Juhu, die Killerspiel-Debatte lebt!

Ein weiterer Kommentar zu einem Thema, der schon seit Jahren veraltet ist, und ihr wollt einfach nur die Augen rollen? Dazu gab es am 8. Januar 2023 für Gamer:innen wieder Gelegenheit, denn ein Zombie ist auferstanden: Die Killerspiel-Debatte.

Juhu, die Killerspiel-Debatte lebt!

In einer Sendung der ARD äußerte die Journalistin Eva Quadbeck vom Redaktionsnetzwerk Deutschland in einer Diskussionsrunde zum Verlauf der Silvesternacht und der Ausschreitungen in Berlin, dass auch Videospiele eine Erklärung wären. Zur Unterstreichung ihres Arguments nutzte sie dabei eine sehr negative und bildhafte Sprache. Videospiele zeigen ein „realistisches Abschlachten“, junge Männer würden „ohne mit der Wimper zu zucken morden und andere jagen“ – und könnten dann wohl nicht mehr die Realität von der Fiktion unterscheiden.

Die Killerspiel-Debatte ist ein Konstrukt, das mich seit ich meinen ersten Controller eines Super Nintendos in der Hand hatte, begleitet. Und ich muss dazu sagen, dass ich aus dem Blickwinkel einer Frau schreibe, deren Eltern sich zumindest ab und an mit dem Medium beschäftigt haben. Dennoch gab es ein Tabu im Haus: Shooter. Erst mit 19 habe ich meinen ersten Shooter gespielt und ich hatte tatsächlich Skrupel, den Schuss mit R2 auf meinem PlayStation-Controller auf ein paar Pixel abzufeuern.

Über Gewalt in der Kunst

Wer argumentiert, dass die in einem Game dargestellte Brutalität dazu anstiftet, diese selbst auszuüben, der vergisst, dass es nicht die einzigen Medien sind, die explizite Dinge darstellen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand nach dem Blick auf Francisco de Goyas Gemälde „Saturn frisst seine Kinder“ auf einmal dazu getrieben war, den Nachwuchs zu essen. Oder dass jemand nach Hänsel und Gretel eine alte Dame in einen Ofen schieben wollte. Und sind nicht auch die Nachrichten jeden Tag von Kriegen sowie Brutalität geprägt?

Mir mag entgegengehalten werden, dass Spiele interaktiv seien: Spieler:innen wären in der Gewalt involviert. Und ja, das sind sie. Dennoch ist das, was in der virtuellen Welt auf einem Bildschirm passiert, nicht mit der Realität gleichzusetzen. Ein Controller ist keine Waffe. Aktionen, die mit einem x-Button ausgeführt werden, sind in der Realität komplizierter. Studien kommen zum Schluss, dass die Gewalt in Videospielen nicht zu mehr Aggressionen führt. Und doch: Passiert etwas auf der Welt, dann geht der Fingerzeig sehr schnell in diese Richtung.

Geschmack ist nicht Gefährdung

Nicht jedes Videospiel ist Call of Duty und nicht jedes Videospiel ist ein Landwirtschaftssimulator. Dazwischen liegt ein riesiges Feld, das jede:r Spieler:in für sich definiert. Nicht jedes Game stellt Gewalt exzessiv dar. Und trotzdem beklagte die Tierschutzorganisation PETA – übrigens mithilfe eines selbst programmierten Games – dass der Titel Super Mario unhaltbaren Tiermissbrauch beinhaltet. Kurzum: Wir reden hier nicht über eine Definition von Gewalt, sondern eher über Geschmack. Mir mag als passionierte Spielerin von Bloodborne vorgeworfen werden, dass die Inhalte und Darstellungen geschmacklos sind. Dennoch: Ich hatte bisher noch nicht einmal den Hauch eines Anflugs, dass ich mir ein Beil und eine Pistole zulegen muss und nachts auf einer Jagd durch die Straßen ziehe.

Wir werden die Killerspiel-Debatte höchstwahrscheinlich nicht begraben können. Egal, wie viele Studien, Berichte oder Streitgespräche darüber erscheinen. Wir werden in absehbarer Zeit also wieder da sitzen, mit den Augen rollen und die gleichen Argumente wieder durchkauen. Und uns doch wundern, dass jemand dieses Argument aus den Neunzigern wieder aus der Schublade holt und damit versucht etwas rechtzufertigen, was deutlich komplexere Ursachen hat.

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