Kükenschreddern verboten – Augenwischerei im Tierschutz

Das glückliche Huhn – eine romantische Vorstellung, die uns vor der Wahrheit abschirmt: Zig Millionen Küken werden jedes Jahr getötet und auch das Anfang 2022 geltende Verbot des Kükenschredderns wird daran nichts ändern.

Kükenschreddern verboten – Augenwischerei im Tierschutz

„Eier stammen von der glücklichen Henne. Ein Teil davon wird verkauft, aus dem anderen dürfen Küken schlüpfen, aus manchen wird ein großer, stolzer Gockel“, so oder zumindest so ähnlich habe ich mir den Eierzyklus früher vorgestellt. Um ehrlich zu sein habe ich mir auch später einfach keine Gedanken darüber gemacht und noch dazu die Augen verschlossen. Deswegen freute ich mich ganz naiv beim Zeitung lesen: „Juhu, endlich wird das Kükenschreddern verboten.“ Denn nach langen Diskussionen soll nun ab Anfang 2022 ein Verbot für das Schreddern männlicher Küken in Kraft treten. „Diese unethische Praxis gehört dann der Vergangenheit an“, verkündete Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und sprach von einem „bedeutenden Fortschritt für den Tierschutz“. Das klingt prinzipiell nach einer guten Nachricht. Aber tatsächlich verlagert sich das Problem so nur, mehr Tierschutz entsteht daraus nicht.

Ein Hahn legt keine Eier

Für das Töten der männlichen Küken gibt es verschiedene Gründe. Dazu gehört, ganz klar, dass sie keine Eier legen können. Dabei sind es die Eier, auf die wir es meist abgesehen haben, sogar Vegetarier essen sie gerne: Laut Statista verzehrt der Deutsche nämlich durchschnittlich 236 Eier im Jahr (Stand 2019). Die männlichen Vögelchen sind also unbrauchbar für die Deckung unseres Eierbedarfs. Der “logische” Schluss unserer Konsumgesellschaft? Das Töten der männlichen Küken.

So wurden, laut der Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, allein im Jahr 2019 etwa 45 Millionen männliche Küken vergast oder geschreddert. Man erfasse zwar nur die Anzahl der weiblichen Tiere, gehe aber von einem Geschlechterverhältnis 1:1 aus. Also mir vergeht das Frühstücksei bei dem Gedanken, dass an einer Hälfte Blut hängt.

Masthähnchen vs. Zweinutzungshühner

Da drängt sich die Frage auf: Wieso werden die männlichen Küken denn nicht einfach aufgezogen und später zum Verzehr geschlachtet? Da sind wir auch schon bei den tierunwürdigen und widerlichen Folgen unseres Konsumverhaltens: Zum einen kostet die Aufzucht eines Tieres Geld. Zum anderen gehören die meisten dieser Hühner und Hähne, die wir am Ende essen, aber einer eigenen Zuchtlinie an. Diese sogenannten Masthähnchen wachsen besonders schnell, die leckere Brust sogar am meisten. Innerhalb von nur sechs Wochen erreichen diese Tiere ihr Schlachtgewicht, schildert der Tierschutzbund, vor dreißig Jahren hätten sie noch doppelt so viel Zeit zum Wachsen gehabt.

Tatsächlich gibt es inzwischen auch vermehrt sogenannte Zweinutzungshühner, das sind Tiere, die nicht auf spezielle Hochleistungen gezüchtet sind. Laut dem Tierschutzbund wachsen diese schneller als reine Legehybriden, aber sie legen auch etwa 60 Eier weniger im Jahr. Die Legehenne ist demnach wirtschaftlich rentabler, dafür entstehen aber auch die ungewollten Männchen.

Größer, schneller, mehr – das gilt auch für’s Hühnerei

Für die optimale Gewinnmaximierung setzen viele Betriebe also auf Legehennen spezieller Hochleistungszuchtlinien. Das heißt, die Mama-Hühner sind so optimiert, dass sie möglichst viele Eier in möglichst kurzer Zeit legen. Wie der Tierschutzbund mitteilt können diese aufs Eierlegen gezüchteten Hennen etwa 300 Eier im Jahr legen. Im Vergleich zu ihren Vorfahren seien das mehr als fünf Mal so viele. Damit wir unseren Sonntagskuchen möglichst billig genießen können, machen wir Hühner also zu Gebärmaschinen in Legebatterien. Daraus sei auch ein Zusammenhang mit Krankheiten festzustellen: Oft würden die Tiere an schmerzhaften Eileiterentzündungen und extrem brüchigen Knochen leiden.

Um ihrem Besitzer maximal viel Profit zu bringen, sitzen sie zudem oft sprichwörtlich wie die Hühner auf der Stange und gackern ohne Auslauf vor sich hin. „Wer Tierschutz möchte, muss den tierquälerischen Irrsinn der Hochleistungshennen beenden“, brachte es Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, auf den Punkt. Dass das Töten der männlichen Küken in Zukunft verboten ist, ändert an den Lebensumständen der Legehennen aber leider nichts.

Kükenschreddern verboten, getötet wird trotzdem

Ab 2022 soll also das Schreddern der Kükenjungs verboten sein. Wer jetzt glaubt, die „unnützen Tiere“ würden wenigstens dann wie Lebewesen behandelt, liegt falsch: „Statt männliche Küken zu töten, werden in Zukunft die Eier aussortiert. Das kann keine Lösung sein”, betonte Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Wenn man jetzt an ein Ei denkt, das man aus dem Kühlschrank in die Pfanne haut, wirkt das „Aussortieren“ erstmal nicht sonderlich unmoralisch. Ein bekanntes Unternehmen, dass die Grundlagenforschung zur Geschlechtsbestimmung im Brutei praxistauglich weiterentwickelt hat, ist die Seleggt GmbH. Auf ihrer Homepage erklären sie, die Eier würden für die Methode neun Tage in einem Vorbrutschrank bebrütet. Danach werde ihnen eine minimale Menge Allantoisflüssigkeit entnommen, anhand derer das Geschlecht bestimmt werden kann. Die Linken-Fraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali bezeichnete das verabschiedete Gesetz deswegen sogar als „Augenwischerei“: Es verschiebe nämlich nur die millionenfache Tötung der männlichen Küken um wenige Tage vor das Schlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt empfänden die Tiere bereits Schmerz, erklärt sie weiter.

Tatsächlich beträgt die Brutzeit bei Hühnern zwischen 20 und 21 Tagen – die Untersuchung geschieht also, wenn das Küken schon die Hälfte seiner Entwicklung durchlaufen hat. Aber immerhin bleiben uns dann die hässlichen Bilder von niedlichen gelben Knäulen erspart, die ihrem Ende im Schredder entgegenfahren. Und schon ist das Gewissen wieder befriedigt und man kann, ohne zu zögern, nach dem Billig-Ei greifen.

Denn von alldem ahnt man recht wenig, wenn man im Supermarkt vor der Qual der Wahl des richtigen Eierkartons steht: Deswegen müssen wir uns endlich klar machen, dass auch Eier keine unschuldigen Erzeugnisse sind, dass auch dafür Tiere leiden. Dass Kükenschreddern verboten wird ist richtig und ein erster Schritt in eine lebenschätzende Richtung. Aber es als einen “bedeutenden Fortschritt für den Tierschutz” zu bezeichnen, beruhigt nur das Gewissen.

Zum Glück sieht man inzwischen immer häufiger Eier von „glücklichen Hühnern“ im Supermarkt. Bei manchen davon dürfen auch die männlichen Küken, Bruderhähne genannt, weiterleben. Wo es in Augsburg solche Eier gibt und welche Unterschiede es bei der Klassifizierung gibt, haben wir für euch recherchiert.

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