„Ein Pflegeheim ist keine Fabrik!“

Der Augsburger Gewerkschafter und Stadtrat Frederik Hintermayr schlüpft regelmäßig am Wochenende in den Ganzkörperschutz und führt Corona-Schnelltests in einem Pflegeheim durch. Im Interview verrät er uns den Grund.

„Ein Pflegeheim ist keine Fabrik!“

Frederik Hintermayr (29) sitzt nicht nur für Die Linke im Schwäbischen Bezirkstag und im Augsburger Stadtrat, ist verheiratet und bald Vater von zwei Kindern. Er ist ebenso ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger. So kann man den jungen Mann seit einigen Wochen regelmäßig im Altenheim treffen, wo er Corona-Schnelltests durchführt. Wie es dazu kam und was er vom Gesundheitssystem hält, hat er uns in einem Interview verraten.

Was hat Sie dazu gebracht, freiwillig im Altenheim zu helfen?

„Ich kann nicht mit meiner Ausbildung zur Pflegefachkraft einfach zusehen, wie sich die Pflegekräfte kaputtarbeiten.“ - Frederik Hintermayr

Ich weiß von früheren Kollegen wie die derzeitigen Zustände in der Pflege sind. Zu wissen, dass ich helfen könnte, aber es nicht zu tun, war für mich nicht mehr möglich. Also habe ich die Stadt Augsburg angeschrieben und meine Hilfe angeboten. So kam es, dass ich in der städtischen Altenhilfe Corona-Schnelltests für Besucher durchführe und damit diese Aufgabe den Pflegekräften vor Ort abnehme. Weil ich ja eigentlich einen Vollzeitjob habe, mache ich diese Arbeit vor allem am Wochenende ein paar Stunden am Nachmittag.

Die Situation im Pflegeheim bekommen Sie daurchch hautnah mit. Wie ist die Stimmung dort?

Das Pflegeheim, in dem ich aktiv bin, ist sehr gut organisiert. Die Besucher werden mit FFP2-Maske zu uns geführt. Dort stehe ich komplett vermummt und entnehme die Probe. Die Besucher warten etwa 15 Minuten auf ihr Ergebnis und wenn es negativ ist, dürfen sie das Altenheim erst richtig betreten. Das läuft gut und die Besucher sind alle sehr verständnisvoll und freundlich.

„Ausbaden müssen das vor allem die Pflegekräfte.“ -Frederik Hintermayr

Allgemein auf den Pflegesektor bezogen zeigt die Krise allerdings, was passiert, wenn man über Jahrzehnte hinweg Krankenhäuser, Pflegeheime und das gesamte Gesundheitssystem auf komplett Wirtschaftlichkeit umgestellt hat und so organisiert, wie eine Fabrik. Vor zwei Jahren hat die Bertelsmann Stiftung noch gesagt, man müsste jedes zweite Krankenhaus schließen. Wenn man heute sieht, wie groß die Belastung in den Kliniken ist, sieht man ganz deutlich, nach welcher Logik in den letzten Jahren hier Entscheidungen getroffen wurden. Dafür werden wir jetzt bezahlen müssen. Ausbaden müssen das vor allem die Pflegekräfte. Klar, wurde das Pflegepersonal beklatscht und mit Schokolade beschenkt aber jetzt werden sie doch wieder im Regen stehen gelassen. Es ist gut möglich, dass sich für die Pflege auch nach der Pandemie wieder nichts verbessert. Aber ich hoffe, dass die Krise alle wachrüttelt und klar wird, dass wir das Gesundheitssystem retten müssen.

Was muss sich im Gesundheitssystem ändern?

„Eine Pflegeeinrichtung darf keinen Gewinn erwirtschaften müssen.“ - Frederik Hintermayr

Grundsätzlich müsste man das Gesundheitswesen der Marktlogik entziehen. Es kann nicht sein, dass ein Krankenhaus oder ein Pflegeheim Gewinn erwirtschaften muss. Das kann nicht funktionieren. So etwas kann nicht wie eine Fabrik organisiert werden. Die Personalschlüssel müssen angepasst werden. In den letzten Jahren wurde vieles ins Schlechte korrigiert, das muss erstmal rückgängig gemacht werden. Pflegeberufe müssen dringend attraktiver werden und da reicht nicht nur eine bessere Bezahlung. Die Belastung muss abnehmen. Die Tatsache, dass viele Pflegekräfte sagen, sie können in ihrer Arbeitszeit nicht so arbeiten, wie sie es wollen und auch müssten, um alle Patienten angemessen zu versorgen – das ist es, was den Job so unattraktiv macht und genau das muss sich auch ändern.

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