Auf der Flucht vor dem Krieg: Zwischenhalt Augsburg

In diesen Tagen kommen immer mehr geflüchtete Menschen aus der Ukraine nach Deutschland. Wir haben die Ankunft von 54 Geflüchteten, die vom Verein „Remar“ organisiert wurde, begleitet.

Auf der Flucht vor dem Krieg: Zwischenhalt Augsburg

Vergangenen Samstag waren wir in den Räumlichkeiten des Vereins „Remar“ in der Jakoberstraße. Hier sollte gegen 10 Uhr ein Bus mit insgesamt 54 Frauen und Kindern in Augsburg ankommen. Mit etwas Verspätung, um 12 Uhr mittags, war es dann endlich so weit. Für die UkrainerInnen war ein Teilziel erreicht. Wir wollen euch von unseren Eindrücken berichten.

Von der ukrainisch-rumänischen Grenze nach Augsburg

Die Geflüchteten, die am Samstag mit dem Bus in Augsburg ankamen, kommen aus verschiedenen Teilen der Ukraine. Sie alle waren an die ukrainisch-rumänische Grenze geflohen, wo sie auf den Verein „Remar“ trafen. Paulo Oliveira, der Geschäftsführer von Remar Schweiz ist an diesem Samstag, wie viele andere Mitglieder des Vereins, in Augsburg vor Ort. Vor der Ankunft der Geflüchteten erklärt er uns, dass Remar sowohl in der Rehabilitation von Drogensüchtigen als auch in der Katastrophenhilfe tätig ist.

Viele weitere Busse werden nach Italien, Spanien und Deutschland fahren.

„Als der Krieg losging, sind wir sofort an die Grenze gefahren und haben versucht, den Menschen dort zu helfen“. Er erzählt uns, dass ein Hotelbetreiber an der rumänischen Grenze Remar drei Hotels zur Verfügung gestellt hat, in dem sie die Geflüchteten aufnehmen und versorgen können. Von dort aus charterte Remar einen Bus, der nun alle Geflüchteten nach Augsburg brachte, die den Wunsch hatten, nach Deutschland zu reisen. Auch nach Italien und Spanien sind Busse bereits gefahren. „Die Menschen reisen meist zu Verwandten oder Freunden“, sagt Paolo Oliveira. Manche allerdings haben keinen Ort, wo sie hingehen können. Wer bereits Unterstützung in Deutschland hat und wer noch nicht weiß wo hin, müsse man noch herausfinden, sagt er.

Weil keiner der anwesenden HelferInnen von Remar ukrainisch oder russisch kann, haben sie einen Dolmetscher eingeladen.

Vorbereitungen für die Ankunft der Geflüchteten

Seit Tagen sind die Remar-VolontärInnen damit beschäftigt, den Geflüchteten die Ankunft in Augsburg so angenehm wie möglich zu machen. In dem Raum oberhalb des Remar-Seconhandshops in der Jakoberstraße sind Tische aufgestellt, auf denen allerhand Getränke und Gebäck stehen.

Der Kaffee ist gekocht und eine Suppe wird auf dem Herd im Nachbarzimmer warmgehalten. Für Kinder ist eine kleine Spiel- und Kuschelecke eingerichtet. Die VolontärInnen sind aufgeregt, immerhin ist es eine ganz neue Situation für sie.

Endlich angekommen

Dann ist es schließlich soweit und der große Reisebus fährt vor. Die Familien steigen sichtlich erschöpft von der langen Reise aus. Der Raum im ersten Stock ist von einer Minute auf die andere voller Frauen und Kinder, die sich an den Tischen verteilen. Auch ein alter Mann ist unter ihnen. Ein Mädchen hat ihre Katze von zuhause mitgebracht und lässt sie an der Leine durch den Raum laufen.

Alle bedienen sich dankend an den vorbereiteten Getränken und Essen, während Paolo und der Dolmetscher nach der Begrüßung, nacheinander mit allen reden. Tisch für Tisch erfragen die beiden, welche Unterstützung gebraucht wird, ob es Verwandtschaft oder Freunde gibt und wo die Reise hingehen soll.

Nur eine Familie bleibt in Augsburg.

Schließlich steht fest: Die große Mehrheit hat Kontakte in Deutschland und möchte dorthin gehen. Nur drei Familien wissen nicht wohin. Eine kann direkt in die Wohnung im zweiten Stock des Hauses in der Jakoberstraße ziehen. Die zwei anderen Familien reisen mit Melanie Randelli, von Remar Hameln, mit, in die niedersächsische Stadt, wo Wohnungen des Vereins auf sie warten. Noch am selben Tag organisiert Remar die entsprechenden Zugtickets für alle Weiterreisenden. „Die Menschen wollen endlich ankommen und daher so schnell wie möglich weiter“, erzählt uns Melanie Randelli.

Fünf Tage unterwegs von Odessa nach Augsburg.

Wir sprechen mit der jungen UkrainerIn Olja, die zusammen mit ihrer Schwester Ira und deren beiden Kindern unterwegs ist. Sie erzählt uns, dass sie vor fünf Tagen von Odessa aufgebrochen ist. In hastigen, aufgeregten Worten zählt sie ihre Stationen der vergangenen Tage auf. Odessa sei voller Menschen gewesen, die auf der Flucht waren. Zunächst reisten sie mit dem Auto, dann mit dem Bus.

Mit so vielen kleinen Kindern in einem vollen Bus zu fahren sei nicht einfach gewesen, aber sie sei unendlich dankbar, dass sie nun in Sicherheit ist. Nach der fünftägigen Reise bis nach Augsburg, ist die Familie jedoch noch nicht am Ziel. Sie planen zu ihrer anderen Schwestern nach Bergen in Norwegen zu reisen, erzählt Olja uns. Sie wolle alle wissen lassen, dass die UkrainerInnen diesen Krieg nicht wollen, er sei schrecklich für sie. Sie wünsche sich, so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Sie habe so viele Freunde, Verwandte und ihr ganzes Leben in der Ukraine zurücklassen müssen.

Was kommt nach der Flucht?

Wir sprechen zwei Tage nach der Ankunft der Geflüchteten in Augsburg noch einmal mit Melanie Randelli. Sie habe Nachricht von Olja erhalten, die vier seien wohlbehalten bei der Schwester in Bergen angekommen, erzählt sie. Die zwei Familien mit Kindern, die sie mit nach Hameln genommen habe, wollen erst einmal dort bleiben. Randelli werde sich um eine Schule und auch um einen Karateverein kümmern, erzählt sie. Karate hatten die Kinder schon in der Ukraine gerne gemacht.

Um eine sehr junge Mutter mit einem sechs Monate alten Baby und einem zweijährigen Kind mache sie sich allerdings ein wenig Sorgen. Die Frau wollte unbedingt nach Frankfurt, weil ihr dort eine Wohnung angeboten worden sei. „Leider weiß man nie, ob es die Menschen auch gut meinen“, sagt Randelli. Sie mache sich Sorgen, dass die Frau ausgenutzt werde. „Ich habe ihr aber unseren Kontakt mitgegeben, damit sie sich bei Problemen sofort melden kann“, sagt sie.

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