Warum mich die Plärrer-Stimmung doch noch packte

Über den Plärrer in Augsburg und, was ein Volksfest mit „Gemeinschaft feiern“ zu tun hat.

Warum mich die Plärrer-Stimmung doch noch packte

Ein Freund erzählte mir mal: „Es gibt zwei Arten von DJs: diejenigen, mit denen du die Gemeinschaft mit deinen Freunden feierst, und diejenigen, mit denen du gemeinsam die Musik feierst“. Wie wahr diese beiläufige Bemerkung ist, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich auf einer Elektro-Party war. Anders als auf den sonstigen Uni-Partys, auf denen wir mit Freunden im Kreis standen, die Lieder mitgesungen haben und einfach uns und unsere Gemeinschaft gefeiert haben, stehen hier die Party-Gäste zum DJ hingewandt.

Sie schließen die Augen. Sie fühlen die Musik. Ich höre plötzlich viele Details. Es geht um Töne und ihre Wirkung und nicht mehr darum, die Gemeinschaft zu feiern. Das Gefühl ist neu, aber es fasziniert mich. In den darauffolgenden Jahren entwickelte ich mich zu einer „wahren Kennerin“ und lernte als Fotografin auch viele DJs und Musiker persönlich kennen. Das führte sogar dazu, dass ich nur noch auf Partys und Events ging, wenn ich die Veranstalter und Künstler persönlich kannte.

Wenn ich mein WG-Zimmer aufräumte, dann liefen DJ-Sets auf Soundcloud im Hintergrund. Beim Spiele-Abend, beim Vorglühen, beim Sport oder auch beim entspannten Grillen in der Natur: immer lief nur ausgewählte Musik. Natürlich beschränkte ich mich nicht nur auf elektronische Musik.

Ich hatte ja schließlich die „Musik für mich entdeckt“.

Indie, Rock, Oldies, noch unbekannte Künstler, deren Anfänge und Aufschwung ich als Zuhörerin begleiten konnte wie bei Cro, Annenmaykantereit, Faber, Mine etc. Eine wahre Musikobsession überkam mich. Ich hatte ja schließlich genau diese „Musik für mich entdeckt“. Ich kannte deutschlandweit die Orte, an denen aufstrebende Musiker zu Gast waren, ging zu kleinen Konzerten, um genau diese eine Band live zu hören. Ich muss auch zugeben, dass sich mit der detaillierteren Kenntnis auch eine Überheblichkeit einstellte. Ich mied Mainstream-Partys, Mainstream-Konzerte und ja, als Cro plötzlich berühmt wurde, verbannte ich seine Musik aus meiner Playlist. Menschen, die nur das hören, was gerade bei Spotify oder im Radio kommt, warf ich einen abschätzigen Blick zu.

„Die Gemeinschaft feiern!“

Nun warum erzähle ich das Ganze hier überhaupt? Ich habe kürzlich ein Gefühl wiederentdeckt, das in den letzten Jahren etwas untergegangen ist. Der Zufall wollte es, dass Freunde von früher in Augsburg zu Besuch sind und zum Plärrer wollen. Ich lasse mich auf ein Bier überreden. Ich hätte nicht erwartet, dass ich wenig später auf der Bierbank stehe, ein herzliches „La Lala Lala, Lalalalala La, Lala, Lala“ im Gleichklang mitsinge, einen Prosit der Gemütlichkeit trinke, mit völlig fremden Menschen schunkele und das erfolgreich bestandene Examen meines fremden Tischnachbarn feiere. Und das alles, obwohl mir bewusst ist, dass ich für die Veranstalter nur eine Geldausgebe-Maschine auf zwei Beinen bin. Dennoch, ich muss unweigerlich an die Worte meines DJ-Kumpels denken: „Die Gemeinschaft feiern!“

Ab und an kann so ein Volksfest verdammt viel Spaß machen!

Es ist irgendwo ein Bedürfnis der heutigen Zeit. Bei all dem JOMO (Joy of Missing Out) Gehabe, bei all dem Ich-brauche-mal-einen-ruhigen-Tag-für-mich-alleine, bei all dem Ich-gehe-nicht-auf-Mainstream-Geldabzocke-Veranstaltungen, vergessen wir viel zu oft, dass Volksfeste wie der Plärrer oder Karneval im Rheinland schöne Möglichkeiten sind, einfach die Gemeinschaft zu feiern; mit Freunden, mit Fremden. Der Ethnologe Victor Turner nannte das Gefühl von Gemeinschaftlichkeit „Communitas“. Ich muss auch sagen, ich brauche Communitas nicht immer. Dafür liebe ich das Gefühl viel zu sehr, allein in der Natur zu sein oder ein gutes Buch zu lesen und die Ruhe zu spüren. Es gibt natürlich auch viele andere Wege, um Communitas zu erleben wie etwa auf einer WG-Party oder beim gemeinsamen Kochabend mit Freunden. Aber ich muss auch zugeben: Ab und an kann so ein Volksfest verdammt viel Spaß machen und lustig sein!

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