Arbeiten als Servicekraft in Augsburg – ein Statement

Gehört Stress-Resistenz nicht zu Deinen Charaktereigenschaften, gehörst Du nicht in die Gastro – das hab' ich schnell gelernt. Dennoch liebe ich meinen Job als Kellnerin.

Arbeiten als Servicekraft in Augsburg – ein Statement

Ja, wir lästern in der Küche über die Gäste. Und ja, wir haben alle schon mal auf der Toilette geweint. Anders geht’s oft einfach nicht, denn es gibt an so einem Arbeitstag wirklich viele absurde Fragen und Situationen. Die Chefs packen einen nur selten mit Samthandschuhe an, wenn im Stress mal etwas zu Bruch geht. Und wenn der missmutige Herr in der Ecke an allem etwas auszusetzen hat und unangebrachte, gemeine Kommentare an die Kollegen verteilt, ist das eben nicht mehr der Gast an Tisch 9, sondern einfach nur ‚der Grantler‘. Und trotzdem arbeite ich immer noch gerne als Kellnerin.

Wie bist Du in der Gastro gelandet?

Vor mir liegt ein Jahr, in dem ich mein Studium beenden und Praktika absolvieren möchte. BAföG gibt es nach Ablauf der Regelstudienzeit nicht mehr und, dass ich meinen Lebensunterhalt ansonsten nicht bestreiten kann, wird mir schnell klar. Deshalb muss ein Job her, bei dem ich abends und an den Wochenenden etwas dazuverdienen kann. Meine beste Freundin arbeitet seit fast zehn Jahren in der Gastronomie. Von ihr habe ich schon die eigenartigsten Stories gehört. Und auch so kursieren viele Gerüchte, über die ich mittlerweile sagen kann: Genau so ist es. Trotzdem habe ich diesen Job, nicht zuletzt wegen meiner Kolleginnen und Kollegen, lieben gelernt.

Menschenkenntnis ist alles

Ich setze während einer Schicht all meine Menschenkenntnis ein, um bestmöglich die Bedürfnisse eines Gastes zu erahnen. Man sieht den Leuten nach einer gewissen Zeit einfach an, ob sie gut oder schlecht drauf sind und lernt, mit den Launen umzugehen. Mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Die simple Nachfrage, ob es noch ein Kaffee oder ein Getränk sein darf, kann schon mal zu einem garstigen: „Kann man hier nicht mal in Ruhe sitzen!“, führen.

Was dem einen Gast zu wenig ist, ist dem anderen zu viel. Irgendwann habe ich für alles einen passenden Spruch und den passenden Umgang gefunden. Erst letzte Woche habe ich bei einer Gruppe nachgefragt, ob es noch eine Runde Cocktails sein darf. Dass diese simple Frage zu einer ausgewachsenen Diskussion führte, konnte ich nicht ahnen. Die Unterhaltung war sehr schnell so hitzig, dass ich Zeit hatte, mich in aller Ruhe wieder zurückzuziehen. Sowas kann schon mal vorkommen und überrascht mich nicht mehr wirklich. Von Stammgästen, die gerne eine Rundum-Einzelbetreuung hätten, bis zu Männergruppen, die fragen, ob du dich dazusetzt und mittrinkst ist alles dabei.

Aber: Nicht alle Gäste bringen einen auf die Palme. Es gibt natürlich ebenso super witzige Leute, mit denen ich richtig coole Unterhaltungen geführt habe. Rücksichtnahme, wenn es mal ein paar Minuten länger dauert und freundliches Nachfragen gehören genauso zum Daily Business. Das freut mich, klar! Ebenso freuen wir uns über jeden, der uns als Mensch und nicht nur als Bedienung wahrnimmt.

Bitte tut’s einfach nicht

Manches meinen Gäste zwar gut – helfen tut uns das leider nichts. Wenn ihr ruft: „Ich bekomme genau das gleiche!“, um mir Arbeit zu ersparen, dann wartet bitte nicht, bis ich die Bestellung abgeschickt habe und sagt dann: „…aber ohne die Tomaten und zu trinken bekomme ich kein Bier, sondern einen Wein“. Denn das ist einfach nicht das Gleiche. Und bitte, nehmt keine Getränke von meinem Tablett. Trage ich fünf Cocktails und fünf Weißbier zu euch, ist das Ganze ausbalanciert. Holst du einfach ein Glas runter, laufe ich Gefahr, dass alles kippt. Im schlechtesten Fall auf dich. 😉

Um Trinkgeld zu bekommen, lächelt man seeehr viel weg

Das Trinkgeld ist ein nicht ganz unwichtiger Zusatz. Es gibt wahnsinnig spendable Leute. Läuft es mal richtig klasse an einem Abend, kommen gut und gerne bis zu 100 Euro zusammen. Sensationell!

Das genaue Gegenteil gibt es auch – und das häufiger als ich dachte, bevor ich den Job angenommen habe. Wenn jemand dann für einen Betrag von 49,80 Euro konsumiert und mir den 50 Euro-Schein mit einem ‚Stimmt so‘ zuschiebt, gebe ich die 20 Cent zurück. Immer.

Wenn alles so furchtbar ist, warum machst Du’s dann trotzdem?

Wir bekommen Mindestlohn – auf kontinuierliche Lautstärke, durchgängiges Schleppen (bei einer 9-Stunden-Schicht kommen da schon mal 10 Kilometer zusammen), Toiletten zwischensäubern und Extrawünschen von allen Seiten. Ich arbeitet oft bis 1 Uhr nachts. Aber genau deshalb lässt sich der Job so gut mit anderen Tätigkeiten vereinen. Außerdem komme ich mit vielen tollen Menschen in Kontakt. Und da sind, um mal von dem Gejammer über die schrägen Vögel wegzukommen, auch echt coole Charaktere und Gruppen dabei.

Hart aber herzlich.

Wird’s mal stressig, bleibt keine Zeit für Höflichkeiten unter Kolleginnen und Kollegen. Das ist auch ok so. Jeder weiß, wie es gemeint ist und der Ton bleibt trotzdem hart, aber herzlich. Nach einer langen Schicht können wir auch über die seltsamsten Gäste zusammen lachen. Mit einem tollen Team macht selbst der stressigste Tag einfach nur Spaß!

Ich glaube, in keinem Job habe ich innerhalb von so kurzer Zeit so viel Erfahrungen gesammelt, wie als Kellnerin. Man baut eine unfassbar hohe Stress-Resistenz auf, lernt über vieles zu lachen und ist den Kolleginnen und Kollegen so nahe, wie sonst nirgends. Selbst wenn ich manchmal am Rande des Wahnsinns stehe, würde ich’s immer wieder tun – wenn auch ganz sicher nicht für immer. 😉

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