Wie es ist, als Münchner nach Augsburg zu gehen

„Das beste an Augsburg ist der D-Zug nach München“ hat Brecht wohl nie gesagt. Und selbst wenn, richtig wäre er nicht gelegen.

Wie es ist, als Münchner nach Augsburg zu gehen

Zugegeben, als Durchschnitts-Münchner macht man sich normalerweise nicht viele Gedanken über Augsburg. Man fährt ab und zu vorbei oder durch, sieht die Fussball- oder DEL-Ergebnisse in der App seines Vertrauens oder schnappt eine Staumeldung von der A8 auf. Regelmäßig Ende September kommen dann noch evtl. vorhandene Freunde vorbei, schließlich braucht’s nach der Wiesn ja einen Schlafplatz. Ansonsten ist Augsburg halt einer von vielen Vororten. Klar, ein größerer, aber eben öffentlich in 30-40 Min. pendelbar. Das unterscheidet Augsburg nicht von Fürstenfeldbruck oder Ebersberg. Lediglich die Monatskarte kostet das Doppelte und die Züge schauen etwas anders aus. Das macht es attraktiv für Mietwahnsinn-Verjagte und Studenten ohne Papa-VIP-Stipendium. Woher ich das weiß? Ich war 8 Jahre einer der Durchschnitts-Münchner und kenne sowohl Verjagte als auch (Ex-)Studi

Als Münchner in der nennen wir‘s mal Transformationsphase zum Augsburger schaut das jetzt allerdings ganz anders aus. Wohnungssuche, überhaupt mal die Stadt kennenlernen, nach der Arbeit noch um die Häuser ziehen, neue Leute treffen, Termine in und um Augsburg wahrnehmen. Sagen wir’s mal so, vieles ist einfach ganz anders als in München, aber der Reihe nach.

Wohnungssuche oder „mehr als 13€ kann man nicht verlangen“

Das Suchprofil auf Immoscout war schnell eingerichtet. Wenn, dann nur zentral, Balkon/Terasse sollte das Ding schon haben, 4 Zimmer wären nice, Aufzug ist natürlich Pflicht, wer hat schon Lust, nen Kinderwagen in den 4. Stock zu tragen? So, schau mer mal. Los geht’s bei unter 1000€. Krass, da war ja die 3-Zimmerwohnung vor 8 Jahren in München teurer (und die war wirklich ein Schnäppchen!). Die ersten Besichtigungstermine waren schnell vereinbart und ich war wirklich vorbereitet auf Massenbesichtigungen, dicke Bewerbungsmappen inkl. Schufa-Auskunft und Solvenz-Nachweisen bis ins letzte Jahrtausend und Charmeoffensiven deluxe dem Makler gegenüber. Normal, wie man’s in München halt so kennt. Die Realität war dann sowas von angenehm anders. Termin? „Ja, wann würde es denn bei Ihnen passen. Einzelbesichtigung versteht sich.“ Unterlagen? „Jetzt schauen Sie sich erstmal in Ruhe die Wohnung an.“ Was stimmt bei dem Preis mit der Wohnung nicht? „Warum? Mehr als 13€ können wir nicht verlangen und die Mieten sind in den letzten Jahren explodiert“. Das klingt für einen Augsburger wie der blanke Hohn und das ist auch vollkommen richtig so, für Münchner ist es aber paradiesisch (wenn man dann nicht nach München pendeln muss - das ist das Gegenteil von paradiesisch). Gefunden habe ich die Traumwohnung trotzdem bis heute nicht und die 13€ sind mittlerweile leider auch nicht mehr das Limit.

Stadt kennenlernen oder „wo genau ist jetzt die Stadt?“

Wenn man dann schonmal da ist, kann man nach der Besichtigung gleich mal eine Runde durch die Stadt drehen. Bei knapp 300.000 Einwohnern ist das ja sicherlich auch recht groß alles und der ein oder andere Monumentalbau wird sicher auch dabei sein. Also drehte ich eine Runde. Annastraße, Rathausplatz, Judenberg, Mittlerer Lech, Predigerberg, Maxstraße und zurück. Für den Anfang ja ganz nett, das Rathaus kann schon was, die Maxstrasse ist schick und verstrahlt so etwas wie Prunk, nur wo genau ist jetzt die restliche Stadt? Kann ja eigentlich nicht sein, dass eine Stadt dieser Größe das Zentrum einer halb so großen Stadt hat und zudem auf den ersten Blick genau so urban wirkt. Mittlerweile weiß ich, dass es sein kann und dass das auch gut so ist. Augsburg hat vielleicht nicht das größte und wuchtigste Zentrum, dafür eine extrem charmante Altstadt mit vielen kleinen Gassen, etlichen, sehr alten und halt nicht so wuchtigen historischen Gebäuden mit teils wunderschönen Innenhöfen (ich sag nur Damenhof) und wirklich urbane Subzentren wie Lechhausen oder Oberhausen. Und wir haben Locations wie das Sonnendeck, für das uns sogar Münchner beneiden, es aber nie zugeben würden.

Bars und Restaurants oder „wie, zu? Banh Mi? Burrito?“

Ist man in Augsburg erstmal angekommen, will man auch entsprechend Essen gehen oder abends auch mal einen Kaltgetränk zu sich nehmen. Aus München war ich es gewohnt, immer genau das zu bekommen, was man gerade will. Libanesisch über foodora, Banh Mi beim Schlendern in der Hood, mal schnell nen Burrito oder ne Bowl in der Mittagspause. Nach der Arbeit noch einen handwerklich gut gemachten Gin-Tonic mit hochwertigen Komponenten oder doch noch kurz in einen der vielen Biergärten auf ne Maß. Geht hier bestimmt genauso. Joa, geht schon, halt anders, in geringerer Auswahl und vielleicht auch nicht dann, wenn man es gerade will. Montag und Dienstag ists einfach schwierig, bei lieferando kennt man früher oder später alle Restaurants, weil eben nicht so viele neue dazukommen und bei neuen oder speziellen Food-Trends muss man einfach suchen und manchmal auch warten. Ist das jetzt schlimm? Dachte ich erst, ist‘s aber nicht. Kennt man die richtigen Läden wie z.B. das Oh Boi, gibt’s (fast) alles, man muss halt einfach danach suchen (oder regelmäßig hier bei uns reinschauen...). Nur Burrito habe ich bis heute keinen gefunden, der den Namen auch verdient, kommt sicher noch...

„Wenn schon keine Öffis mehr, dann mal schnell mytaxi“

Ist man dann mal abends unterwegs, nimmt man besser die Öffis. Als Münchner ist man da verwöhnt, ab in die Ubahn, die S-Bahn oder eben auch mal nen Nachtbus. Geht da gar nix mehr, zückt man schnell das Handy und holt sich’n Uber oder ein Taxi über mytaxi. Wird hier in Augsburg dann wohl auch funktionieren. Halt ohne U-Bahn. Also nach einem Event im Textilmuseum ab zur Tram, äh Strossabo. Es ist 12 und was fährt nicht? Klar, die Straßenbahn. Dann eben schnell ein Taxi. Mytaxi auf, Abholort und Zieladresse angegeben und dann...nix. Der Fahrpreis wird angezeigt, das wars dann aber auch. Dienst an diesem Ort nicht verfügbar, also telefonieren und da geht der Spaß dann los... Dann doch lieber radeln oder laufen, ist eh gesünder.

Natürlich ist das nur ein sehr kleiner (sehr persönlicher) Ausschnitt dessen, was einen Münchner erwartet. Und es gibt noch viele andere Dinge, die sich unterscheiden, wie Kita, die Menschen hier, kulturelle Angebote, verfügbare Studiengänge, Kliniken bzw. Spezialisten, Sportmöglichkeiten, Ausflugsziele, Parks, usw.. Und es gibt die unterschiedlichen Prioritäten, die man setzt. So ist’s dann halt wie immer nicht pauschalisierbar. Schön ist‘s hier aber so oder so. Einfach so angenehm normal und entspannt und irgendwie echt. Das macht Augsburg für mich extrem sympathisch.

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