Der König von Augsburg im Interview

Das Königreich Augsburg: Eine Stadt mit monarchischem Oberhaupt.

Der König von Augsburg im Interview

Seit knapp dreißig Jahren regiert der König von Augsburg nun schon über seine Stadt. Während die Bürgermeister und der Stadtrat über die Jahre wechselten, so hatten die Bürger neben ihnen dennoch ein konstantes Gesicht an ihrer Führungsspitze: den König von Augsburg. Die enge Verbindung und der rege Austausch mit seinem Volk, stehen für ihn an erster Stelle. Wir haben ihn ein Stück auf einer seiner Runden begleitet und ihm ein paar Fragen gestellt.

„Ein König ruht nicht. Aus diesem Grund sitze ich nicht, sondern laufe oder stehe tagsüber.“

Steckbrief

Bürgerlicher Name: Gerhard Hermann Lutz

Alter: 25430 Tage (69 Jahre)

Herkunft: Saulgaul in Baden-Württemberg

Beruf: König von Augsburg

Hallo Augsburg: Gibt es Verwandte in Augsburg oder vielleicht eine Königin?

König: Ich wohne jetzt schon seit knapp 30 Jahren in Augsburg, aber habe hier keine Verwandten. Meine Mutter wohnte in der Fuggerei, aber vor sechs Jahren ist sie verstorben und seitdem bin ich allein. Eine Königin gibt es auch nicht. Zumindest noch nicht.

Hallo Augsburg: Sie haben sich selbst zum König von Augsburg ernannt. Doch wie hat das alles angefangen?

König: Ich habe darüber nachgedacht, dass ich nie Schmuck trage und begann, mir Gedanken über das Wesen des Schmucks im Allgemeinen zu machen. Die meisten Leute tragen Schmuck und das an den verschiedensten Stellen: den Ohren, der Nase, dem Bauchnabel, … - mittlerweile eigentlich am ganzen Körper. Der Hauptschmuck auf dem Kopf ist das Haar. Ich habe lange über den Körper von Kopf bis Fuß nachgedacht, bis ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass ich zur Zierde eine Krone besitzen möchte. Deshalb habe ich mir eine gebastelt und Kleider dazu genäht. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich das Weitere dann alles einfach so entwickelt.

Hallo Augsburg: Der Titel des Königs von Augsburg ist doch bestimmt hart umkämpft. Wie haben Sie es geschafft, als solcher anerkannt und bis heute nicht vom Thron gestoßen zu werden?

König: Das traut sich niemand. Es traut sich ja nicht einmal jemand eine Krone aufzusetzen. Als ich meine Krone abgeschafft und sie größtenteils verschenkt habe, dachte ich, das müsste doch irgendwann mal jemand nachmachen. Es hat mich selbst gewundert, dass das nie der Fall war.

Hallo Augsburg: Welchen Beruf haben Sie vor ihrer Tätigkeit als König ausgeübt?

König: Zuallererst war ich Schriftsetzer, dann habe ich an der Fachhochschule für Druck in Stuttgart studiert und bin Werbewirtschafts-Ingenieur geworden. Zuletzt war ich Altenpfleger. König ist mein vierter und richtiger Beruf, in dem ich schließlich groß geworden bin und nun richtig aufblühen kann.

Hallo Augsburg: Sie haben sich dazu entschlossen aus der Berufswelt auszusteigen und sich von dem Materiellen, sowie den konventionellen Lebensregeln zu befreien. Wie kam es dazu? Gab es ein bestimmtes, ausschlaggebendes Ereignis oder war es eine Ansicht, die sich mit der Zeit so entwickelt hat?

König: Das war ein Prozess. Eine wirklich lang andauernde Entwicklung. Ich mache mir immer Gedanken über alles Mögliche. Erst darüber was ist und dann, warum es so ist. Beispielsweise grübelte ich darüber nach, warum eine Woche sieben Tage haben muss. Diese Einteilung ist doch uralt. Sie ist älter als unsere 2000-jährige Zeitrechnung nach Christus. Trotz der Reform vom julianischen zum gregorianischen Kalender, ist der Wochenrhythmus nie angetastet worden. In diesen ist jeder Mensch im christlichen Abendland hineingewachsen, ohne selbst eine Wahl zu haben. Deshalb lebe ich nicht nach Wochen.

Hallo Augsburg: Sie kennen sich mit Politik und Geschichte sehr gut aus. Lesen Sie viel?

König: Es geht. Ich möchte mir das Lesen eigentlich abgewöhnen, denn es behindert irgendwie die Kommunikation. Außerdem gäbe es ja nichts zu lesen, wenn nicht geschrieben werden würde. Aus diesem Grund muss man sich auch das Schreiben abgewöhnen, wenn man die Verantwortung dafür übernehmen möchte, dass andere sich das Lesen abgewöhnen.

Hallo Augsburg: Wo sehen Sie ihre Pflichten als König?

König: Meine Pflicht sehe ich darin, Begegnungen zu organisieren. Außerdem möchte ich für die Menschen erreichbar sein, deshalb mische ich mich täglich unter mein Volk und stehe jeden achten Tag genau eine Stunde lang vor dem Rathaus, sodass sich die Bürger an mich wenden können.

Hallo Augsburg: Sie sehen sich selbst als Vermittler zwischen den Menschen. Denken Sie, dass viele Menschen einsam sind?

König: Vielleicht ist jeder Mensch einsam. Ich denke auch in Gemeinschaften oder in der Ehe kann man sich einsam fühlen. Wenn zum Beispiel einer der beiden Partner besser vernetzt ist. Gerade in der traditionellen Ehe ist es der Mann, der in der Geschäftswelt viel unterwegs ist, während die Frau im Haushalt eingezwängt ist. Zwar wird dieses Rollenklischee schon seit langem aufgeräumt, doch das führt dazu, dass es heute stattdessen oft den umgekehrten Fall gibt: die Frau ist in der Berufswelt und der Mann ist, leidend unter der Karriere seiner Frau, zu Hause eingesperrt.

Hallo Augsburg: Könnten Sie Ihren Alltag beschreiben?

König: Ich wache automatisch im Morgengrauen auf. Dafür stelle ich mir keinen Wecker, doch ich bin da schon munter. Dann ziehe ich los. Jeder Tag hat ein eigenes Programm. Beispielsweise ist alle vier Tage ein Einkaufstag. Fällt dieser auf einen Sonntag, so muss ich ihn auslassen. Auch das ist nochmal unterteilt. Jeden achten Tag gehe ich in den Aldi und wo ich an den Tagen dazwischen bin, hängt von der Farbe der jeweiligen Ottilie ab. Den 7-Tage Takt einer Woche kann ich nicht leiden, deshalb habe ich meine Zeit in Farben und Ottilien eingeteilt. Es ist ganz einfach. Eine Woche hat sieben Tage und eine Ottilie acht. Im Moment befinden wir uns im sechsten Tag der grünen Ottilie, danach folgt blau, lila und zuletzt orange. Das sind die vier Farben, in die ich meine Zeit eingeteilt habe und nach denen ich mich kleide.

Tagsüber gehe ich mäanderförmigen Runden, die genau festgelegt sind und schreibe auf dem Weg mit Kreide Botschaften auf den Boden, diese Woche in grün. Ich habe vor ein paar Jahren den Satz verkündet: „Es gibt keine Schulpflicht“. Nachdem das nicht mehr diskutiert wird oder besser gesagt überhaupt nie wirklich mit mir zur Diskussion gekommen ist, greife ich dieses Thema nun wieder auf und schreibe auf die Straße ganz geregelt alle vier Tage „Schule“. Das mache ich jetzt schon wieder seit über einem halben Jahr. Zudem stehe ich jeden achten Tag vor dem Rathaus. Auch das kündige ich vorher mit Kreide auf dem Boden an.

Hallo Augsburg: Welche Reaktionen bekommen Sie von den Menschen?

Das ist ganz verschieden. Natürlich wird auch viel hinter meinem Rücken über mich geredet, sie fragen „Was hältst du von dem?“ oder raunen „Jetzt kommt der Depp da wieder“. Manche freuen sich mich zu sehen und erkennen mich als den König, wieder andere bezeichnen mich als Jesus. Wirklich schlimme Erfahrungen habe ich nicht gemacht, hauptsächlich eigentlich positive.

Hallo Augsburg: Sie glauben nicht an den Staat, glauben Sie denn an die Kirche?

König: Ich stelle den Staat sehr infrage. Der Staat – das sind ja alle. Es heißt wir leben in einer Demokratie, aber wer sagt das? Das wurde ja auch irgendwie verordnet. Ich selbst beschäftige mich viel mit Politik und würde sagen, dass jeder sich auf seine eigene Weise damit auseinandersetzt. Darum gibt es verschiedene Parteien und da alle so unterschiedlich darüber denken, gibt es kaum eine Einigkeit. Eigentlich gar nie.

Doch nun zur Kirche: Ich bin katholisch getauft in Saulgaul vom Pater Aloisius in einem kleinen Kloster. Die Kirche ist ein großes Thema und auch ich stelle mir die Frage: was ist die Kirche eigentlich? Doch eine Antwort gefunden habe ich noch nicht.

Hallo Augsburg: Es gibt eine Facebook Fanseite für Sie mit mehr als 15.00 Likes. Was sagen Sie dazu?

König: Ich finde es ganz witzig. Ich selbst lebe zwar offline, aber kriege das teilweise über Leute mit, die ich auf der Straße treffe.

Hallo Augsburg: Wenn Sie eine Welt nach ihren Vorstellungen kreieren könnten – wie sehe diese aus?

König: Es gibt ja die Meinung, dass es zu viele Menschen auf der Welt gibt. Ich dagegen bin der Ansicht, dass es zu viele Autos gibt. Für mich müsste das Rad abgeschafft werden. Jedes Rad, auch das Fahrrad. Das Laufen reicht für uns als Fortbewegungsmittel vollkommen aus. Ich frage mich schon, weshalb beispielsweise das Klimacamp Forderungen nach Fahrradwegen stellt. Das ist doch widersprüchlich: Sie demonstrieren gegen Asphaltierung und das Zupflastern von Boden, der eigentlich für natürliche Vegetation und Wachstum genutzt werden könnte, doch gleichzeitig wollen sie neue Fahrradwege. Eine Welt müsste so sein, dass man überall Platz zum Liegen hat. Das hätte man, wenn kein Rad existieren würde.

Ich überlege mir auch: Was war zuerst da, die Krone oder das Rad? Das sind beides runde Formen und beides muss erst erfunden worden sein. Wahrscheinlich ist jemand auf die Idee gekommen, etwas Rundes zu basteln und es sich auf den Kopf zu setzen. Ein anderer hat es genommen und stattdessen gerollt. Also stammt das Rad von der Krone ab. Der Fußball ist das nächste, auch er kann rollen. Doch letztendlich sind das alles doch nur Nachbildungen von Sonne und Mond, die als Vorbild des Runden dienten.

Hallo Augsburg: Was wünschen Sie sich für Augsburg? Und was würden Sie sich von ihrem Volk wünschen?

König: Ich würde mir die Überwindung von Fremdheit wünschen. Nicht nur für Augsburg, sondern allgemein. Einfach insgesamt ein besseres Zusammenleben und dass die Menschen sich mehr Zeit füreinander nehmen würden. Alles ist so oberflächlich, jedes Gespräch so kurz und die Leute hetzen nur gestresst durch die Straßen.

Hallo Augsburg: Was verbindet Sie mit Augsburg, sodass Sie es zu ihrem Königreich ausgewählt haben?

König: Es ist Schicksal oder einfach nur Zufall, dass ich in Augsburg bin. Doch ich finde es ist eine hochinteressante Stadt. In Augsburg hat der reichste Mann aller Zeiten gelebt: Jakob Fugger. Außerdem ist es als Friedensstadt berühmt. Doch eine bewusste Entscheidung war es dennoch nicht hierher zu kommen. Ich bin davor viel umgezogen und habe in Stuttgart, München, Ravensburg und Saulgaul gelebt, doch in Augsburg bin ich schließlich geblieben.

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