Matze Semmler – Wenn die ganze Band in einer Gitarre steckt

Reine Gitarrenmusik fristet ein ziemliches Nischendasein, auch in Augsburg. Musikstudent Matze Semmler möchte das ändern – und lässt dafür seine Gitarre auch mal zu einer ganzen Band werden.

Matze Semmler – Wenn die ganze Band in einer Gitarre steckt

Noch bevor Matze mit seiner regulären Arbeit beginnt, schaut er für einen Besuch im Hallo Augsburg-Büro vorbei. Die Redaktion ist noch leer, von draußen dröhnt der Lärm der Dauerbaustelle in der Bäckergasse durch die Fenster. Die ersten Passanten laufen vorbei und er gönnt sich den ersten Kaffee des Tages. Der Musikstudent, der den meisten wohl durch seine Augsburger Band „Dein Ernst“ bekannt sein dürfte, ist in Begleitung gekommen. Während er fröhlich vor sich hin erzählt, schlummert seine Gitarre sicher verwahrt in ihrem Kasten.

Matzes Gitarre ist ein Unikat. Sie ist extra so umgebaut und modifiziert, dass der junge Musiker seinen ganz speziellen Spielstil umsetzen kann. Denn, wenn der gebürtige Augsburger erstmal loslegt, funktioniert er sein Instrument auch gerne mal zum Bass oder Schlagzeug um. So wandelt er sein Lieblingsinstrument auch gerne mal in eine gesamte Band um.

Eigentlich studiert Matze am Leopold-Mozart-Zentrum klassische Gitarre und performt bei Oper-Vorführungen, Musicals und Wettbewerben. Eine Welt voller Regulierungen, ein wenig elitär und im Anzug. Aus der kulturell hochrangigen Umgebung möchte er gelegentlich ausbrechen, frei sein, sein eigenes Ding durchziehen. „Es hat natürlich alles seine Daseinsberechtigung und ist auch cool, aber ich möchte ein bisschen mehr Ich sein und habe deshalb meine eigene Percussion-Gitarrentechnik entwickelt“, erklärt er.

Wanderer zwischen zwei Welten

„Mir egal, ich spiel jetzt im T-Shirt ein klassisches Gitarrenkonzert.“

Mit seinem Soloprojekt möchte er sich auch verwirklichen – ein Ventil der musikalischen Freiheit. „Ich habe mich schon immer gefragt, muss ich das jetzt so machen? Ist das der einzige, richtige Weg?“, resümiert Matze. „Oder kann ich auch mal sagen: Mir egal, ich spiel jetzt im T-Shirt ein klassisches Gitarrenkonzert“.

Der Wandel zieht sich in seinem gesamten Leben durch, auch in seiner Band. Von 2009 bis 2018 noch unter dem Namen „No Spam“ bekannt, beschließen die jungen Musiker, neue Wege zu gehen, erwachsener zu werden. Unter neuen Vorzeichen folgt nicht nur eine kreativere und gereiftere Musik, sondern ein ernsterer Neustart mit neuem Namen: „Dein Ernst“.

Der melodische Alltag

Bevor er den Studienplatz am Leopold-Mozart-Zentrum bekam, musste er für die Aufnahmeprüfung üben wie für einen Marathon; inklusive gesunder Ernährung, genug Schlaf und bis zu 12 Stunden Proben täglich – ganze sechs Wochen lang. Jetzt, im Alltag sind es „nur noch“ vier bis fünf Stunden, in denen er an seinen Fähigkeiten schleift und neue Songs schreibt; alle instrumental, Gesang gibt es keinen.

Anfragen von Interessierten, die über seine Melodien singen beziehungsweise rappen wollen gibt es sogar, jedoch sind derartige Kooperationen bei Matze eher die Ausnahme. Bei seinen Live-Auftritten orientiert er sich an seinem Augsburger Vorbild Dimitri Lavrentiev, der seine oft restlos ausverkauften Auftritte durch kleine Geschichten zu jedem Song auflockert. „Der sagt dann zum Beispiel: ‘Hört mal hin, irgendwo ist ein Zug versteckt.’ Ganz am Ende hörst du dann dieses Dödöm-Dödöm, Dödöm-Dödöm und die Leute feiern das, wenn sie es erkennen“, schwärmt der Musikstudent. Lavrentiev nimmt das Publikum mit auf eine Reise, und das möchte Matze auch.

Es ist selbstverständlich eine kleine Nische, in der sich Matze mit seiner Musik bewegt. Den großen Erfolg sucht er nicht. „Das ist auch nicht meine Absicht. Eine Stadionshow wird natürlich nie passieren, klar“, meint er lachend. Trotzdem versucht er, immer abwechslungsreich zu spielen: Mal mit Folk-Picking, mal ohne Beat, mal richtig funky. Da es nicht viele Profis gibt, die die Kunst der Instrumenten-Imitation mithilfe der Gitarre für die Nachwelt festgehalten haben, widmet sich der Musikstudent dieser wichtigen Aufgabe im Zuge seines Bachelorprojekts. Das Ergebnis soll ein Lehrbuch werden, womit diese spezielle Art des Musizierens von Anfang an gelernt werden kann. Als Dozent am Downtown Musikinstitut versucht er schon jetzt, einige seiner Schüler dafür zu begeistern.

Inspiration gibt’s an der Wertach

Seine Freizeit genießt er in Augsburg mit Freunden am liebsten am Königsplatz oder auf der Bismarckbrücke. „Ich wunder’ mich jedes mal, warum wir es auf der Brücke eigentlich so cool finden. Wahrscheinlich liegt es am Vibe“, vermutet Matze. „Es ist zwar nirgends grün und überall Asphalt, aber wenn unter dir die Züge durchfahren und du den Sonnenuntergang beobachten kannst, ist das schon schön.“

Matze wohnt in Pfersee, seiner Meinung nach in idealer Lage. Da sich die Wertach in unmittelbarer Nähe befindet, schnappt er sich morgens bei schönem Wetter immer die Badehose, läuft über die Straße und hüpft in den Fluss. Daher stammen viele Inspiration, wenn er nach dem erfrischenden Bad mit einer Zigarette und seiner Gitarre am Ufer sitzt und an neuen Songs bastelt.

Nicht nur die vielen Badeorte heben Augsburg von anderen Städten ab, auch das geringe Stresslevel und die ideale Größe. „Manchmal denke ich mir bei den Augsburgern: Grinst doch mal mehr, ihr wisst gar nicht, wie schön ihr es hier habt“, sinniert der Gitarrist. Andererseits denke er sich oft, wenn er mal keine Lust auf kommunizieren habe – was nicht oft vorkäme – müsse er einfach nur das Augsburger „Straßenbahngesicht“ aufsetzen. „Dann spricht mich definitiv keiner an“, lacht Matze.

Auch als Musikstandort kann sich unsere Stadt sehen lassen. Die hiesige Szene mache Spaß, sei aber eher verschworener und nicht so groß, wie sie für viele von außen aussieht. „Hier läuft echt viel und ich kenne auch so gut wie jede Band“, meint Matze. „Es könnte aber auch gerne etwas mehr frischen Wind durch Nachwuchs geben“.

„Am Anfang hörst du nur dieses ‘Bing‘, aber am Ende geht die Sonne auf.“

Obwohl die Kreise der Rock/Pop- und der Gitarrenmusik eher hier ziemlich getrennt sind, fühlt sich Matze in beiden wohl. Er sieht sich auch ein wenig als Kontrastprogramm zum klassischen Singer-Songwriter. Der Gitarrist betont: „Bei der Musik, die ich mache, reicht es halt nicht, wenn du fünf Akkorde kannst. Deshalb finde ich es aber auch so cool“. Geschichten erzählen, obwohl niemand singt – das sei die besondere Herausforderung. „Du musst nicht erklären, dass du schlecht drauf bist. Du versuchst, es durch das Instrument zu erzählen“, erläutert der Musikstudent. Er erzählt vom internationalen Gitarrenfestival, das jedes Jahr in Augsburg stattfindet und von einem Profi, der dort gezeigt hat, wie wichtig der erste Ton für einen Song ist: „Am Anfang hörst du nur dieses ‘Bing’, aber am Ende geht die Sonne auf“.

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