Wofür braucht man Jahresrückblicke?

Jede Online-Plattform, jeder TV-Sender und jedes Wartezimmerheftchen bringt um diese Zeit DEN Jahresrückblick der Jahresrückblicke heraus. Ist das sinnvoll?

Wofür braucht man Jahresrückblicke?

Am Esstisch zum Weihnachtsfeiertag fragte mich meine Schwiegermutter in spe, was dieses Jahr für mich am Schönsten gewesen ist. Da musste ich erstmal überlegen, schließlich ist ein Jahr lang und ich habe viel erlebt - hilfreich wäre mir ein persönlicher Jahresrückblick gewesen. Darin wären dann alle tollen oder vielleicht auch nachdenklichen Erlebnisse gestanden, die ich in diesem Moment gebraucht hätte. Ich stammelte also etwas von „die Uni läuft grad echt gut“ und „ich hatte einen erholsamen Urlaub“ und damit konnte ich die Frage gut weiter geben. Damit war die Sache mit der Frage am Weihnachtstisch zwar für mich gegessen - aber für die Jahresrückblicksbranche noch lange nicht. Denn überall tauchen um diese Zeit im Jahr zahlreiche Rückblicke, Chroniken usw. auf, die mit ausdrucksstarken Bildern von Promihochzeiten, Naturkatastrophen oder Politikerreden für sich Werbung machen. Aber für was brauchen wir die eigentlich? Zeit für einen genauen Blick.

Zu Beginn einmal den „klassischen“ Jahresrückblick, wie er im Fernsehen und in Klatschblättern auftaucht. Meiner Meinung nach gibt es da drei Arten von Informationen.

I. Nachrichten, an die ich gerne zurückdenke

II. Nachrichten, die mir egal sind

III. Nachrichten von denen ich im Rückblick das erste mal lese

Wenn wir sagen, dass es schön ist, an gute Nachrichten zurück zu denken, haben wir gewiss recht. Ich fand es eine schöne Nachricht, dass Prinz Harry dieses Jahr geheiratet hat - allerdings nicht, weil ich ein Fanboy des britischen Königshauses bin, sondern ganz schlicht, da es für zwei Menschen schön ist, wenn sie heiraten. Diese Nachricht nahm ich also auf, war glücklich damit und die Sache hat sich. Im Jahresrückblick werde ich nun wieder an diese Hochzeit erinnert - aber ist das überhaupt notwendig? An die Hochzeit erinnere ich mich schließlich auch ohne darauf von einem euphorischen Moderator aufmerksam gemacht zu werden - und wenn ich sie eines Tages vergesse, ist das dann schlimm? Ich glaube nicht.

Gehen wir einen Schritt weiter: Nachrichten, die mir egal sind. Kurz um ein Beispiel: Im Februar erschien im Spiegel ein Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor (CDU), der dadurch bekannt wurde, dass er mit einem Alter von 26 Jahren einer der jüngsten Abgeordneten im Deutschen Bundestag ist. Das Interview war zwar nicht uninteressant, aber die Information, dass Amthor so jung schon so politisch ist, war mir im Februar ziemlich egal - und ist es, trotz Jahresrückblick, auch im Dezember noch.

Dann noch zur dritten Art von Nachrichten: Solche, von denen ich im Jahresrückblick zum ersten Mal lese. Auch hier ein Beispiel: Ich hörte in einem Jahresrückblick von Kristina Vogel, einer deutschen Rennradfahrerin, die nach einem Unfall im Juni diesen Jahres, im Rollstuhl sitzt und deren Karriere somit ein schnelles Ende fand. Die Geschichte der jungen Sportlerin zu hören und zu erfahren, wie sie sich trotz dem Schicksalsschlag nicht hängen lässt, fand ich durchaus beeindruckend, aber in einen Rückblick hätte ich dafür nicht gebraucht, da ich ja nicht zurück blickte (wie auch, ich las ja das erste Mal davon), sondern im Moment, also im Dezember, in der Geschichte war.

Nach dieser Aufdröselung meiner Einschätzung über den Jahresrückblick könnte man nun zu dem voreiligen Schluss kommen, ich hielte jeden Jahresrückblick für Papier- und Sendezeitverschwendung - doch ich kann dem nicht ganz zustimmen. Denn tatsächlich sind mir dieses Jahr auch zwei Varianten untergekommen, die mich - wenn auch nicht in ihrer Einzigartigkeit, aber in Aufmachung - beeindruckt haben.

Zuerst möchte ich auf den Adventskalender der Wochenzeitung Die Zeit aufmerksam machen: Im Adventskalender der guten Nachrichten haben die Redakteure 24 Bilder und kurze Texte online gestellt, die nicht schon 100 Mal gehörtes zeigen, sondern eben 24 kurze knackige gute Neuigkeiten aus 2018. Natürlich könnte man jetzt sagen, dass sich dieser Adventskalender mit dem dritten Punkt meiner obigen Kritik schneidet, allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass Die Zeit sich hier eben nicht als Jahresrückblick bewirbt, sondern eben als Bote guter Nachrichten. Das liest man auch - und vielleicht besonders - in der Weihnachtszeit gerne.

Schließlich stolperte ich auch noch über einen Artikel in der portugiesischen Tageszeitung Público, die die Sparte „Jahresrückblick“ etwas uminterpretiert hat, und einen Text veröffentlichte, der beinhaltete, auf was man sich in 2019 alles freuen kann. Quasi ein Vorausblick der guten Nachrichten. Top!

Was waren eure guten Neuigkeiten dieses Jahr? Schreibt es in die Kommentare!

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