Was tun, wenn's radikal rechts wird: Augsburger Beratungstelefon hilft

Wenn sich Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder radikalisieren, wissen wir oft nicht, was zu tun ist. Das neu eingerichtete Beratungstelefon soll uns helfen, die richtigen Worte zu finden.

Was tun, wenn's radikal rechts wird: Augsburger Beratungstelefon hilft

Durch die Corona-Pandemie ist das Phänomen der Radikalisierung präsenter geworden. Rechtsextremistisch ausgelegte Verschwörungsideologien haben sich verbreitet und rücken mehr in die Öffentlichkeit. Plötzlich haben wir im Bekannten-, Verwandtschafts- oder Freundeskreis selbst Kontakt zu Menschen, die sich rechtem Gedankengut – ob bewusst oder unbewusst – zuwenden.

Oft sind wir als Angehörige mit der Situation völlig überfordert. Wir fangen an, mit der Person zu diskutieren und stoßen auf Granit.

Hilfe soll nun ein Beratungstelefon liefern, bei dem wir in solchen Fällen anrufen können. Dieses wurde vom Büro für Kommunale Prävention Augsburg in Zusammenarbeit mit der Violence Prevention Network gGmbH mit Sitz in Berlin eingerichtet und ist Teil des Projekts „M.O.D.E.R.A.T.I.O.N. Augsburg“. Dabei handelt es sich um ein Interventions- und Beratungsprojekt zur Radikalisierungsvermeidung beziehungsweise zur Deradikalisierung von Menschen mit rechtsextremer Orientierung.

Wo beginnt eine Radikalisierung?

In Radikalisierungsprozessen ist es schwierig von typischen Anzeichen zu sprechen. Gerade im Bereich des Rechtsextremismus habe hier ein Wandel stattgefunden und man könne nicht mehr von „klassischen äußerlichen Merkmalen“ wie Glatze, Springerstiefel und Bomberjacke ausgehen, heißt es vom Büro für Kommunale Prävention Augsburg. Allerdings gebe es Anzeichen, die für einen Radikalisierungsprozess sprechen: Die Entfremdung von der Familie und dem sozialen Umfeld oder die gehäufte Äußerung radikaler Positionen mit einem klaren Feindbild. Über das Beratungsangebot kann schnell festgestellt werden, ob sich die Person bereits radikalisiert hat oder auf dem Weg zur Radikalisierung ist.

Sind rechte Gruppen während Corona tatsächlich gewachsen?

Rechtsextremismus hat viele Erscheinungsformen.

Laut des Verfassungsschutzberichts Bayern 2020 belief sich das rechtsextremistische Personenpotenzial Ende 2020 in Bayern auf 2.770 Personen. Das bedeutet einen Zuwachs von 200 Personen im Vergleich zum Vorjahr. „Ein direkter statistischer Zusammenhang zur Corona-Pandemie ist jedoch auf wissenschaftlicher Seite nicht so einfach festzustellen und erfordert mit Sicherheit noch Zeit und weitere Forschung“, heißt es vonseiten des Büros für Kommunale Prävention Augsburg. Allerdings sei klar, dass rechtsextremistische Gruppierungen und Einzelpersonen versuchen, die Corona-Krise für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. AnhängerInnen der Querdenker-Bewegung, Verschwörungsgläubige oder ReichsbürgerInnen zählen zwar nicht zu den „klassischen, rechtsextremistischen Gruppierungen“, weisen aber in Bereichen ihrer Ideologien starke Parallelen zu diesen auf. Genau diese Vielfältigkeit und die neuen Erscheinungsformen von Rechtsextremismus machen das Beratungstelefon so notwendig.

Was leistet das Beratungstelefon?

Wenn ihr mit Radikalisierung in Kontakt kommt und nicht wisst, wie ihr mit der Situation umgehen sollt, könnt ihr die Nummer des Beratungstelefons wählen oder eine Mail schreiben. Im Violence Prevention Network in Berlin geht euer Anruf, beziehungsweise eure Mail ein und ihr erhaltet damit Zugang zu fachkundiger Beratung. In einem Telefonat mit dem Fachpersonal könnt ihr die Situation schildern und bekommt Tipps, wie ihr sie meistern könnt: Ihr erfahrt, wie ihr die betroffene Person demütigungsfrei ansprechen und ihr die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen könnt. Das Violence Prevention Network kann euch bei Bedarf auch an Beratungsstellen hier in Augsburg verweisen.

Hier kann das Beratungstelefon helfen

Peter Anhalt vom Violence Prevention Network hat uns beispielhaft ein paar Situationen geschildert, in denen das Beratungstelefon zum Einsatz kommen kann:

  • Eine Kollegin von der Arbeitsagentur ruft an, weil ein Klient mit schwarzem T-Shirt, worauf in Frakturschrift „88“ steht, zu ihr gekommen sei und sie unsicher ist, wie sie reagieren soll.

  • Eine Frau meldet sich, weil sie sich Sorgen um ihren Bruder macht. Der habe sich in der letzten Zeit sehr verändert, vertrete diverse Verschwörungsideologien und schicke ihr seitenweise Mails und Telegram-Nachrichten. Sie hat das Gefühl, dass sie ihn nicht mehr erreicht.

  • An der Uni tauchen vermehrt Flyer der identitären Bewegung auf.

  • Die Lehrerin einer Grundschule ruft an, in einer ersten Klasse habe ein Junge geäußert, dass er mit „N“-Kindern nicht spiele – die Lehrerin ist unsicher, wie sie reagieren soll.

Das Wichtigste zum Beratungstelefon

  • Anonyme Beratung

  • Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr erreichbar

  • Telefonnummer: 0821-324 3366

  • Mail: augsburg@violence-prevention-network.de

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