Einmal 9 Fragen an: Einen Tätowierer

Für unsere Interview-Reihe „Einmal 9“ hat sich heute ein Augsburger Tätowierer unseren Fragen gestellt, um euch einen besseren Einblick in den Beruf des Tattoo Artists zu geben.

Einmal 9 Fragen an: Einen Tätowierer

Rund 28 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland sind tätowiert und wir lieben diese lebenslangen Kunstwerke, die unter die Haut gehen. Über die Hälfte unserer Redaktion trägt den beliebten Körperschmuck, doch wie sieht das Ganze von der anderen Seite aus? Wie gestaltet sich die Arbeit als Tattoo Artist, was ist das Besondere daran und mit welchen Dingen hat man doch immer wieder zu kämpfen?

Der Beruf des Tätowierers ist in Deutschland keine anerkannte Berufsausbildung: Wie wird man also Tätowierer?

Der beste Weg ist, sich mit seinen Arbeiten bei verschiedenen Tattoostudios vorzustellen. Heutzutage kann sich auf jeden Fall jeder, der das nötige künstlerische Talent hat, mit seinen Zeichnungen in Studios vorstellen. Und wenn du Glück hast und die Tätowierer vor Ort dann überzeugst, dann können die dich ausbilden. Neben dem Lernen der Techniken ist es bis zu einem gewissen Grad immer noch learning by doing. Ich kenne Leute, die schaffen das in ein paar Wochen, die werden da ins kalte Wasser geschmissen, weil sie so krass talentiert sind. Die lernen kurz die Technik und dann probieren sie sich aus. Andere brauchen Jahre, um mal an einem Menschen tätowieren zu können.

Macht es die fehlende Berufsausbildung schwerer, sich einen guten Namen als Tätowierer zu machen?

Nein, eigentlich nicht, weil du berufst dich ja auf deine Ausbildung und deine Arbeiten. Also klar, aller Anfang ist immer schwer, es ist irgendwo ja immer noch ein Künstler im Dienstleistungsgewerbe. Aber mit Social Media, Instagram und Facebook läuft das dann schon.

Wie ist die Situation in Augsburg? Merkt man, dass man sich doch eher im „konservativen“ Bayern befindet?

Nein, überhaupt nicht. Also klar, wenn ich als Ossi *lacht* nach Sachsen fahre und da auf Partys bin, sind die da schon wesentlich krasser und mehr tätowiert als hier bei uns. Hier ist es da schon noch eher ein bisschen zurückhaltender, viele müssen oder wollen ihre Tattoos noch verstecken, aber was Motive angeht gibt es da überhaupt keine Unterschiede. Inzwischen gibt es in Augsburg auch echt richtig gute Tattoostudios, obwohl die Stadt früher jetzt nie so das Tattoo-Mekka war.

Gibt es Tattoos, die du dich weigerst zu stechen?

Wenn jetzt einer zum Beispiel nicht tätowiert ist und der möchte gleich ein Gesichtstattoo, dann lehne ich das ab - bei Handtattoos kommt es auf Größe und Motiv an. Was wir auch noch oft ablehnen, sind sehr junge Leute, bei denen wir schon das Gefühl haben, dass sie noch nicht die Reife besitzen und sich unsicher sind. Auch wenn ein 16-Jähriger mit seinen Eltern kommt, ist das keine Garantie, dass wir das Tattoo auch stechen - wenn, dann machen wir bei so jungen Menschen sowieso nur Stellen, die man verstecken kann. Das ist oft nicht sehr einfach den Leuten zu erklären, dass man etwas nicht tätowieren wird. Die werden dann schon mal trotzig und fangen an zu diskutieren. Aber wir entscheiden das immer ganz individuell nach Person.

Musstest du während langer Tattoosessions auch mal den Seelentröster spielen?

Ja, eigentlich immer, wenn ich lange tätowiere - Das ist der Klassiker. Das Problem ist auch, dass man dann wieder viel vergisst, weil die Leute erzählen einem schon echt viel, dann fragt man natürlich nach, wenn man etwas interessant findet - zum Beispiel die Geschichten zu verschiedenen Tattoos. Viele erzählen aber auch zu viel von Dingen, die man gar nicht wissen will und die zu privat sind. Aber eigentlich ist es gut, wenn die Leute redselig sind: Es lenkt dich ab und du kannst dich vielleicht noch besser in das Tattoo hineinversetzen.

Was ist das Verrückteste, was während einer Sitzung passiert ist?

Einer meiner Kollegen hatte mal einen, der wollte nur mal eben frische Luft holen gehen und ist dann abgehauen. Er hatte ihm vorher sein Motiv aufgezeichnet und dann wollten sie eigentlich anfangen. Eine halbe Stunde später haben wir dann realisiert, dass der auch nicht mehr kommen wird, bis dann einer meinte, dass er ihn über die Straße hat rennen sehen. Ja, der ist richtig gerannt.

Was sind aktuelle Tattootrends? Findest du sie gut oder eher zum Kopfschütteln?

Bei Mädels sind es gerade Mandalas und Hindu-Muster. Bei Männern immer noch Old School, Mandalas sind da aber auch super. Da gab es schon schlimmere Trends: Arschgeweih zum Beispiel. Also wirklich ein positiver Trend gerade, sind ja auch wirklich schöne Muster und Tattoos. Die Tattoos werden allgemein auch immer größer. Und der Klassiker, das Unendlichkeits-Zeichen und die Pusteblume, die sich in Vögelchen auflöst, will inzwischen keiner mehr.

Wie stehst du zu Cover-Ups? Macht das Sinn oder gibt es zu viele Tattoos, die man nicht mehr retten kann?

Das hängt immer vom Tattoo ab und dem, was abgedeckt werden soll - von Stelle, Größe und Grad der Farbe. Aber auch vom Gewebe und, ob das vernarbt ist. Also der beste Fall für ein Cover-Up ist ein kleines Tattoo: Sehr alt, sehr ausgebleicht und der Kunde sagt: „Mach, was du willst!“. Es gibt aber auch ein paar Kunden, die muss man zum Lasern schicken, da reicht es aber auch schon, wenn man das Tattoo aufhellt. Es gibt aber natürlich auch Sachen, die kann man gar nicht mehr covern, wobei ich da aber auch sagen muss, dass die Farben sich weiterentwickelt haben und man inzwischen auch eher dunkle Tattoos sehr gut abdecken kann. Ich habe zum Beispiel schon mal ein BackPiece, das schon komplett da war, ganz gecovert.

Wenn sich jemand ein Tattoo als Andenken an seine Heimatstadt Augsburg stechen lassen wollen würde, was würdest zu zeichnen?

Da würde mir jetzt so direkt die Zirbelnuss einfallen - lassen sich auch viele machen. Mit dem Bezug Bayern vielleicht noch die blau-weiße Flacke dahinter. Wir machen da tatsächlich auch sehr viele Sachen, zum Beispiel den Herkulesbrunnen oder das Rathaus und den Perlachturm, das sind so die Klassiker. Oder auch die Stadtsilhouette von Augsburg.

Logo