1 mal 9 mit einem Polizisten

„Augsburg ist eine mittlere Drogenhochburg in Südbayern.“ - Wir haben uns diesmal an einen anderen Beruf gewagt und direkt ein paar Fragen an einen Augsburger Polzisten gestellt.

1 mal 9 mit einem Polizisten

Polizei in Augsburg? Super hilfsbereit und offen - das durften wir heute feststellen. Mit neun Fragen machten wir uns auf den Weg ins Polizeipräsidium in der Fröhlichstraße in Augsburg. Wir erhofften uns wenig, und dachten, dass wir direkt an die Pressestelle weiter gereicht werden. Zu unserem Glück wollte dann ein Polizist doch unsere - vielleicht manchmal etwas provokativen Fragen - beantworten.

Warum sind Sie Polizist geworden?

Das war noch nie mein Wunschberuf, das muss ich jetzt sagen. Damals in der Schule, da kam der Einstellungsberater von der Polizei zu uns. Ich hatte damals eigentlich keine Ahnung was ich machen möchte. Ich hatte zwar viele Möglichkeiten und habe auch viele Bewerbungen geschrieben. Dann kam aber einer zu uns - der hat das wirklich sehr gut geschildert. Dann bin ich neugierig geworden, habe den Einstellungstest gemacht und ihn auch bestanden. Die Polizei, die waren die ersten, die sich bei mir gemeldet haben. So bin ich zur Polizei geraten. Ich bin jetzt seit fast 37 Jahren hier und ich würde sagen, ich würde es wieder machen. Auch wenn die Zeiten sich geändert haben. Die Leute werden schwieriger da draußen, aber im Großen und Ganzen ist das einer der Berufe, wo man am meisten erlebt. Und das Schöne ist, dass man sich innerhalb der Polizei auch verändern kann. Ich habe auch schon andere Sachen gemacht. Ich war zum Beispiel bei der Bereitschaftspolizei draußen, bin Schichtdienst gefahren, jetzt mache ich Tagesdienst und jetzt geht es schon seit 11 Jahren in die Schulen. Das ist hochinteressant und macht auch wahnsinnig viel Spaß. Ich hoffe, dass ich die Schüler motivieren kann. Es gibt nichts Schöneres, als wenn man in die Schule kommt und die Schüler einen gleich fragen, wann man denn wieder kommt. Das fragt draußen keiner, von wegen: „Sie, Herr Polizist, wann kommen Sie mal wieder zu uns nach Hause und machen eine Wohnungsdurchsuchung?“ Das fragt draußen wirklich keiner. (lacht)

Fühlen Sie sich mächtiger wenn Sie eine Waffe tragen?

Nein. Für mich gehört es einfach zu dem Beruf dazu, dass wenn ich rausgehe, eine Waffe dabei habe. Ich bin jetzt schon seit 36 Jahren dabei und ich habe bei einem Einsatz noch nie eine Waffe gebrauchen müssen. Ich sag immer die Polizei hat eine viel mächtigere Waffe: Wir versuchen mit den Leuten zu reden. Das funktioniert auch in den meisten Fällen. Die Waffe ist für mich eher so, dass ich sie halt einfach mitnehmen muss. Aber noch nie habe ich eine Situation erlebt in der ich zur Waffe hätte greifen müssen. Deshalb hab ich auch nicht das Gefühl, dass ich jetzt mit einer Waffe mächtiger bin, oder die eine oder andere Situation lösen könnte.

Was stört Sie bei Ihrem Job am meisten?

Am meisten stört mich der nachlassende Respekt, sag ich mal so. Das erfahren aber andere Berufsgruppen genauso, wie zum Beispiel Feuerwehr, Sanitäter oder auch die Lehrer - die haben genau das gleiche Problem. Was mich auch am meisten nervt, sind diese endlosen Diskussionen vor Ort. Ich muss nicht unbedingt die gleiche Meinung haben wie der Polizist, es ist egal um was es geht, aber ich habe hinterher genug rechtliche Möglichkeiten mich dagegen zu wehren. Das ist manchmal ziemlich nervig. Oder wirklich auch diese ganzen aggressiven Leute, die dann ohne Grund jemanden niederschlagen oder auch ohne Grund auf die Polizisten losgehen.

Sind Sie schon mal auf einer Verfolgungsjagd gewesen?

Mehrere schon. Das war in der Innenstadt und das ist schon immer ein bisschen gefährlich, weil die Gassen natürlich sehr klein sind. Wir haben da mal so einen auffrisierten Mofafahrer verfolgt und der ist wirklich sehr gut gefahren. Wir waren immer nur knapp hinter ihm - aber er hat natürlich Ortskenntnisse gehabt und wählte die schmalen Gassen, wo wir etwas abbremsen mussten. Letztendlich ist der uns davon gefahren. Der war einfach clever genug. Der ist damals dann beim Eishockeystadion davon gefahren - über das Plärrergelände und dann ist da hinten dieser Seitsteg nach Oberhausen, wo Pfosten drin sind. Da kommt ein Mofafahrer durch, aber leider kein Autofahrer. Das war spannend, aber man ist natürlich total unter Adrenalin, das ist klar. Und man muss immer auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten, weil die rechnen ja nicht damit, dass da ein Polizeiauto mit erhöhter Geschwindigkeit kommt. Letztendlich, wenn du nämlich einen Unfall verursacht, dann bist du der Unfallverursacher Nummer eins - aber spannend war es trotzdem. (lacht)

Nehmen Sie die Handschellen auch privat mit nach Hause?

Nein. Die brauch ich nicht.

Inwieweit sind Sie schon mit Drogen in Kontakt gekommen in ihrem Beruf?

Drogen sind schon ein alltägliches Problem. Augsburg ist eine mittlere Drogenhochburg in Südbayern, sag ich mal so. Hier gibt es genug Abnehmer und das Problem „Drogen“ hat mich eigentlich schon seit ich in Augsburg Dienst mache mit begleitet. Ich bin seit ‘94 in Augsburg. Früher hast’ die Szene gehabt am Königsplatz und hat sich dann verlagert zum Oberhauser Bahnhof. Ich habe in meinem Leben schon so ziemlich alle Drogen gesehen - natürlich nicht ausprobiert, aber gesehen schon. (lacht)

Was war Ihr lustigster Einsatz?

Spontan fällt mir einer ein: Der war schon ein wenig lustig. Das war am Sonntag in der Früh, da wurde bei uns angerufen, da es gleich da vorne am Klinkerberg einen Unfall gab. Der Unfallverursacher ist geflüchtet. Die sind anscheinend mit erhöhter Geschwindigkeit drauf gefahren, haben die Kontrolle über das Auto verloren und haben dann noch ein Verkehrszeichen rasiert. Das Auto war nicht mehr fahrbereit, das haben sie dann gerade noch in den Hinterhof reinschieben können. Beide sind dann weggelaufen. Das Ganze konnten dann Bewohner beobachten, die zufällig in der Früh auf waren, weil sie zum Flughafen mussten. Wir sind dann zum Unfallort und haben die beiden Zeugen vernommen. Das Auto stand noch da, Kennzeichen war auch dran. Das Auto haben wir abschleppen lassen und ich habe dann hier auf der Dienststelle den ersten Eintrag gemacht. Plötzlich klingelt es unten an der Wache - dort standen drei junge Männer. Einer von ihnen hat gesagt: „Es tut mir leid. Ich bin mit dem Auto gefahren und habe dann die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Ich habe nicht gewusst, was ich machen soll - und dann sind wir halt weg vom Unfallort. Ich wollte den Unfall aber nachträglich melden.“ Dann habe ich zu dem gesagt (da ich wegen der Beschreibungen der Zeugen genau wusste, wer im Auto war, wer gefahren ist und wer nur Beifahrer war): „Sie waren gar nicht im Auto. Sondern Sie sind gefahren und Sie waren Beifahrer!“ Dabei zeigte ich auf die anderen beiden Männer. Warum sind sie geflüchtet? Ganz einfach, sie haben vorher Alkohol getrunken und dachten, wenn jetzt die Polizei kommt, dann ist der Führerschein weg. Letztendlich hab ich dann die beiden einen Alkoholtest machen lassen, also Fahrer und Beifahrer: Null komma Null. Also, sie hätten gar nicht weglaufen müssen. Und sie sind natürlich heimgelaufen, haben einen guten Freund geholt, der dann behaupten muss, dass er gefahren sei, da er, nicht wie die beiden, die wirklich im Auto saßen, keinen Alkohol getrunken hat. Das ist für den Freund nicht gut ausgegangen. Den hat man dann natürlich verklagt, wegen Strafvereitelung. Im Nachhinein war es witzig. Für die nicht. Aber ich werde das Gesicht nie vergessen, wie ich draußen stand und sagen konnte: Sie sind nicht gefahren, sondern Sie! Und auf den anderen gezeigt habe. Die Zeugen waren super. Konnten genau beschreiben was sie angehabt haben. (Sie haben sich auch nicht die Mühe gemacht sich umzuziehen, die Jungs). Manchmal läufts so.

Ist Augsburg sehr kriminell?

Im Vergleich zu anderen Großstädten sind wir eine sichere Stadt. Man hat natürlich immer so Bereiche, wo es Schwankungen gibt. Ich habe die Statistik auch nicht so im Kopf. Die Gewalttaten werden zwar nicht mehr, aber sie werden intensiver. Josef Müller, Hans Mayer und solche Namen gibt es aber nicht mehr so oft. Wobei da muss man ein bisschen aufpassen, denn in Augsburg hast du ja ungefähr 50% Ausländeranteil und das ist mit Sicherheit nicht bayernweit der Fall.

Nehmen Sie einige Fälle auch mit nach Hause?

Ja, natürlich. Da sind einige Fälle dabei, die sind ganz, ganz tief gespeichert. Ich kann mich an einen Fall erinnern, der ist mittlerweile schon so fünfzehn oder zwanzig Jahre her. Da kam ein Anruf: Schwer verletzter Junge. Was ist passiert? Der Junge und seine Schwester waren alleine Zuhause. Mama war Lehrerin und ist immer ein bisschen später gekommen. Der Junge und die Schwester haben Zuhause fangen gespielt und sie hat den älteren Bruder geärgert. Er ist hinterhergelaufen. Sie macht die Glastür zu. Er rennt durch diese geschlossene Glastür. Kompletter Bauchraum aufgeschnitten. Wir wurden gerufen und waren sogar vor dem Notarzt da. Der Junge lag dann unten beim Nachbarn auf der Wohnzimmercouch. Da hat man, sag ich mal, ohne das man ein Röntgenbild gemacht hat, alles gesehen. Der Notarzt kam dann, der Junge ist verarztet worden. Aber selbst der Notarzt hat gesagt „Ich glaube der wird’s gar nicht schaffen".“ Das ist natürlich heftig. Dann ist die Mutter gekommen, die war natürlich total durch den Wind. Wir haben die Mutter raus gefahren ins Klinikum, da lag der Junge bereits im OP. Er hat das Ganze schlussendlich aber überlebt - zum Glück auch unbeschadet. Es ist also sehr gut ausgegangen für ihn. Aber die Bilder, die sind sofort da. Also auch wenn wir hier sitzen und ich es gerade geschildert habe, da waren sofort wieder diese Bilder. Ich habe gesehen, wie der da wirklich auf dieser Couch gelegen hat. Und da muss man natürlich mit umgehen können. Es hilft viel wenn man mit Kollegen redet. Mittlerweile haben wir auch einen psychologischen Dienst bei der Polizei. Früher hatten wir noch keine Frauen bei der Polizei. Gott sei Dank hat sich das geändert, denn auch bei Männern gibt es Probleme - man kann auch traumatisiert werden von manchen Ereignissen. Da braucht man einfach so eine Rückfallebene, wo man einfach hingehen kann und sagen kann: „Du, ich hab’ jetzt mal ein Problem.“ Und das ist auch kein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil. Aber da war die Polizei natürlich auch in einem ganz großen Lernprozess, weil früher war es natürlich so, dass man keine Gefühle, keine Regungen zeigte und das ist Käse. Einfach Käse.

Vielen Dank an die Augsburger Polizei für das sympathische und ehrliche Interview.

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