Oktoberfest? Nein Danke! – Das etwas andere Wiesn-Bashing

Sich über die Wiesn zu beschweren hat schon genauso lange Tradition wie die zweiwöchige Veranstaltung selbst. Auch ich finde das Oktoberfest extrem unnötig, jedoch habe ich eine etwas andere Position als die meisten Wiesn-Boykottierer.

Oktoberfest? Nein Danke! – Das etwas andere Wiesn-Bashing

Über sechs Millionen Besucher werden wieder bei dem berühmt-berüchtigten Spektakel auf der Theresienwiese erwartet, die sich in die entstaubte Tracht schmeißen und dem übermäßigen Verzehr der Volksdroge Alkohol frönen. Dem Rest von Deutschland geht währenddessen das weltweit bekannte Oktoberfest gepflegt am Gesäß vorbei. Ich bin definitiv ein Mitglied von zweiterer Gruppe und sitze nun vor der Aufgabe, in Worte zu fassen, WARUM mich die Wiesn nur peripher tangiert.

Gut, ich könnte es mir natürlich leicht machen und wie alle anderen Oktoberfest-Gegner die ewig gleichen Vorwürfe runtertippen: „Da geht’s doch nur noch ums Saufen“, „Mit Tradition hat das doch nix mehr zu tun“ oder „Da laufen eh nur noch Asis und Proleten rum“. Da so ein wiederkäuen weder mir noch euch etwas nützen würde und wir Toleranz in ALLEN Bereichen unterstützen, gehen wir die Causa Wiesn doch einfach mal mit einem lösungsorientierten Ansatz an.

Ein Prosit der Gemäßigtheit

Nichts dient besser als Symbolbild für die Wiesn und gleichzeitig als Nahrung für die Glut der Kritiker als hunderte von mitleiderregenden Alkoholleichen, die nach ihrem Dasein als The Walking Drunk den Kampf gegen die Schwerkraft endgültig verloren haben. Jedes Mal wieder die selbe Frage: Wie kann man sich bei so abnormal hohen Preisen so derartig abschießen? Auch mich suchen beim Hören des Wortes Oktoberfest posttraumatische Flashbacks heim, die viele vergangene Zugfahrten aus der Hölle wieder ans Tageslicht bringen. Die letzte Verbindung nach Augsburg während der Wiesn-Zeit zu nehmen steht bei mir auf der Schreckens-Skala sogar noch vor der diesjährigen Fahrt an dem Tag, als Ed Sheeran in München aufgetreten ist. Auch wenn beide Fälle ein einschneidendes Erlebnis waren, können sich die besoffenen Wiesn-Gänger aufgrund der deutlich höheren Wahrscheinlichkeit von spontan auftretendem Erbrechen im Wagon gegen die instagramenden Teenies und gackernden Muttis über 40 durchsetzen (Bei den Sheerianern wäre ich der einzige, dem das Abendessen wieder hochkommen würde). Aber zurück zum Oktoberfest: Ich kenne einige, die zur Wiesn fahren und trotz gemäßigten Alkoholgenusses ihren Spaß haben können und auch der Plärrer mit seinen wenigen Ausschreitungen zeigt, dass es auch anders geht. Warum dann nicht auch auf dem Oktoberfest? Die Antwort liegt bei meinem Punkt 2.

Kinna dad i scho, oba meng dua i ned

Aufgrund seiner (internationalen) Bekanntheit ist die Wiesn zu einem Monster-Spektakel angewachsen, das längst den Bezug zu seinen Wurzeln verloren hat. Während der Plärrer noch das ist, was er schon vor hunderten von Jahren war - nämlich ein Volksfest - ist die Wiesn ein Place-to-Be-Event für sensationsgeile Touristen und die schickimicki High Society geworden. Es geht nicht mehr um die „Gmiatlichkeit“ und das Beisammensein, sondern das Auf-der-Wiesn-sein weil es angesagt ist und jeder macht. Also Süddeutschlands Coachella quasi. Anstatt in die neueste Designermode schmeißt man sich in Dirndl und Lederhose, die oft nichts mehr mit den Originalen zu tun haben und so zu einem reinen Kostüm werden.

Abseits all der scheinheiligen prätentiösen Tendenzen gibt es dann auch noch diese schreckliche „Anything goes“-Mentalität. Natürlich lässt der steigende Promillespiegel die Hemmschwellen schneller sinken als man „Ozapft is!“ sagen kann, aber warum gehört asozial-prolliges Verhalten schon fast dazu? Grapschen im Bierzelt, Pöbeleien und Schlägereien sind an der Tagesordnung und dieses Profil von einem „Absturzfest“ ist dann die Grundlage für das Deutschlandbild von vielen ausländischen Menschen, die dann extra weite Strecken auf sich nehmen, um einmal in good old Bavaria die Sau rauszulassen. In der Wissenschaft nennt sich das eine Self fullfilling Prophecy - eine Vorhersage, die als wahr angenommen wird und das Verhalten des Menschen soweit beeinflusst, dass die Vorhersage tatsächlich wahr wird. Sprich: Wenn man in einem Land wie Australien nur Bilder von der Oktoberfest-Eskalation im Fernsehen oder Netz sieht, das dann als einzige Quelle für deutsche Tradition verknüpft und geil findet, dann wird man sich beim Urlaub auf der Wiesn auch genauso verhalten. Wollen wir so von anderen gesehen werden? Beim Kampf der Bevölkerungsgruppen, die sich wegen einer Sache für ihr Land schämen müssen, streiten wir uns mMn. wegen der Wiesn gerade mit den Amis und ihrem Präsidenten um Platz 1.

Abfeiern zu den Wiesn-(S)Hits

Zum Abschluss noch ein Anliegen, das mich jedes Mal aufs neue wurmt: die Bierzeltmusik. Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft weißmachen, dass ihr Ballermann-Gehirnzellentöter oder Schlager-Sünden auch nüchtern geil findet? Die meisten distanzieren sich natürlich und reden sich ja immer mit dem Argument heraus „Besoffen sind die echt lustig!“ - Leute, wenn man sich Musik schön trinken muss, dann ist das einfach nur verdammt traurig. In anderen Punkten gehen die Wiesnwirte ja auch mit der Zeit, wenn sie z.B. vegetarische und vegane Alternativen wie Wirsing-Tofu-Roulade, Bio-Dinkel-Süßkartoffel-Pflanzerl oder veganes Gulasch anbieten. Warum nicht auch mal die Musik in die Gegenwart holen? Wie wärs mit einem Mix aus alten Klassikern und neuen Charthits, wie er sich erfolgreich auf Radiostationen wie Bayern 1 oder SWR3 etabliert hat und alle Altersstufen anspricht? Also Queen statt Que Serra oder Rag ‘n’ Bone Man statt dem Fliegerlied. Und ich habe noch nie eine Party erlebt, bei der nicht lauthals zu Africa von Toto mitgesungen wurde! Wenns der Tradition halber unbedingt auch Blasmusik sein muss, könnte man ja neben den schon verwendeten und durchaus guten Hubert von Goisern ja beispielsweise die Lokalhelden LaBrassBanda spielen - das wäre doch mal was.

Dr Wadschnbam foit heit ned um

Im Endeffekt wird aber wohl alles beim Alten bleiben. Die Fans werden weiterhin Jahr für Jahr nach München pilgern und alles, was meiner Meinung nach falsch läuft, wird sich auch nicht ändern. So ist das halt mit der Tradition. Und solange sich da nix tut, bleibe ich einfach auch bei meiner Tradition indem ich daheim bleibe und mich über den ganzen Schmarrn beschwere. Der Watschenbaum fällt heute jedenfalls nicht um, aber sollte ich jemals einen gastronomischen Betrieb aufmachen, solltet ihr die Tracht besser im Schrank lassen, wenn ihr Einlass bekommen wollt ;)

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