Polyamorie – die Perspektive eines Insiders

Polyamorie bedeutet, mehrere Menschen zur selben Zeit zu lieben, emotional aber auch sexuell – und das mit der Zustimmung aller Beteiligten. Doch lässt sich Polyamorie in unserer Gesellschaft mit ihren Werten und Normen tatsächlich leben?

Polyamorie – die Perspektive eines Insiders

Wenn du gegen gesellschaftliche Normen verstößt

Auf die Frage, ob man mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann, sagt meine Erfahrung mir ganz klar: Ja! Nicht nur steckt meiner Meinung nach in jedem Menschen etwas Liebenswertes, das nur von uns entdeckt werden muss, vielmehr bin ich davon überzeugt, dass Monogamie nur ein gesellschaftliches Konstrukt ist. Wir sind derart gefangen in unserer Idee von Monogamie, dass wir die Vorstellung, uns in mehrere Menschen gleichzeitig zu verlieben, unterbewusst schon ablehnen, bevor ein Gefühl von Verliebtheit überhaupt eintreten kann.

Bei mir fängt es mit einer offenen Beziehung und dem Wunsch nach frei gelebter Sexualität an. Ich liebe meinen Freund, sehe in ihm meinen Seelenverwandten, und doch sehne ich mich danach, mich sexuell auszuprobieren. Mit ihm. Ohne ihn. Es geht darum, mich treiben zu lassen und den Kopf auszuschalten. Viele meiner Freunde denken, die Gründe für diese offene Beziehung zu kennen: Sie sprechen davon, dass es bei uns im Bett wahrscheinlich nicht mehr so gut laufen würde. Dass unsere gesamte Beziehung nach den paar Jahren scheinbar nicht mehr das ist, was sie einmal gewesen ist. Dass das nur ein Experiment sei, um das zwischen uns zu retten. Aber sie alle liegen falsch. Der Sex und die Gefühle zwischen uns sind all das, was ich mir nur wünschen könnte, aber wieso sollte ich nicht einen Versuch wagen, meine Grenzen auszutesten? Ich möchte herausfinden, ob all die gesellschaftlichen Normen für mich gelten, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin, oder aber weil ich mich aktiv für sie entscheide. Also genieße ich diese offene Beziehung, gehe plötzlich anders durch die Welt, mit einem offeneren Blick.

Wenn du plötzlich zwei gleichzeitig liebst

Es vergehen Monate, bis der Moment kommt, der diesen Abschnitt meines Lebens und auch meiner Beziehung in ein Vorher und Nachher unterteilt. Es ist ein Kerl mit blauen Augen, der eigentlich nur eine einmalige Sache sein sollte. Erst ist es Sex und dann plötzlich tiefsinnige Gespräche, lustige Erlebnisse und ganz viel Lachen. Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, je mehr ich ehrlich in mich hineinhöre, desto mehr bemerke ich, dass da Gefühle im Spiel sind. Es ist nicht nur Sex, sondern irgendwann ganz viele Schmetterlinge. Und weil Ehrlichkeit für mich an erster Stelle steht, spreche ich sofort mit meinem Freund über diese unerwarteten Gefühle, die mich völlig überrumpeln. Ich mache mich verrückt, weil ich mich definitiv in einen anderen Menschen verliebt habe. Völlig unerwartet – wie das mit der Liebe meistens ist. Womit ich letztendlich aber nicht gerechnet habe, ist das Verständnis, welches mein Freund mir entgegenbringt.

Wenn du deinen eigenen Weg findest

Die beiden lernen sich kennen. Blaue und grüne Augen, die beide mein Herz zum Schlagen bringen. Und dann passiert das, womit ich niemals gerechnet hätte: Sie sind damit einverstanden, dass ich mit beiden zusammen bin; parallel zwei Beziehungen führe. Zu diesem Zeitpunkt mache ich mir keine Gedanken über Polyamorie oder irgendeine andere Definition für das, was wir da tun, sondern genieße es einfach, zwei Menschen zu lieben und geliebt zu werden. Dass ich alleine wohne, macht das Ganze so viel leichter. An manchen Tagen gehen wir zusammen Eis essen oder ins Kino, kochen zusammen und quatschen danach stundenlang, aber meistens verbringe ich meine Zeit nur mit einem der beiden. Irgendwann pendelt es sich ein, wer welche Tage bekommt, welche unsere gemeinsamen sind.

Ja, ich liebe zwei Menschen. Aber auch wenn es schwer ist, das in Worte zu fassen, unterscheiden sich die Gefühle doch voneinander. Mit meinem Freund, den mit den grünen Augen, teile ich neben einem tiefgehenden Vertrauen, Erinnerungen, die sich über mehrere Jahre erstrecken. Mit Mr. Blueeye ist alles neu und aufregend, die erste Verliebtheit. Und trotzdem könnte ich keine Entscheidung treffen, zu sehr sind mir diese beiden Menschen unter die Haut gekrochen.

Wenn Liebe plötzlich anstrengend wird

Neben all den schönen Momenten bemerken wir dann aber sehr schnell die Schattenseiten dieser polyamoren Beziehung. Bei unseren Freunden stoßen wir auf Unverständnis und Verwirrung, teilweise auf Ablehnung. Noch schlimmer sieht es bei unseren Familien aus, in denen plötzlich ich die Böse bin. Immerhin hätte ich ja mit dieser verrückten Sache, wie sie es immer nennen, angefangen.

Das Schlimmste aber ist die Eifersucht, die anfangs kein Thema ist. Mit wem verbringe ich Weihnachten? Bei wessen Familie? Plötzlich wird mir klar, wie ich mich unter Druck gesetzt fühle, vor allem Mr. Blueeye scheint mit der Eifersucht zu kämpfen und distanziert sich immer weiter von meinem anderen Freund, möchte seine Zeit nur noch mit mir alleine verbringen. Er will auf einmal von mir hören, dass er meine Priorität ist und drängt mich mit seinem Verhalten in eine Ecke. Nach ungefähr zehn Monaten bricht er dann schließlich eine der wenigen Regeln, die wir zu Beginn dieser Dreiecksbeziehung aufgestellt haben: Er bittet mich mehrmals, den anderen zu verlassen. Und das ist der Moment, in dem ich die Reißleine ziehe und ihn verlasse, weil mir alles zu viel wird.

Es dauert, bis der Liebeskummer nachlässt. Und mit dem anderen, den mit den grünen Augen, finde ich langsam zurück zu einer Beziehungsform, die keinen Namen braucht, für die es wahrscheinlich auch keinen Namen gibt. Aber Sie macht uns beide glücklich.

Auch wenn es bei mir letztendlich nicht geklappt hat, bin ich der festen Überzeugung, das gelebte Polyamorie funktioniert. Meine Erfahrung ist dabei sicherlich kein Maßstab, sondern nur eine mögliche Form dieses Konzepts. Aber wie so vieles im Leben hängt so ziemlich alles von den beteiligten Personen ab. Eifersucht ist schon in monogamen Beziehung oftmals ein schwieriges Thema, in polyamoren kann sie aber schnell das Aus bedeuten.

Zum Schluss möchte ich dir noch ein Sache mit auf den Weg geben: Egal mit welchen Konventionen du auch aufgewachsen bist, führe die Liebesbeziehung, die dich glücklich macht. Egal ob monogam oder polyamor, entwerfe deine eigenen Werte und Normen und entdecke die Liebe auf deinem ganz individuellen Weg!

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