Die Augsburger Przewalski-Pferde: Wildpferde für den Naturschutz

Seit 2007 leben im Stadtwald bei Königsbrunn Wildpferde. Welche Aufgabe sie dort erfüllen und was die Tiere so besonders macht, hat uns Norbert Pantel vom Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg e.V. erzählt.

Die Augsburger Przewalski-Pferde: Wildpferde für den Naturschutz

Es ist ein ungewöhnlicher und gleichzeitig sehr schöner Anblick, die Wildpferde durch den Kiefernwald an der Königsbrunner Heide streifen zu sehen. Seit mittlerweile 14 Jahren besiedelt eine Gruppe junger Hengste ein umzäuntes Gebiet im Naturschutzgebiet Stadtwald Augsburg. Dahinter steckt ein großes Projekt, das nicht nur dazu beiträgt, dass der wertvolle Lebensraum der Heide bestehen bleibt, sondern auch zur Arterhaltung der Wildpferde.

Warum gibt es die Przewalski-Pferde im Stadtwald?

Lichte Kiefernwälder und Heiden waren lange Zeit das typische Erscheinungsbild des Gebiets am Lech. Die durch Beweidung entstandene Landschaft war Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, die heute bedroht sind. Das Gebiet innerhalb des Naturschutzgebiets Stadtwald ist quasi ein Zeitfenster in die Vergangenheit.

„Die Beweidung schafft mehr ökologische Nischen und Artenvielfalt, als es mit maschineller Pflege möglich wäre.“ -Norbert Pantel

Damit Kiefernwälder licht bleiben und Heiden nicht verbuschen, hat der Landschaftspflegeverband die Przewalski-Pferde hier angesiedelt. Sommer wie Winter sorgen sie dafür, dass sich kein allzu dicker Grasfilz am Boden bildet. Indem sie das Gras nahe am Boden heraus rupfen, sorgen sie für Keimnischen für Orchideen, Küchenschellen und andere seltene Pflanzenarten. Auch zahlreiche Insekten profitieren von den offenen Strukturen am Boden, so zum Beispiel Heuschrecken oder Grillen.

Warum ausgerechnet Pferde und keine Schafe?

Die Wildpferde versorgen sich Sommer wie Winter selbst mit Nahrung.

Tatsächlich gibt es auch Schafbeweidung auf den Flächen des Stadtwalds. Auf der „Hasenheide“ grasen beispielsweise den Sommer über die Schafe und im Winter die Przewalski-Pferde. Allerdings seien Schafe für die Beweidung im Wald nicht geeignet, erzählt Norbert Pantel. „Der Schäfer und seine Hunde können die Herde im Wald kaum im Blick behalten und zusammenhalten“, meint er. Um einen Zaun kommt man also nicht herum. Der Landschaftspflegeverband dachte sich, wenn es schon einen Zaun braucht, dann für Tiere, die das ganze Jahr über auf der Fläche bleiben. Das ist von enormem Vorteil, denn so wird die Vegetation auch im Winter möglichst niedrig gehalten.

Was ist der Vorteil des Przewalski-Pferds als Weidetier?

Gut für die Landschaftspflege: Przewalski-Pferde fressen auch da, wo ihr Kot liegt.

Die Wildpferde haben für die Landschaftspflege Vor- und Nachteile. Der größte Nachteil ist schlicht, dass sie „wild“ sind und damit schwerer zu händeln als andere Pferde. Dafür sind sie aber robust und sehr vorsichtig, was unbekannte oder giftige Pflanzen angeht. Vergiftungen kommen so praktisch nicht vor. „Für uns, aus Sicht der Landschaftspflege, haben sie noch einen weiteren entscheidenden Vorteil gegenüber Hauspferden: Sie fressen auch da, wo ihr Kot liegt“, erzählt Norbert Pantel. So entstehen keine, wie auf Koppeln mit Hauspferden übliche Brennnessel-Hotspots an den durch Pferdemist gedüngten Orten. Die Wildpferde gehen das Risiko ein, Parasiten aufzunehmen, um von den nährstoffreicheren Pflanzen um die Kotstelle herum zu profitieren. Ein Verhalten, dass in freier Wildbahn angelernt wurde, weiß Norbert Pantel.

Przewalski-Pferde unterscheiden sich von Hauspferden:

  • keine Unterart des Hauspferdes, sondern eigene Art

  • Zwei Chromosomenpaare mehr

  • großer Kopf

  • Aalstrich (Schwarzer Strich über den Rücken)

  • Durchgehender Fellwechsel (auch äußere Mähnen- und Schweifhaare fallen aus und wachsen aus. So entsteht die typische Stehmähne)

  • Zebrastreifen an den Beinen

  • Deutlich kräftiger und aggressiver als Hauspferde

Wildpferd-Neuzugang Xarope

Die heutige Population geht auf 12 Gründertiere zurück.

Kürzlich stieß Hengst „Xarope“ zur Gruppe. Er kam als Ersatz für einen anderen Hengst, der im Januar an den Zoo in Warschau abgegeben wurde. Dass Wildpferde die Herde im Stadtwald verlassen und neue hinzukommen, ist nichts Ungewöhnliches. Grund dafür ist das „Europäische Erhaltungszuchtprogramm“, dass die Verteilung der Przewalski-Pferde koordiniert. Regelmäßig ziehen einzelne Pferde in andere Gruppen um, damit der Genpool möglichst groß bleibt. Die gesamte heutige Przewalski-Pferd-Population Europas ist auf nur zwölf Pferde zurückzuführen, mit denen man nach dem 2. Weltkrieg anfing, den Bestand wieder aufzubauen. Seit den 1960er Jahren waren die Wildpferde zudem in freier Wildbahn ausgestorben. Heute verwaltet das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) etwa 800 Tiere.

Die Augsburger Przewalski-Herde wird also immer mal wieder einen Hengst abgeben und einen neuen bekommen. Doch es werden nicht mehr als sechs werden, meint Norbert Pantel. Pro Pferd seien fünf Hektar Fläche einberechnet, die die Tiere auch brauchen, damit sie auch im Winter genug Nahrung finden.

Warum besteht die Augsburger Herde nur aus Hengsten?

Przewalski-Pferde werden entweder in Harems- oder in Junggesellengruppen gehalten. Damit wird die natürliche Herdenbildung simuliert, denn in freier Wildbahn werden heranwachsende Hengste vom Vater vertrieben, sobald sie selbständig sind. So bilden sich Herden aus jungen Hengsten, die zusammen umherstreifen, bis sie alt und kräftig genug sind, ihre eigene Herde zu beschützen.

Vielleicht wird Xarope also in ein paar Jahren vom EEP auserwählt, um seine eigene Haremsgruppe anzuführen und für weitere Nachkommen zu sorgen.

Wenn ihr das Naturschutzgebiet Stadtwald Augsburg besucht, beachtet, dass ihr ein sensibles Ökosystem betretet: Bleibt auf den Wegen und verhaltet euch respektvoll der Natur gegenüber.

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