Kichererbse – der erste Falafel-Laden Augsburgs muss schließen

Die Gentrifizierung kommt in der Augsburger Innenstadt an. Die Kichererbse am Judenberg muss ausziehen.

Kichererbse – der erste Falafel-Laden Augsburgs muss schließen

Ein Chirurg, ein Geschäftsmann, zwei Studenten und eine Friseurin stehen in einer langen Schlange an, die aus einem kleinen Lädchen hinausführt. Innen sitzen gerade zwei Obdachlose, die sich gemächlich unterhalten. An den Wänden hängen Bilder aus den vergangenen 21 Jahren. Hinter der Ladentheke steht ein Mann mit Wollmütze und Spitzbart, Majed Al Naser, der wohl bekannteste Falafel-Mann Augsburgs. Die Kichererbse ist eine Institution – jetzt soll sie im Sommer 2019 geschlossen werden. Dabei hat der Falafel-Laden eine lange Historie.

„Jetzt sind die fertig – jetzt soll ich weg?“

Der Laden wechselt in den 90er Jahren mehrfach den Besitzer: Pizzabäcker, Burgerbrater, Hotdog-Verkäufer. Doch kein Laden hält sich lange, erinnert sich Majed. Einmal läuft er mit einer Freundin vorbei und sagt: „Das ist der perfekte Falafel-Laden.“ 1998 ist es dann auch soweit. Die Geburtsstunde der Kichererbse. Doch ganz so gemütlich ist es nicht: Es folgen Jahre mit ohrenbetäubendem Baustellenlärm. Wenn eine Baustelle fertig ist, folgt die nächste. Der Falafel-Mann lässt alles über sich ergehen und hält trotz allem den Laden erfolgreich. „Jetzt sind die fertig – jetzt soll ich weg?“, Majed steht unter Schock. „Ich fühle mich ausgenutzt.“

„Der Mann ist Kult!“

Aus dem Loch habe er eine Kulturstätte gemacht, meint der gebürtige Syrer stolz. Der erste Falafel-Laden Augsburgs ist gerade einmal 15 Quadratmeter groß und dient heute als Begegnungsstätte für Jung und Alt, Reich und Arm. Und nicht nur das. Er ist zwar kein Scharmbolzen, zieht die Kundschaft aber mit seinem Charakter und seinen hausgemachten Falafel an. Das Rezept stammt von seiner Mutter aus Damaskus. „Der Mann ist Kult“, schreibt uns Lina auf Instagram. „Man muss doch etwas tun können!“ Auch die Kundschaft ist entsetzt. „Ich komme hier schon seit Jahren hin. Seit ich meine Ausbildung im Friseursalon nebenan angefangen habe“, sagt Melike (21). „Es wäre sehr schade, wenn die Kichererbse schließen müsste.“

Doch trotz allen Zuspruchs muss der 54-jährige Ende August raus. Sein Mietverhältnis wird ihm fristgerecht gekündigt. Grund dafür: Die Gentrifizierung erobert die Augsburger Innenstadt. Szene-Läden müssen teuren Schickimicki-Läden weichen. Dahinter stecken oft große Immobilienkonzerne. Oft spielen das Geld und das gewollt „gehobene Image“ eine Rolle.

„Wo sollen die hin?“

Ein Blick des Ladenbesitzers geht hinüber zu den beiden Obdachlosen, die heute zu Besuch sind. „Wo sollen die hin?“, fragt er. „Sie sind mittlerweile meine Freunde.“ Sie passen nicht in das Bild der „gehobenen Altstadt“, vermutet Majed. Aktuell ist er entmutigt: „Ich bin 54 Jahre alt. Ich höre auf.“ Wird es die Kichererbse bald wirklich nicht mehr geben? Die Augsburger wollen ihn behalten. Die Zukunft des Judenbergs sähe dann anders aus.

Eine schicke Bar? Ein schicker Juwelier? Der Judenberg hat ein spezielles Flair. Als ich vor einem Jahr zum ersten Mal hierhin kam, wusste ich: Augsburg ist ein Ort zum Wohlfühlen. All die kleinen Lädchen, die Eigentümer mit Charakter und eben ein Szene-Gässchen, das zum Verweilen einlädt – das alles macht Augsburg zu einer besonderen Stadt!

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