Aus der Ukraine nach Augsburg: Kamilla erzählt von ihrer Flucht

Wie ist das, wenn vor der eigenen Haustür der Krieg ausbricht? In Augsburg haben sich seit März 2022 über 4.000 Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Kamilla Kuzakhmedova ist eine von ihnen und erzählt von ihrer Flucht.

Aus der Ukraine nach Augsburg: Kamilla erzählt von ihrer Flucht

Kamilla Kuzakhmedova ist 18 Jahre alt und hat vor einem halben Jahr noch gemeinsam mit ihrer Familie und ihrem Hund Lincoln in Saporischschja im Süden der Ukraine gewohnt. Der brutale russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist der Grund, weshalb Kamilla mit Mutter, Großmüttern und dem Hund Lincoln im März 2022 nach Augsburg geflohen ist. Ihre Heimat von einem Moment auf den anderen verlassen zu müssen, war für Kamilla ein Schock.

Hallo Augsburg: Wie hast du den 24. Februar 2022, den Tag an dem Russland die Ukraine angegriffen hat, erlebt?

Kamilla: Ich bin am Abend des 23. Februars 2022 nach Saporischschja zurückgekommen, nachdem ich zwei Monate ehrenamtlich als Lehrerin in einem Sozialcenter gearbeitet habe. Ich war froh meine Mutter wiederzusehen und an dem Abend habe ich mich auch mit einer Freundin und ihrer Schwester getroffen. Es war eigentlich alles ganz normal. Am 24. Februar sind meine Mutter und ich um fünf Uhr morgens aufgewacht, weil das Telefon klingelte. Mein Bruder war am Telefon uns sagte uns: “Bleibt zuhause, der Krieg hat angefangen!” Meine Freundin ist später aufgewacht, weil ein russisches Kampfflugzeug sehr laut und nah an ihrem Fenster vorbeigeflogen ist. Sie hatte furchtbare Angst.

Hallo Augsburg: Von dem einen auf den anderen Tag in einem Krieg aufzuwachen war sicherlich ein Schock. Wie hast du dich in dieser absurden Situation gefühlt?

Kamilla: Wir haben die Lage nicht so ernst genommen und dachten bis zuletzt, dass es niemals zu einem Krieg kommen würde. Wir konnten uns also überhaupt nicht darauf vorbereiten. Ich reagiere auf Stress meistens mit Humor und versuche, die Situation aufzulockern. Die Reaktion meiner Mutter war viel emotionaler. Wir konnten alle nicht richtig realisieren und verstehen, was gerade in unserem Heimatland geschieht.

Hallo Augsburg: Viele von uns können es sich gar nicht vorstellen was passiert, wenn die eigene Stadt von Raketen beschossen wird. Wie habt ihr euch nach dem Kriegsausbruch verhalten?

Kamilla: In den ersten Wochen nach dem Ausbruch des Krieges haben meine Mutter, meine Schwester, meine 87-jährige Großmutter und ich im Flur auf dem Boden geschlafen. Da war es sicherer als in den Schlafzimmern, weil uns mehrere Wände an den Außenseiten vor den russischen Raketen schützen konnten. Über die Messenger-App Telegram wurden wir von der Stadt informiert, wann es für uns gefährlich wurde. Manchmal kam die Nachricht mitten in der Nacht. Dort wurden wir dazu aufgefordert, in Kellern und U-Bahn-Stationen Schutz zu suchen. Wir sind aber in unserer Wohnung geblieben und haben jede Nacht in der gleichen Kleidung geschlafen. Eine Tasche mit Dokumenten, Kleidern und Essen hielten wir griffbereit, denn jede Sekunde mussten wir damit rechnen, die Wohnung verlassen zu müssen.

Hallo Augsburg: Was ist passiert, nachdem ihr aufgefordert wurdet euer Zuhause zu verlassen?

Kamilla: Wir mussten aus Saporischschja fliehen, weil es dort nicht mehr sicher war. Wir sind erst in eine nahgelegene Stadt gegangen, dort wurde es aber schnell zu gefährlich. Im März haben wir uns dann dazu entschlossen, die Ukraine zu verlassen. Zusammen mit meinen Großmüttern, meiner Mutter und unserem Hund, sind wir mit einem Bus nach Rumänien gefahren. In Rumänien angekommen, wurden wir gefragt, in welches Land wir gehen möchten. Weil meine Freundin mit ihrer Schwester schon nach Deutschland geflohen waren, wollten auch wir nach Deutschland kommen. Wir hatten sehr viel Glück und durften durch Zufall nicht im Bus, sondern in den Autos der Ehrenamtlichen Helfer:innen des “Lion Clubs” nach Augsburg fahren. Am 20. März sind wir in Augsburg angekommen und haben durch die Hilfe der Ehrenamtlichen eine Unterkunft für unsere Familie bekommen. Ich bin unglaublich dankbar für ihre Unterstützung. Denn sie haben uns seit unserer Ankunft mit so vielen Dingen geholfen und sind inzwischen gute Freunde und wichtige Menschen für uns geworden. Ich bin auch sicher, dass wir nicht nur Glück hatten, sondern auch Gott uns auf unserem Weg nach Deutschland begleitet hat.

Hallo Augsburg: Inzwischen bist du seit sieben Monaten in Deutschland. Was denkst du über deine Zukunft und den Krieg in der Ukraine?

Kamilla: In den ersten Monaten in Deutschland habe ich viel darüber nachgedacht, was ich nach dem Ende des Kriegs in der Ukraine machen werde. Ich habe viel geweint, weil die Entscheidung mein Heimatland für immer zu verlassen sehr schwer ist. Ich liebe die Ukraine, dort ist mein Zuhause. Leider ändert sich die Lage in Saporischschja ständig und ich weiß nicht, ob die russischen Truppen morgen unser Haus zerstören werden und ich keinen Ort habe, an den ich zurückkehren kann. Es ist alles sehr unsicher, deswegen habe ich mich dazu entschieden, erst darüber nachzudenken, wenn der Krieg vorbei ist.

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