Lieber Freier, weißt du eigentlich was du tust?

Laut der Umfrage einer Sonntagszeitung vor drei Jahren ist ausgerechnet Augsburg die Stadt mit der höchsten Prostitutions-Dichte in Deutschland. Diesen Ruf ist unsere Stadt bis heute leider nicht los. Ein offener Brief an alle Freier in Augsburg.

Lieber Freier, weißt du eigentlich was du tust?

Lieber Freier, weißt du eigentlich was du tust?

Ich kenne dich nicht. Kenne nicht deine Beweggründe, warum du dich entschieden hast, in die Welt der Prostitution einzutauchen. Vielleicht gefällt dir der katalogartige Charakter, vielleicht begann es mit einer Mutprobe, vielleicht auch nur wegen deines frustrierenden Alltags. Darüber kann ich nicht urteilen, wirst du jetzt denken. Und das will ich auch nicht.

Aber ist dir überhaupt bewusst, was wirklich hinter diesem „kleinen Vergnügen“ steckt?

Ich verstehe schon. Die Welt der Prostitution ist für dich einfach. Hier musst du kein Risiko eingehen, wenn du Fantasien ausleben willst. Brauchst keine Angst haben vor Ablehnung, solange die Bezahlung stimmt. Hier kannst du frei deinen Narzissmus ausleben – ohne Rücksicht auf andere. Denkt man mal so darüber nach, bist am Ende des Tages auch du eines der Opfer des Milieus.

Aber reden wir mal Klartext:

Vielleicht denkst du, du wärst der „Gentleman“ unter den Freiern. Natürlich würdest DU niemals mit einer Zwangsprostituierten schlafen. Doch Fakt ist: Nur die wenigsten Frauen arbeiten freiwillig in diesem Milieu. Über 90% der Prostituierten in Augsburg sind Ausländerinnen, von denen sich weniger als 5% überhaupt auf Deutsch verständigen können. Soviel zu Vertragsverhandlungen auf Augenhöhe. Viele von ihnen werden noch als junge Frauen nach Deutschland gebracht – viele jünger als 21 Jahre. Als „Rettung“ aus den armen Verhältnissen, in denen sie lebten. Nicht selten schicken sie sogar ihre eigenen Familien, um Geld zu verdienen. Nicht selten werden sie aber auch durch Menschenhandel ins Land gebracht. In Augsburg sind übrigens täglich ca. 500 Frauen in Prostitution tätig. Ja, auch in unserer scheinbar so heilen Welt in Augsburg gibt es Schattenseiten.

Ja ich weiß, die Wahrheit ist traurig. Doch weißt du überhaupt, was die Wahrheit ist? Oft wissen die Frauen nicht einmal, in welcher Stadt sie sind, weil sie von ihren Zuhältern ständig von Ort zu Ort geschleppt werden. Viele von ihnen landen in einem Teufelskreis aus Alkohol, Drogen, Krankheiten und vor allem ANGST. Angst vor ihrem Zuhälter, Angst vor der Polizei, Angst vor Krankheiten und Angst, ihre Fixkosten nicht bezahlen zu können. Sie sehen keine Perspektiven, sind abhängig, gefangen im Milieu. Fremdbestimmt. Vermarktet. Abkassiert.

Aber du bist natürlich nicht der Einzige, der die ganze Sache mit einem Augenzwinkern sieht. In Deutschland gehen schätzungsweise 1,2 Millionen Männer jeden Tag heimlich zu Prostituierten. Die meisten von ihnen sind sogar in festen Beziehungen oder verheiratet. Von diesen Männern denken vermutlich nur die wenigsten darüber nach, was sie dadurch bei ihrer Partnerin anrichten. Körperlich und seelisch.

„Ältestes Gewerbe der Menschheit“ hin oder her – Am Ende ist und bleibt Sexkauf nur eins: Missbrauch. Denn der Mensch ist kein Konsumartikel. Und nein, meiner Meinung nach hat niemand Anspruch auf die Sexualität seines Gegenübers. Auch du nicht.

Weißt du also überhaupt, was du tust?

Glücklicherweise gibt es Organisationen wie Solwodi, die sich stark für die Rechte der Frauen im Augsburger Rotlichtmilieu einsetzen. Auch die Stadt nimmt sich unter anderem durch das neue Bordell-Strukturkonzept, das so bisher übrigens noch einzigartig in Deutschland ist, dem Thema an. Wieso versuchst also nicht auch du, deinen Teil zur Veränderung beizutragen?

Willst du wirklich so ein „Gentleman“ sein, einer der „Guten“? Dann geh heute Abend, 4. Mai, ab 21 Uhr an den Herkulesbrunnen. Dort zündet die Organisation Solwodi im Zuge des Events „Licht in die Nacht“ für jede Einzelne von Ihnen ein Licht der Solidarität an.

Also geh hin und informiere dich. Damit auch du künftig weißt, was du wirklich tust.

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