Fette Kohle vs. Selbstverwirklichung – das ewige Berufsdilemma

Will ich das machen, was mich erfüllt oder doch lieber ohne Probleme meine Miete zahlen können? Eine Frage, vor der viele Berufseinsteiger heutzutage stehen.

Fette Kohle vs. Selbstverwirklichung – das ewige Berufsdilemma

„Kommst du in der Mittagspause mit zum Essen?“, „Wie wärs mal wieder mit Kino?“ oder „Lass doch mal was trinken gehen.“: Ein Blick in den Geldbeutel reicht momentan, um recht schnell ein höfliches „Ne, sorry“ für all die gut gemeinten Anfragen zu formulieren. Wie so viele Angehörige meiner Generation befinde ich mich Jahre nach meinem abgeschlossenen Studium immer noch auf der Odyssee in eine beruflich zufriedenstellende Zukunft. Die Fahrwasser der Jobwelt sind rau, unsicher und können Dich sehr schnell in die Tiefe ziehen – sowohl mental als auch finanziell.

Sicherheit in einer unsicheren Zeit

Nur um das für alle Boomer und Kollegen klarzustellen: Das hier ist kein Ausheul-Tagebucheintrag eines Millenials. Die Arbeitswelt hat sich nun mal in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert. Punkt. Die Digitalisierung hat viele Berufsbereiche deutlich umgekrempelt, manche sogar komplett obsolet gemacht. Wer sich den stetigen Neuerungen nicht anpasst, bleibt sehr schnell auf der Strecke. Das Absolvieren mehrerer Praktika wird zum Standard, die Anforderungen für Einsteigerpositionen immer exorbitanter. Sicherheit ist in der Zeit von befristeten Verträgen und dem raren Gut Festanstellung auch zum Fremdwort geworden.

„Unsere Eltern haben noch viel besser Beruf und Privatleben trennen können.“

Ist also das Ankern beim nächstbesten sicheren Hafen der beste Plan? Unsere Eltern haben da noch viel besser Beruf und Privatleben trennen können. Der Job war dazu da, um seine Brötchen - Entschuldigung, Semmeln - zu verdienen und das Dach über dem Kopf zu bezahlen. Dann wurde eben oft in den sauren Apfel gebissen und vielleicht nicht der Traumjob weiterverfolgt. Wir Jüngeren haben hingegen die süße Freiheit einer Generation ohne Weltkriege (zumindest bis jetzt), scheinbar unendlichen Möglichkeiten und großem Selbstbewusstsein zur Selbstverwirklichung kosten dürfen. 9 to 5 Job? Großraumbüro? Jeden Tag die gleiche stumpfe Tätigkeit? Für viele undenkbar.

Alternative Wege sind nicht für jeden

Wer sich gegen den gut bezahlten, aber wenig erfüllenden Arbeitsplatz entscheidet, muss Durchhaltevermögen und Nerven wie Drahtseile aufweisen. Nichtmal Startups, die gehypten Heilsbringer für alle nach 1980 Geborenen, verbessern die Situation wirklich. Nur zehn Prozent der New-Work-Vorreiter gelingt es, sich mit dauerhaftem wirtschaftlichen Erfolg am Markt zu behaupten. Gerade Jobs in der Kreativbranche sind gnadenlos unterbezahlt und oft nur Freelancer-Stellen. Dem Journalismus geht es ähnlich.

Während meiner Praktika habe ich ohne Unterstützung ziemlich improvisieren müssen, um es Monat für Monat über die Runden zu schaffen. Der Musiker Tristan Brusch startete letztens einen Aufruf bei Facebook, bei dem er Fans, die sich keine Karten für sein Konzert leisten können, auf die Gästeliste schreiben wollte. Weil er selbst ganz genau weiß, wie es sich am Existenzminimum anfühlt, schrieb er. Dafür habe ich tiefsten Respekt.

Eine weitere Anekdote: Als Praktikant bei einer Musik-PR-Agentur habe ich immer Kekse für den Meeting-Raum gekauft. Um die Kosten klein zu halten waren es immer die typischen Gebäckmischungen vom Discounter. Eines Tages kam einer der betreuten Künstler zu Besuch und hat fast angefangen zu weinen, weil er sich in seiner schwersten Zeit teilweise wochenlang gefühlt nur von diesen Keksen ernährt hat. So etwas bleibt hängen.

Die Mischung machts(?)

Nimmt man mich als Beispiel, bin ich ganz Kind meiner Generation. Ich arbeite als Redakteur in Teilzeit, um mich in der gewonnenen Zeit noch anderen Projekten zu widmen. Ich unterstütze lokale Bands bei der Pressearbeit, organisiere seit vergangenem Jahr ein kleines Charity-Festival und habe vor zwei Jahren angefangen, ein Buch zu schreiben. Alles davon erfüllt mich vollkommen und macht unglaublich Spaß – nur bringt das meiste (noch) kein Geld ein. Von meinem aktuellen Lohn bleibt am Ende des Monats nach Abzug der Miete und Lebenskosten nicht wirklich viel übrig. Ein Finanzpolster kann ich damit definitiv nicht aufbauen. Aber ganz ehrlich: Es ist okay. Solange ich einigermaßen ohne Probleme leben und mich selbst entfalten kann, bin ich zufrieden. Und auch dankbar, denn wie in meinen anderen Beispielen gibt es auch Menschen, denen es nicht so geht.

„Solange ich einigermaßen ohne Probleme leben und mich selbst entfalten kann, bin ich zufrieden.“

Genau genommen habe ich mich ja auch irgendwie für einen Mittelweg zwischen den beiden Einstellungen zum Beruf entschieden. Ein Job für die Semmeln, danach Raum für das Entfalten. Ob dieses zweigleisige Fahren die beste Lösung ist? Keine Ahnung. Aufschiebetaktik? Vielleicht. Momentan passt es, auf Dauer sicherlich nicht. Irgendwann werde ich mich auch endgültig entscheiden müssen: Fette Kohle oder Selbstverwirklichung. Was wählst Du?

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