Einmal 9 Fragen an: einen Pfarrer

Für unsere Interviewreihe „Einmal 9“ haben wir uns diesmal mit einem katholischen Pfarrer aus dem Augsburger Umland getroffen und ein interessantes Gespräch geführt.

Einmal 9 Fragen an: einen Pfarrer

Wenige Organisationen stoßen gleichzeitig auf so viel Zustimmung und Ablehnung, wie die Kirchen. In der Schwebe zwischen Skandalen und dem Anspruch, die höchste moralische Instanz zu sein, wird ihnen oft Skepsis entgegen gebracht. Wie geht man damit um, wenn man sich dafür entschieden hat, Priester zu werden? Was sind die Schwierigkeiten in einem Beruf, der auf Glaube fußt? Wir haben einen Pfarrer getroffen und uns mit ihm genau darüber unterhalten.

Das Publikum in Gottesdiensten ist ja zum Großteil schon älter. In 20 Jahren werden viele davon bereits verstorben sein - lohnt sich der Beruf noch und wie „wirbt“ man neue Gläubige?

Es lohnt sich auf jeden Fall noch. Es heißt zwar, dass sich die Teilnehmerzahl an Gottesdiensten alle 10 Jahre halbiert - bei uns ist das auch so - aber es kommen auch immer wieder neue Leute nach, sowohl junge als auch alte. Wir versuchen zum Beispiel mit Gottesdiensten extra für Familien und Kinder, wieder mehr Menschen in die Kirchen zu locken, das klappt auch ganz gut. Bei Gottesdienstbesuchern gibt es immer ein Auf und Ab und momentan sind wir in einem „Ab“. Ich hoffe aber natürlich fest, dass in Zukunft wieder mehr Menschen zu uns kommen. Gerade mit den Familiengottesdiensten haben wir ein kleines Pflänzchen, welches gut gedeihen könnte, gezogen.

Stichwort Familiengottesdienst. Vermisst man als ans Zölibat gebundener Priester nicht, nie selbst eine Familie gegründet zu haben?

Früher habe ich das tatsächlich öfter vermisst, aber inzwischen lerne ich auch die positiven Seiten des Zölibats zu schätzen. Das Alleinsein, ohne Frau und Kinder gibt mir die Möglichkeit, in meiner Freizeit das zu machen, worauf ich Lust habe. Ich muss dann auf niemanden Rücksicht nehmen. Ich kann nach einer harten Arbeitswoche auch einfach mal entspannen. Oder bei der Urlaubsplanung! Ich kann hinfahren, wo ich möchte und muss keine Kompromisse eingehen.

Natürlich kann es aber auch einem Priester passieren, dass er sich verliebt. Dann muss man schauen, wie man damit umgeht. Ich weiß von einem Kollegen in so einer Situation, der sich nach einer Bedenkzeit für die Beziehung entschieden hatte. Die ging dann unglücklicherweise in die Brüche. Wie ich konkret reagieren würde, kann ich so natürlich nicht sagen, das kann man, glaube ich nur dann entscheiden, wenn man in die Situation kommt. Ich glaube aber, würde ich mich für eine Beziehung entscheiden, ich würde meinen Job schon vermissen.

Gibt es denn Momente, bei denen man keine Lust hat, Pfarrer zu sein?

Natürlich gibt es die. Ich finde es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich auf manchen Hochzeiten das Gefühl habe, nur zur Dekoration da zu sein. Dann denke ich mir oft „Was mache ich denn eigentlich hier? Ich bin ja nur Kulisse.“, das ist dann eben weniger schön. Umso besser sind aber natürlich Ausflüge, die wir machen. Bergmessen halte ich sehr gerne.

Das Pfarramt kann ja gerade bei der Beichte wieder sehr interessant werden. Was war die bislang krasseste Beichte?

Sex mit Tieren. Das hatte ich vor einigen Jahren. Demjenigen legte ich aber nur eine leichte Buße auf, denn ich glaube, den Mut zu haben, das zuzugeben, kostete ihn schon Überwindung genug. Andere kriminelle Sachen kamen mir bislang nicht unter - also es hatte noch nie jemand eine Leiche im Keller, das passiert vielleicht dem Stadtpfarrer von Palermo, bei uns in Augsburg aber eher nicht. Obwohl ein Kollege tatsächlich mal einen Mörder im Beichtstuhl hatte! Wir sagen dann, dass derjenige sich der Polizei stellen soll, aber ihn selbst anzeigen dürfen wir nicht; das verbietet das Beichtgeheimnis. Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn Menschen in Gefahr sind oder wir eine Katastrophe abwenden können.

Beichten Priester denn auch?

Ja natürlich, Priester beichten auch - allerdings nicht bei sich selbst. Wir gehen zu anderen Priestern, um zu beichten. Manche haben da ihre „Stamm-Beichtväter“, aber ich bevorzuge zwischen den Beichtstühlen durch zu wechseln.

In den letzten Jahren sind ja viele Skandale der Kirche aufgekommen. Geht die Kirche richtig mit der Aufarbeitung um?

Es tut mir immer weh, wenn ich von Missbrauchsskandalen höre. Zumal die Medien, so habe ich das Gefühl, bei solchen Skandalen, mit der Katholischen Kirche besonders hart umgehen und das dann in Radio und Fernsehen rauf und runter läuft, obgleich es in anderen Einrichtung ähnliche Skandale gibt. Das ist für mich schlimm, dass da mit zweierlei Maß gemessen wird, andererseits muss man auch sagen, dass wir von uns immer sagen, dass wir den höchsten moralischen Standard haben, insofern ist es schon gerecht, dass gerade bei der Kirche besonders hingeschaut wird.

Ich bin selbstverständlich der Meinung, dass all diese Skandale schonungslos aufgedeckt werden müssen. Das ist wie Dreck in einer Wunde: Erst, wenn die Wunde sauber ist, kann sie heilen. So ist das mit der Kirche auch: Ich glaube erst, wenn alle Fälle aufgedeckt sind, kann das Misstrauen gegenüber der Kirche wieder heilen.

Was können die Evangelische und die Katholische Kirche voneinander lernen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, die Evangelische Kirche kann von uns ein bisschen was von der Feierlichkeit, gerade in der Liturgie, mitnehmen. Das ist natürlich auch Gewohnheitssache, aber ich finde, das ist bei uns schöner.

Und was wir lernen können, würde ich sagen, wäre Zuhören. Ich glaube die Evangelische Kirche hört mehr auf den Menschen. Das sollten wir auch.

Nehmen wir das „auf Menschen hören“ mal ganz pragmatisch: Gibt es auch Gläubige im Gottesdienst, die Sie nerven?

Ja, die gibt es, das sind aber wenige. Mich nerven eigentlich nur Leute, die mich kontrollieren und korrigieren. Vor einigen Jahren gab es einen Gottesdienstteilnehmer, der nach jeder Messe zu mir kam, und erklärte, was seiner Meinung nach nicht korrekt war. Diese Rückmeldung nach jeder Messe hat mich etwas genervt, ja.

Was wäre die Alternative zum Pfarrberuf gewesen?

Wahrscheinlich Lehrer. Aber nicht Reli! Eher Französisch und Deutsch. Ich habe größten Respekt vor Religionslehrern, vor allem an der Mittelschule. Vielleicht wäre Religion als Erweiterungsfach okay gewesen, aber insgesamt wären mir andere Fächer lieber gewesen.

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