„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ - Rassismus im Alltag

Wir halten uns gerne für Gutmenschen. Dass wir selbst rassistisch sind, können wir uns nicht vorstellen.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ - Rassismus im Alltag

Bei Begriffen wie Nationalsozialismus und Rassismus treten Assoziationen zur Schreckensherrschaft des Zweiten Weltkriegs oder Parteien wie der NPD auf. Man denkt an Skinheads in Springerstiefeln, die nachts Anschläge auf Flüchtlingsheime verüben und dabei ungepflegt und pöbelhaft auftreten. In den Köpfen vieler ist Rassismus eine Randerscheinung, die es schon irgendwo gibt – die Nachrichten zeigen es schließlich – nur nicht in der eigenen Umgebung. Und am wenigsten bei einem selbst.

Rassistisch sind nur die anderen

„Also ich bin ja kein Nazi, aber …“ Verbunden mit diesem Satz folgt meistens eine Aussage, die rassistisch ist, von der Person selbst aber relativiert wird. Fremdenfeindlich, weil man abends die Straßenseite wechselt, sobald ein Mann mit dunklerer Hautfarbe auftaucht? Nein, nur besorgt. Rassistisch, weil man sich wundert, dass die Führungsposition von keinem Weißen besetzt ist? Nein, auch dann nicht. Rassistische Aussagen hören längst nicht bei der Hautfarbe auf, sondern ziehen sich durch Bereiche wie Religion und Herkunft. Beispielsweise, wenn der Eintritt in den Club dank der Nationalität nicht gewährleistet oder der Akzent chinesischer Kommilitonen nachgeäfft wird.

Nicht beim Extremen fängt es an

Das Verhalten, welches oftmals unbewusst passiert, verletzt die Betroffenen. Nur weil euer Kollege lacht, wenn ihr einen Witz über ihn und seine Herkunft macht, heißt das nicht, dass er es wirklich witzig findet. Wahrscheinlich hört er ihn auch nicht zum ersten Mal. Auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch verstecken sich rassistische Bemerkungen, die es schon immer gab, deshalb aber nicht weniger falsch sind. Beispielsweise, wenn wir Bewohner türkischer Herkunft als „Kanaken“ oder asiatisch aussehende Menschen als „Schlitzaugen“ betiteln. Vom Ausdruck „Neger“ mal ganz zu schweigen. Wer andere so beschimpft, und das für korrekt hält, sollte sich lieber Gedanken über sein Bildungsniveau als über die Herkunft anderer Personen machen. Rassismus im Alltag erschwert die Inklusion und reduziert auf stereotypische Merkmale, die nichts mit dem Charakter des Einzelnen zu tun haben.

Diese Beispiele spiegeln Rassismus wider, der sich zwar in subtiler Weise ausdrückt, deshalb aber trotzdem vorhanden ist. Denn die Denkweise teilt Menschen in Gruppen ein und verbindet mit ihnen bestimmte Merkmale und Eigenschaften. Diese sind meistens negativ und beruhen auf starre und alteingesessene Vorurteile. Das daraus entstehende „wir“ und die „anderen“ ist der perfekte Nährboden, um nationalsozialistische Parteien aufleben zu lassen. Die Konsequenzen haben sich diese Woche bei den Ausschreitungen in Chemnitz gezeigt.

Statt also immer nur die Unterschiede zu sehen, sollte man sich vielmehr auf Gemeinsamkeiten wie Hobbys und Interessen fokussieren und dadurch dem Gegenüber als individuelle Person und nicht als seine Herkunft entgegentreten. Denn vielleicht hat der Kollege, den man auf Grund seiner Nationalität stets kritisch beäugt hat, den selben Lieblingsverein oder der Kommilitone feiert die gleiche Musik. Wenn ihr hört, dass in eurem Umfeld rassistische Bemerkungen geäußert werden, traut euch und sagt was. So weiß derjenige, dass ihr sein Verhalten nicht toleriert.

Übernehmt Verantwortung!

Klar, nicht jeder, der mal einen rassistischen Kommentar äußert, ist gleich ein Nationalsozialist. Doch irgendwann ist der Übergang fließend und aus wenigen Vorurteilen entsteht eine rassistische Denkweise, von der wir dachten, es gäbe sie seit 70 Jahren nicht mehr. Es liegt an uns, Verantwortung für unser eigenes Denken und Handeln zu übernehmen, Äußerungen zu hinterfragen und zu reflektieren, und damit gegen Rassismus anzukämpfen. Denn Schuld haben halt nicht immer die anderen.

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