„Was die Kirche offiziell lehrt, passt nicht zu unserer Lebenswelt“

Eine Gruppe von Frauen hat die Thesen der Maria 2.0 Bewegung am vergangenen Samstag Dr. Bertram Meier, dem Bischof von Augsburg übergeben. Im Interview erzählt uns Franziska Hankl, warum sie die Forderungen der Bewegung unterstützt.

„Was die Kirche offiziell lehrt, passt nicht zu unserer Lebenswelt“

Franziska Hankl ist Vorsitzende des Diözesanverbandes der Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) Augsburg. Die PSG ist als Pfadfinderinnenverband an die katholische Kirche angegliedert und arbeitet mit jungen Mädchen und Frauen. Anders als viele andere Aktivistinnen entschieden die Frauen des PSG sich dafür, die Thesen nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an die Domtür zu hängen, sondern sie dem Bischof persönlich zu überreichen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich an der Bewegung Maria 2.0 beteiligt haben?

Auf die Thesen von Maria 2.0 und die geplante bundesweite Aktion sind wir spontan aufmerksam geworden. Am vergangenen Freitagnachmittag kam die Idee auf, dass wir uns, besonders als Mädchen- und Frauenverband, beteiligen sollten. Uns ist es wichtig, dass Frauen in der Kirche gesehen werden. Soweit wir wissen, gibt es hier in Augsburg auch keine aktive Maria 2.0 Gruppe. Also stand der Entschluss schnell fest, dass wir die Thesen weitertragen wollten. Dabei war uns wichtig zu zeigen, dass wir bereit für den Dialog sind. Deshalb überreichten wir die Thesen dem Bischof auch persönlich.

Warum haben Sie sich trotz der Missstände in der katholischen Kirche, die Sie ja anprangern, dazu entschieden in der Kirche zu bleiben und nicht auszutreten?

Wenn wir etwas verändern wollen, hilft es nichts, vor den Problemen wegzulaufen. Ich selbst stehe auch nicht hinter allem, was die katholische Kirche sagt, aber ich finde, genau dann ist es wichtig, sich für eine Veränderung einzusetzen. Aus der Pfadfinderbewegung haben wir ein Zitat, das uns unser Gründer vor 100 Jahren mit auf den Weg gegeben hat: „Versucht die Welt ein bisschen besser zu hinterlassen als ihr sie vorgefunden habt“. Ich denke, das passt ganz gut, denn wenn alle, denen etwas nicht passt nur weglaufen oder austreten, wird sich an der Kirche nichts ändern. Ich finde es wichtig, jetzt in einen Dialog zu kommen. Es braucht jetzt mutige Menschen, die sich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert.

Könnte die Bewegung Maria 2.0 zu einer Spaltung der katholischen Kirche führen? Ist diese vielleicht sogar beabsichtigt?

Die Frauen hinter Maria 2.0 sind ja überzeugte Gläubige, die etwas an der Kirche verändern wollen. Das Ziel ist sicher nicht, die Kirche zu spalten. Auch wir sind ja bewusst in den Dialog getreten, um zu zeigen, dass wir über Veränderungen reden möchten. Ich denke, die katholische Kirche macht schon die ersten richtigen Schritte: Zum Beispiel mit dem Synodalen Weg (Ein Gesprächsformat, das nach Missbrauchsfällen ins Leben gerufen wurde, um entstandene Fragen unter anderem zur Sexualmoral der Kirche neu zu diskutieren). Hier wird bereits klar, dass nicht nur der Klerus, beziehungsweise die Amtskirche etwas zu sagen hat, sondern auch Laien, Frauen und junge Menschen miteinbezogen werden müssen. Es ist wichtig, dass Leute sagen können, was ihnen nicht passt und dass man in den Dialog tritt.

Was braucht es Ihrer Einschätzung nach, damit die Forderungen von Maria 2.0 durchgesetzt werden, beziehungsweise es zu einer Reform in der Katholischen Kirche kommt?

Es ist sicher notwendig, dass sich die Kirche auf den Weg macht und, dass es genug mutige Menschen gibt, die Veränderungen vorantreiben. Das ist auch etwas, was wir dem Bischof gesagt haben. Wir wollen, dass er in der Deutschen Bischofskonferenz mutig vorangeht und etwas zu den Forderungen sagt. Wir müssen nicht warten, dass Rom vorangeht, sondern wir können den Weg schon davor einschlagen. Es braucht also mehr mutige Menschen und am besten auch mutige Menschen in höheren Positionen, die die Sache vorantreiben können. Der Synodale Weg ist eine tolle Sache, die auch schon längst fällig war, aber er darf nicht nur eine Diskussionsrunde sein. Daraus muss etwas entstehen und dafür braucht es Mut zur Veränderung.

Was sagen Sie zu dem Argument der katholischen Kirche, dass so etwas wie das Zölibat durch die Bibel vorgegeben ist?

Viele sagen ja auch, dass nur Männer Priester werden dürfen, weil Jesus ein Mann war und weil die Jünger Männer waren. Das ist übrigens auch nicht ganz richtig. Neuere Auslegungen der Bibel sagen, dass es durchaus auch Jüngerinnen gab. Es ist viel durch Tradition und das Patriarchat entstanden und hat eigentlich keinen näheren Grund. Und nur weil es geschichtlich entstanden ist, heißt es ja nicht, dass es gut ist.

Was sagen Sie zur Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz, die sagt, man könne die Kirche nicht von heute auf morgen ändern?

Uns ist durchaus bewusst, dass nicht sofort, alles von heute auf morgen verändert werden kann. Aber wir sehen auch, dass jetzt damit begonnen werden muss, etwas zu verändern. Die Kirche muss sich jetzt auf den Weg machen. Gewartet wurde schon viel zu lange. Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz gibt es auch unterschiedliche Meinungen. Meine Hoffnung ist, dass sie sehen, dass sich etwas ändern muss und dass auch dort mutige Menschen beginnen, Schritte für eine zukunftsfähige Kirche zu gehen.

Wie die Kirche zu Sexualität und Partnerschaft steht, ist nicht mehr lebensnah.

Ich beobachte das auch hier im Pfadfinderinnenverband. Wir sind zwar ein katholischer Verband, aber die Mädchen sind in erster Linie Pfadfinderinnen. Trotzdem bringen wir immer wieder spirituelle Themen mit ein und da merke ich schon, dass Glaube nicht „out“ ist. Aber die Jugendlichen merken auch, dass vieles von dem, was die Kirche offiziell lehrt, nicht mehr Teil ihrer Lebenswelt ist. Wie die Kirche beispielsweise zu Sexualität und Partnerschaft steht, ist einfach nicht mehr lebensnah. Wenn die Amtskirche da nicht wieder einen Schritt hin zur Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen macht, dann ist verständlich, dass immer mehr Leute austreten. Aber genau das ist schade, denn Glaube kann Menschen gerade heute Halt und Kraft geben.

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