Kennst Du schon die Welt vor Deiner Haustür?

Über unsere Einstellung zum Urlaub und die Frage, ob es nicht auch eine Reise mit dem Zug täte.

Kennst Du schon die Welt vor Deiner Haustür?

Meine Kindheit habe ich beim Zelten in Italien verbracht. Etliche Jahre fuhren wir auf den selben Campingplatz, ja, vermutlich sogar auf den selben Stellplatz. Es ging einfach nur darum die Familie um sich zu haben und in der trägen Hitze des Südens abzuschalten. Die Erinnerungen an diese Zeit könnten nicht schöner sein. Heute schreckt mich der Gedanke jedes Jahr für zwei Wochen am selben Strand in Italien zu liegen vollkommen ab. So geht es vielen unserer Generation.

Je unbequemer und turbulenter die Reise, desto besser.

In der heutigen Zeit sind die Reisemöglichkeiten quasi unbegrenzt. Es zieht uns immer weiter in die Ferne und es muss immer wieder etwas Neues und Aufregendes sein. Je weiter weg und je unbekannter, desto größer die Spannung. Je unbequemer und turbulenter die Reise, desto besser. Also legen wir uns einen Rucksack zu, beantragen den Reisepass, kündigen das WG-Zimmer und machen uns auf in die weite Welt. Für ein paar Wochen, ein paar Monate oder sogar Jahre. Nach solchen Trips ist Reisen nicht mehr das, was es einmal war.

Die Welt verändert sich und wir uns mit ihr.

Was für unsere Eltern noch undenkbar war, ist für uns Alltag. Übers Wochenende nach Barcelona? Kein Problem. Den zehntägigen Sommerurlaub in Sri Lanka verbringen? Warum nicht. Die Welt hat sich verändert und wir uns mit ihr. Oder anders herum? Backpacking durch die Länder der Welt ist für viele von uns Standard geworden. Nicht zuletzt, weil die Flüge immer günstiger werden: Kostet der Flug nach Marrakesch so viel wie der Zug nach Berlin, überlegen wir nicht lange. Aber muss es wirklich immer ans andere Ende der Welt gehen?

Jeder und jede soll die Möglichkeit haben, das zu erleben.

Ja und nein. Ich selbst hatte das Glück, bereits etliche Länder und Kontinente bereisen zu können und spreche deshalb aus einer wirklich privilegierten Position. Die Erfahrungen, die wir auf solchen Trips machen, sind einfach besonders. Eine andere Zeitzone, die Tatsache nicht innerhalb von ein paar Stunden einfach wieder zuhause sein zu können, nicht den Hauch einer Chance die Sprache zu verstehen und das Handy zurückzulassen, weil es sich wegen des feuchten Klimas verabschiedet hat. Das unvergleichliche Gefühl, in komplett andere Kulturen einzutauchen – all das macht Fernreisen zu den prägendsten und erlebnisreichsten Zeiten unseres Lebens. Jeder und jede soll die Möglichkeit haben, das zu erleben.

Kennst Du schon die Welt vor Deiner Haustür?

Paradox jedoch, dass wir oft mehr Länder auf anderen Kontinenten bereist haben, als Bayern oder unsere eigenen Nachbarstädte und -länder. Denn im Kern geht es doch darum, Neues zu entdecken und zu lernen, sich ins Unbekannte zu stürzen und den Alltag zu vergessen. Und dafür müssen wir uns nicht für Stunden in den Flieger setzen und tausende Kilomenter weit reisen. Auch wenn uns das heutzutage von der Gesellschaft und den Sozialen Medien oft suggeriert wird.

Schau dich um: Meere und Strände, wunderschöne Seen und Nationalparks, Berge und Wanderwege, Großstädte und UNESCO-Weltwerben, Wasserfälle, Brücken und Prachtbauten. Ich könnte die Liste noch ewig so weiterführen. Europa hat fantastische Naturräume, facettenreiche Städte und Kulturen und etliche kulinarische Highlights zu bieten, wenn wir uns nur darauf einlassen. Alles was wir dafür tun müssen, ist in den Zug, ins Auto, in den Camper oder auf das Fahrrad zu steigen. Es ist, was man daraus macht. Und vielleicht behalten wir das für unsere nächste Urlaubsplanung einfach mal im Hinterkopf.

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