veranstaltung geht es darum, wie nehme ich eigentlich wahr. Also Gefühle, Gedanken, meinen Körper und wie gehe ich in radikalen ehrlichen Kontakt mit mir und meinem Umfeld. Die zweite Veranstaltung läuft unter dem Motto „Ja, nein, vielleicht, anders“ und umfasst das Thema der Grenzenwahrnehmung: Hierbei lernen wir das „Nein!“ einzuladen und zu ehren. Beim dritten Treffen geht es um das „Wheel of consent“. Wir üben Bedürfnisse zu spüren, zu äußern und beidseitig verbale Übereinkunft zu kreieren. Bei der letzten Veranstaltung beschäftigen wir uns mit dem gemeinsamen Prozessumgang - wie gehen wir mit Projektionen und Triggern um, wie fühle ich tiefe Gefühle, wie halte ich Raum für mich und einzelne oder mein Umfeld. Diese vier Grundveranstaltungen gibt es immer, wenn wir den Raum für neue Personen öffnen. Dies ist bis jetzt drei mal passiert. Wir treffen uns dann einmal im Monat zum Forschungsabend, mit immer anderen Themenbereichen. Es gibt Openspaces (noleader), Verletzlichkeitskreise in Form des Forums, Liebesfeiern, erotische Treffen oder es kommen Menschen von außerhalb, die uns den Raum halten und inspirieren.

Was ist dein Wunsch für das Projekt?

Mein Wunsch und Ziel ist die Vernetzung von Menschen, die sich mit einer anderen Form von (Eigen)Beziehung, Liebeskultur, Gemeinschaft und Gesellschaft auseinandersetzten wollen, bei denen die eigene Sexualität nicht ausgeklammert wird, sondern im gesunden Zentrum steht. Gerade sind wir ein Netzwerk von mehr als 50 Personen. Die Gruppe öffnet und schließt sich immer wieder, wie ein Organismus. Auch wenn ich dieses Experiment initiiert habe und momentan hauptsächlich die Abende leite, fusioniert sich das Liebesrudel immer mehr zu einer selbstverwaltenden Gruppe. Einerseits wollen wir Intimität, tiefes Vertrauen und ein nachhaltiges Netzwerk schaffen, andererseits wollen wir auch mehr und mehr Menschen einladen, um unsere Erfahrungen und Erforschungen für eine lebendige Liebeskultur zu teilen. Es ist wie ein Experiment, wie ein Forschungsraum, eine Form von Selbsterfahrung - Für mich ist diese Arbeit höchst politisch.

Wir haben gelernt, wie es ist mit einer Person in einem intimen, meist monogamen Beziehungskonzept zu sein – was erleben wir wenn wir uns in mehrere Verbindungen fallen lassen - in einem Feld mit 10-15 Leuten in einem intimen Raum sind - die Partnerschaften im besten Falle darin verwoben und eingebettet istsind? Hier darf ich mich öffnen, transparent und verletzlich spüren.

Vom Projekt „Vulvaportal“ habe ich auch schon gehört, was hat es damit auf sich?

Dieses Jahr im Februar habe ich das Vulvaportal kreiert. Hierbei ging es darum, einen Monat täglich mit Hilfe von mir eigenkreierten Sprachnachrichten, sich mit dem Thema Schoßraum zu befassen und sich einmal die Woche in der Gruppe zu treffen, um die Erfahrung zu vertiefen. Zum einen, um den rein physische Aspekt zu erforschen, wie die Blutung und den Zyklus, die Klitoris, Venuslippen, die G-Fläche, den Muttermund oder das weibliche Ejakulat, Orgasmus/Orgastase(uvm.). Zum anderen den emotionalen Aspekt greifbar zu machen, die damit zusammenhängen, wie die eigene Lust, der Genuss, die Lebendigkeit, Trauer, Angst, Wut oder schlichtweg traumatischen Erfahrungen. Wichtig war hierbei das Kennenlernen, Spüren und der körperliche Kontakt mit sich selbst auf einer täglichen Basis.

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Hast du das Gefühl, dass das ganze Thema in Bayern besonders tabuisiert wird?

Im pendele viel zwischen Bayern und Berlin. In Berlin verspüre ich einfach mehr Freiheit und Leichtigkeit in Bezug auf diese Themen. Für mich ist es wichtig, deswegen nicht von hier wegzugehen. Sondern mein Wunsch ist es, dass diese ortsspezifischen Prägungen der konservativen Strukturen bewegt werden, durch bewusste Auseinandersetzung, die auch noch Spaß macht. In Augsburg gestaltete sich, z.B. die Raumanmietung sehr schwer. Im Moment sind wir auf der Suche nach einem eigenen Raum, um mehr Unabhängigkeit zu schaffen.

Welche Rückmeldungen bekommst du von Menschen die im Rudel sind?

Es kommt oft erstmal eine Reflexion von Traurigkeit oder Ohnmacht, da es für uns alle oft unfassbar unendlich erscheint, wie viele Auswirkungen all diese Konzepte und Prägungen auf unseren Umgang miteinander haben. Dann kommt überwiegend Dankbarkeit – mit solchen Themen nicht alleine zu sein und jetzt die Möglichkeit zu haben sich in einem intimen und vertrauten Raum so frei und authentisch bewegen zu können.

Wer nun Lust hat sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen, der kann gerne auf Claras Facebookseite „Ungeziert trifft ungeniert“ vorbeischauen oder auf Instagram, da ist sie unter c.l.a.r.e.r zu finden, um dort mehr über Veranstaltungen oder die Bewegung zu erfahren.

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