Vierbeiner gegen Corona-Frust: Die Schattenseiten des Hunde-Booms

Die Pandemie hat einen regelrechten Hunde-Boom ausgelöst. Dass das nicht nur schön und begrüßenswert ist, kann sich jeder denken. Die Überflutung der Tierheime ist quasi vorprogrammiert.

Vierbeiner gegen Corona-Frust: Die Schattenseiten des Hunde-Booms

Die Zahl der gemeldeten Hunde in Augsburg ist von 8.904 im Januar 2020 auf 9.223 im Januar 2021 gestiegen. Das ist ein überdurchschnittliches Jahresplus von 319 Hunden. Damit hat der Trend zu mehr Hunden einen großen Sprung gemacht. Doch was sind die Auswirkungen dieser Entwicklung? Wir haben bei einer Betreiberin einer Augsburger Hundeschule und beim Augsburger Tierheim nachgefragt, wie der Hunde-Boom sich bei ihnen bemerkbar macht und wie sie ihn bewerten.

Die erste Station für frisch gebackene HundebesitzerInnen: Die Hundeschule

Beatrix Kluge ist seit fünf Jahren Inhaberin der Hundeschule „Bea’s Pfoten 1x1“ und sieht im nächsten halben Jahr viel Arbeit auf sich zukommen. „Dass es in Augsburg heute mehr Hunde gibt als noch vor einem Jahr merken wir hier sehr. Wir bekommen mehr Anfragen“, erzählt sie. Unter ihren Kunden seien auch einige, die bereits Probleme mit ihrem neuen Familienmitglied hätten. Viele Menschen hätten sich unüberlegt für einen Hund entschieden, ohne sich vorher genau zu informieren welcher Charakter, Größe und Rasse zu ihnen passt, beobachtet Beatrix Kluge. „Manche haben sich einen Hund als Begleiter zum Spazierengehen gekauft, andere den Kindern zuliebe“, meint sie. Nicht bei allen neuen HundehalterInnen sei der Hundekauf überstürzt und unüberlegt passiert, doch bei einem großen Teil.

„Die Hunde von heute, die sich die Leute in Zeiten von Corona angeschafft haben, können die Problemhunde von morgen werden.“

Der Hunde-Boom bereite der erfahrenen Hundetrainerin Sorgen. Sie rechnet mit vielen Hunden, die nachlässig erzogen werden. „Ein Hund braucht Regeln und das ist vielen Leuten nicht bewusst“, sagt Beatrix Kluge. Es sei ihnen oft nicht klar, dass die Erziehung viel Zeit in Anspruch nehme und für einen sicheren Umgang mit dem Hund unabdingbar sei. „Mich macht es traurig Anzeigen zu sehen, wo ein Hund nach nur einer Woche wieder abgegeben wird, weil die Leute nicht zurechtkommen. Es ist einfach wichtig, sich vor einem Hundekauf beraten zu lassen, welcher Hund zu einem passt.“ Auch den Trend, Straßenhunde aus Osteuropa zu retten sieht sie kritisch: „Manchen tut man keinen Gefallen, wenn man sie von der Straße in eine Wohnung steckt“, glaubt sie.

Das Tierheim bereitet sich auf mehr Tiere vor

Auch die Geschäftsführerin des Augsburger Tierschutzvereins, Sabina Gaßner, ist über die aktuelle Entwicklung besorgt. Noch kämen die Tiere nicht zurück ins Tierheim, doch sie seien darauf eingestellt, sagt sie. „Während des Sommers rechnen wir bereits mit mehr Katzen und nach dem Sommer mit mehr Hunden.“ Den Grund dafür sieht sie in der Veränderung der Lebensumstände der Menschen: „Die Firmen werden das mit dem Homeoffice in dem Ausmaß sicher nicht beibehalten, die Leute werden wieder in den Urlaub fahren wollen. Da kann der Hund oder die Katze schnell im Weg sein“, vermutet Sabina Gaßner.

„Wir denken, dass es deutlich mehr illegalen Handel mit Hunden gibt.“

Im Zusammenhang mit dem Hunde-Boom seit Corona zeigt Sabina Gaßner sich besonders besorgt hinsichtlich des zunehmenden illegalen Tierhandels. Die Tollwut-Quarantäne des Tierheims sei nie leer. Immer öfter finde die Polizei in kontrollierten Fahrzeugen Tiere, die dann zu ihr gebracht werden. „Wenn ich mir einen Hund über das Internet bestelle, weiß ich oft nicht, wo er herkommt.

„Es ist einfach ein Geschäft, sonst nichts. Ohne jegliche Rücksicht auf das Tier.“

Ich weiß nicht, ob der Hund auf dem Bild überhaupt der Hund ist, der mir verkauft werden soll. Teilweise werden Hunde in Vermehrerstationen auf qualvolle Weise ‚hergestellt' und dann unter grausamen Bedingungen über weite Strecken transportiert“, warnt sie. Abgesehen davon, dass der Kauf solcher Hunde Tierquälerei fördere, steige auch das Risiko ein krankes und traumatisiertes Tier zu erhalten, erklärt sie weiter. In Sachen Straßenhund-Rettung ist sie mit Beatrix Kluge einer Meinung. „Vielen Tieren ist mehr geholfen, wenn man sie in ihrem gewohnten Umfeld lässt und Tierschutzvereine und Organisationen vor Ort unterstützt“, meint sie.

Noch ist das Tierheim relativ leer

Aktuell habe das Tierheim sehr wenig Katzen und auch wenig Kleintiere, weil hier viel vermittelt wurde. Auch Hunde seien vergleichsweise wenige da. Die meisten von ihnen seien „eher schwierig“, erzählt Sabina Gaßner. Dazu kämen zwei Chihuahua-Welpen in der Tollwut-Quarantäne, die jedoch leicht vermittelt werden könnten – Tiere aus einer Qualzucht, entdeckt bei einer Kontrolle der Verkehrspolizei.

Logo