Interview mit einer Anorexiekranken

Abnehmen und der Drang nach extremen Schönheitsidealen kann schnell zur Sucht werden. Wir haben Greta getroffen. Sie hat der Magersucht den Kampf angesagt - und spricht mit uns darüber.

Interview mit einer Anorexiekranken

Wenn man Greta auf der Straße begegnet, sieht man ihr erst einmal nichts Außergewöhnliches an. Klar, sie ist schlank, vielleicht schlanker als der Durchschnitt der Schlanken, aber sie macht keinen ausgezehrten Eindruck, den diverse Schockbilder in Aufklärungsfilmen propagieren. Und trotzdem ist sie nicht gesund: Sie leidet an Magersucht, aber hat noch rechtzeitig eine Therapie begonnen, bevor sie selbst zu einem Schockbild wurde. Wir haben sie zu einem Interview getroffen und mit ihr über ihre Krankheit gesprochen.

Eine Anorexie ist ja keine Krankheit, die man sich durch Tröpfcheninfektionen einfängt. In eine Magersucht treibt man sich ja quasi selbst - warum?

In meinem Fall war es so, dass in meinem Umfeld viel passiert ist. Vieles, auf das ich keinen Einfluss hatte, was ich nicht kontrollieren konnte. Es haben sich Dinge verändert in eine Richtung, die ich gar nicht wollte - und ich konnte die Situation nicht kontrollieren. Ich habe gemerkt, dass ich es nicht kontrollieren kann, wie es meiner Familie oder meinen Freunden geht. Das waren Erlebnisse, in denen ich mich handlungsunfähig gefühlt habe. Dann kam noch dazu, dass ich an Gewicht zugelegt habe, was mir nicht gefallen hat. Dann habe ich begonnen, abzunehmen und habe gemerkt: Hey, das ist super einfach. Ich kann kontrollieren, wie viel Sport ich mache, ich kann kontrollieren, wie viel ich esse, was ich esse. Ich kann damit meinen Körper kontrollieren, ich kann kontrollieren, wie ich aussehe.

Dann habe ich am Anfang natürlich auch Komplimente bekommen, denn es ist noch gesellschaftlich so, dass dünn gleich schön ist. Und wenn es nicht für mein Aussehen war, dann zumindest für meine Disziplin, das hat auch etwas mit Anerkennung zu tun. Einfach auch der Wunsch, in etwas gut zu sein.

„Ich war eben einfach gut im Abnehmen.“

Diese Bestätigung, die man da bekommt, kippt dann irgendwann ins Extrem. Es hat mir einen Kick gegeben, wenn ich morgens auf der Waage stand, und da eine kleinere Zahl stand. Ich habe gedacht, es ist stark nichts zu essen und ich bin stark, wenn ich nichts esse.

Gleichzeitig war es aber auch eine Art für mich, der Welt zu zeigen, wie es mir geht, denn ich hatte in dieser Zeit das Gefühl, nicht sagen zu können, wie es mir geht, weil es Leute belastet hätte, die ich nicht belasten wollte. Das Hungern hat aber dann dazu geführt, dass sich Leute um mich gesorgt haben und gesehen haben, dass es mir nicht gut geht.

Allgemein glaube ich, dass es schwer ist zu sagen, was Leute in die Anorexie bringt. Ich glaube aber, dass dieses Schönheitsideal schon eine große Rolle spielt. Wenn man sich diese photogeshopten Models oder Schaufensterpuppen anschaut, das ist so ein Ideal, welches schon jungen Mädchen suggeriert wird.

Woran können dann Familie oder Freunde erkennen, ob Du „nur“ abnimmst, oder ob Du in eine Magersucht geraten bist? Und was rätst Du den Angehörigen von Essgestörten?

Erkennen kann man es natürlich klassischerweise daran, dass jemand Gewicht verliert. Wenn man dann noch verschweigt, dass es einem nicht gut geht oder nicht mehr mit einem zusammen essen, gerade auch in der Familie, kann das ein Anzeichen sein, dass etwas nicht stimmt. Das sollte man dann beobachten.

Wie man reagieren sollte ist etwas schwierig. Man sollte auf jeden Fall nicht sagen „Oh, du siehst so dünn aus.“, weil das ein Kompliment ist. Man kann sagen „Ich mach mir Sorgen“, obwohl man da vorsichtig sein muss. Denn das ist natürlich ein Liebesbeweis, und viele Anorexiekranke fühlen sich nicht wahrgenommen, und haben dann so das Gefühl, Aufmerksamkeit zu bekommen. Wichtig ist, anzusprechen, dass man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt und glaubt, dass derjenige das Abnehmen nicht mehr unter Kontrolle hat. Man muss immer an den gesunden Teil, den die Person immer noch hat, appellieren.

„Die betreffende Person wird die Sorge erstmal nicht annehmen. Aber da muss man dran bleiben.“

Meine Eltern sagten zum Beispiel, dass ich mir dringend professionelle Hilfe suchen müsste, da sie sonst den Kontakt abbrechen, denn sie wollten nicht sehen, wie ich mich selbst kaputt mache. Das ist Druck, der aufgebaut wird und ich glaube, das ist das Einzige, was wirklich hilft. Magersucht ist eine Sucht. Und bei einer Sucht hilft nun mal am besten ein kalter Entzug - und das erreicht man nur mit Druck und damit, das Problem offen anzusprechen.

Wo lag Dein persönlicher Tiefpunkt?

Es gab mehrere Tiefpunkte. In der Hochphase habe ich das nicht gar nicht gemerkt, da war ich sogar stolz darauf. Ich glaube das war die Phase, in der ich zum Frühstück drei Esslöffel Haferflocken mit Wasser gegessen habe - da gab es keine Milch - und einen Esslöffel Joghurt. Und das waren keine großen Löffel. Mittags gab’s dann maximal ein Stückchen Schokolade, sodass mein Blutzucker hochschoss. Danach zwei Stunden Sport und abends eine halbe Portion. Das war im Juni 2016. Im Juli 2016 habe ich dann erste körperliche Symptome bemerkt. Es hat angefangen, dass meine Regelblutung ausgeblieben ist. Da habe ich gemerkt: „Das ist nicht gut. Mein Körper kann da Irgendetwas nicht.“

Ein anderer Tiefpunkt war ein Urlaub mit meiner Familie. Entspannen konnte ich da nicht. Mittags gab es da nur eine Kugel Pistazieneis im Becher - denn in der Waffel sind ja Kohlenhydrate.Da gabs natürlich immer wieder Konflikte. Nach einem Streit lag ich bei meiner Mutter dann im Arm und sagte:

„Mama, ich will das nicht mehr.“

Da habe ich gemerkt, dass etwas völlig verkehrt läuft.

Schränkt Anorexie dann auch noch anders ein, abgesehen vom Essen?

Dadurch, dass es eine Sucht ist, denkt man ständig nur übers Essen nach. Was habe ich gegessen, wieviel habe ich mich bewegt, wieviel darf ich noch essen. Und beim „Wieviel habe ich mich bewegt“ geht das schon in die nächste Dimension, also wie viel Energie verbrauche ich am Tag, denn oft ist eine Essstörung gekoppelt mit einer Sportsucht. Mit dem Sport ist das alles natürlich super zeitaufwendig und dauernd in diesen Essgedanken verstrickt.

„Man bekommt die Welt um sich gar nicht mehr mit.“

Man hat keine Energie mehr, man hat zum Beispiel auch keine Kraft für Sozialkontakte mehr. Man vermeidet es, mit Freunden weg zu gehen, denn man könnte ja essen. So greift das dann auf den ganzen Alltag über. Man fragt sich, wo man hingehen kann, wo muss ich essen, kann ich da essen, kann ich mich genug bewegen? Das sind alles Faktoren, über die man nachdenkt. Ich habe teilweise am Morgen geplant: Wo bin ich heute mit welchen Menschen; welches Essen wird es geben? Bin ich sozial dazu verpflichtet dort zu essen? Kann ich mich heute bewegen, oder kann ich das nicht, weil ich den ganzen Tag in der Uni sitze? All das musste ich wissen, sodass ich planen konnte, wann ich wie viel esse um nicht zu-, sondern bestenfalls sogar abzunehmen.

Wenn Du jetzt in ein All-You-Can-Eat Restaurant eingeladen wirst. Wie gehst Du damit um? Triggern Dich die Massen an Essen dort?

Inzwischen bin ich da ziemlich entspannt. Ich kann mir vertrauen, dass ich so viel esse, wie ich auch tatsächlich möchte. Eine große Angst, die man bekommen kann ist, dass man sich fürchtet, nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können. Natürlich macht man das nicht. Ich kucke dann einfach, was es gibt, auf was ich Lust habe und höre auf mein Bauchgefühl, wie viel ich essen will. Aber es ist schon so, dass man da auch mit gemischten Gefühlen reingeht, denn im Hinterkopf hat man natürlich immer die Stimme, die sagt: „Pass auf, dass Du genügend Gemüse isst, dass du etwas trinkst und schon etwas im Bauch hast, damit du nicht zu viel isst. Kuck, dass du mehr Gemüse, als Frittiertes auf dem Teller hast“ etc.. Solche Gedankenmuster sind schon noch dabei, aber ich kann sie inzwischen ganz gut abschalten.

Kann man denn Anorexie überhaupt heilen, oder lernt man nur, damit umzugehen?

Im Fachbereich spricht man von einer Drittel-Regel: Ein Drittel der Therapiepatienten werden gesund, sodass die Essstörung sie nicht mehr tangiert, ein weiteres Drittel wird immer wieder Probleme damit haben, kann aber gut damit umgehen und das letzte Drittel wird immer wieder rückfällig und bei dem die Sterberate nach oben geht. Ich habe aber die Hoffnung, dass man komplett heilen kann. Momentan bin ich auch auf einem guten Weg, gesund zu werden, aber natürlich habe ich auch Angst, rückfällig zu werden. Es gibt zwar Tage, da denke ich gar nicht daran, wie viel ich schon gegessen habe, aber es gibt eben auch Tage, da fällt mir das ganz schwer - vor allem unter Stress nimmt das zu.

„Man muss sehr geduldig sein. Man kommt unheimlich schnell in eine Essstörung hinein, aber es dauert sehr lange, bis man wieder rauskommt.“

Aber mit der Therapie lernt man ja auch, wie man damit umgeht, was Stabilisatoren im Alltag sind und wie man mit schlechten Gedanken umgeht. Deswegen ist die Angst zwar relativ gering, dass ich rückfällig werden, aber natürlich immer noch da.

Du sagtest ja, dass Du schon auf einem guten Weg zur Heilung bist. Was würdest Du jungen Menschen raten, die gerade dabei sind, in eine Anorexie zu schlittern?

Nehmt euch ernst. Nehmt eure Sorgen ernst. Nehmt euren Schmerz ernst und sucht euch Hilfe. Je früher ihr euch Hilfe holt, desto einfacher ist es, etwas dagegen zu machen - und desto leichter kommt man da eben wieder raus. Und wenn ihr euch nicht traut, zu einer professionellen Hilfe zu gehen, sprecht mit Freunden darüber, oder geht zu öffentlichen Beratungsstellen, die gibt es überall, auch in Augsburg. Wenn ihr das Gefühl habt, es läuft etwas schief, dann läuft auch etwas schief, dann ist da auch ein Leidensdruck. Da ist es auch egal, ob das stigmatisiert ist oder nicht.

„Am Ende des Tages geht es darum, ob ihr überlebt oder sterbt.“

Niemand wird euch abweisen und euch nicht ernst nehmen, selbst wenn ihr das Gefühl habt ihr seid noch im Normal- oder sogar Übergewicht. Denn eine Essstörung beginnt im Kopf und endet am Körper.

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