Die Tische stehen auf dem Rathausplatz, die Luft ist erfüllt vom Duft frischer Backwaren und angeregten Gesprächen – die gemeinsame Friedenstafel bildet das Herzstück des besonderen Feiertags, der seit 1650 in Augsburg gefeiert wird. Er erinnert daran, dass nach dem Westfälischen Frieden auch den Protestanten wieder die freie Religionsausübung ermöglicht wurde. Bis heute ist das Hohe Friedensfest bundesweit einzigartig und nur in der Fuggerstadt ein gesetzlicher Feiertag.
Das Motto 2026: „Un_Sicherheit“
Das Hohe Friedensfest widmet sich in diesem Jahr einem zentralen Bedürfnis, das wohl allen Menschen gemeinsam ist: dem Wunsch nach Sicherheit. Gleichzeitig ist unser Alltag von Brüchen und Widersprüchen geprägt – sei es in wirtschaftlichen, sozialen oder geopolitischen Zusammenhängen. Wie können Menschen trotz all dieser Ungewissheiten ein Gefühl von Sicherheit entwickeln?
Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich das diesjährige Rahmenprogramm des Hohen Friedensfestes. Es beleuchtet das komplexe Thema aus politischen, sozialen, künstlerischen, religiösen und persönlichen Perspektiven. Dabei laden Gesprächsrunden, Theateraufführungen, Lesungen, Workshops, Ausstellungen, Konzerte und Begegnungsformate dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Schon im Vorwort des Programms beschreibt das Team des Friedensbüros die Vielschichtigkeit des Themas: „Sicherheit ist kein statischer Zustand. Sie braucht Transparenz, Partizipation und den Mut, Risiken einzugehen – denn absolute Sicherheit gibt es nicht, und Freiheit ist nur möglich, wenn Sicherheit mit Vertrauen einhergeht. Zugleich kann der Missbrauch des Sicherheitsbegriffs zu Freiheitsverlust, Repression und Diskriminierung führen.“
Gemeinsam gestaltet von der Stadtgesellschaft
Veranstalter des Hohen Friedensfestes ist das Friedensbüro der Stadt Augsburg, das den organisatorischen Rahmen schafft und selbst zahlreiche Veranstaltungen anbietet. Darüber hinaus beteiligen sich rund 60 Organisationen, Vereine, Kultureinrichtungen und zivilgesellschaftliche Initiativen mit eigenen Programmpunkten. Sie bereichern das Festival mit ihren Perspektiven und spiegeln zugleich die Vielfalt der Augsburger Stadtgesellschaft wider. Die meisten Veranstaltungen sind kostenlos oder auf Spendenbasis zugänglich. Insgesamt finden vom 24. Juli bis zum 8. August mehr als 80 Veranstaltungen statt. Das vollständige Programm gibt es auf der Website des Friedensfestes – hier sind einige Highlights.
Ausgewählte Programmpunkte 2026
Wenn der Computer mehr über uns weiß als wir selbst
Deepfakes, Gesichtserkennung und algorithmisches Profiling – wie können wir uns in einer Welt orientieren, in der immer mehr Entscheidungen von Algorithmen beeinflusst werden? Wie schützen wir unsere Daten, wenn unsere digitalen Geräte uns nahezu rund um die Uhr begleiten?
Es sind Fragen, die mit dem technologischen Fortschritt immer drängender werden und deren Antworten selbst neue Unsicherheiten entstehen lassen. Digital Shadows ist ein Art-&-Science-Projekt, das genau diese Fragen auf die Bühne bringt und das Publikum aktiv einbezieht. In immersiven Räumen begegnen die Besuchenden ihrem digitalen Abbild – als Teil eines Systems, das mehr über sie weiß, als ihnen vielleicht bewusst ist. Spielerisch stellt die Inszenierung dabei eine ernste Frage: Wie schützen wir uns selbst in einer Welt, in der Überwachung immer selbstverständlicher wird?
Unsicherheit sichtbar machen
„Schattenleben“ heißt das Buch, an dem Comiczeichnerin Lisa Frühbeis und Journalist Jonas Seufert fünf Jahre lang gearbeitet haben. Es porträtiert vier Menschen, die ohne gültige Papiere in Deutschland leben und deren Alltag von permanenter Unsicherheit geprägt ist.
Auch Fotograf Lars Klingenberg widmet sich einem ähnlichen Thema. Sein Langzeitprojekt „Schlafquartier“ beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit in deutschen Großstädten und dokumentiert Lebensrealitäten, die oft unsichtbar bleiben.
Miriam Davoudvandi wiederum setzt sich in ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“ mit sozialer Herkunft, Klassismus und den emotionalen Folgen materieller Unsicherheit auseinander. Sie zeigt, wie sehr finanzielle Verhältnisse Lebenswege beeinflussen.
Schattenleben & Schlafquartier: 31. Juli
Das können wir uns nicht leisten: 5. August
Eine Generation zwischen Wehrpflicht und Zukunftsfragen
Die Debatte um einen möglichen Wehrdienst hat in den vergangenen Monaten bundesweit für intensive Diskussionen gesorgt. Besonders betroffen ist der Jahrgang 2008 – die jungen Menschen, die 2026 erstmals den Fragebogen zur Wehrbereitschaft erhalten, während politisch über ihre Zukunft entschieden wird. Fotografin Ella Seeger begleitet diese Generation in ihrem dokumentarischen Projekt „Jahrgang 2008“ und zeigt ihre Perspektiven, Hoffnungen und Unsicherheiten. Die Ausstellung ist vom 25. Juli bis zum 9. August in der Villa Schöne Felder zu sehen.
Kunst im öffentlichen Raum
Am Hauptbahnhof, am Jakobertor und an vielen weiteren Orten in der Stadt sind sie bereits zu entdecken: die Friedensfest-Murals. Auch in diesem Jahr kommt ein neues großformatiges Wandbild hinzu. Unter dem Titel „Die Kissenschlacht“ gestaltet Streetart-Künstler Mr. Woodland (Daniel Westermeier) ab dem 1. August das diesjährige Mural an der Linken Brandstraße 6. Die Botschaft ist klar: Statt Krieg mit Waffen zeigt das Werk eine friedliche Kissenschlacht – ein Bild für Begegnung, Spiel und Gemeinschaft.
Der Höhepunkt: Der 8. August
Den Höhepunkt des Hohen Friedensfestes bildet traditionell der Feiertag am 8. August. Von 12 bis 18 Uhr findet im Botanischen Garten das Kinderfriedensfest statt. Mehr als 50 Mitmachangebote rund um Frieden und Demokratie laden Kinder und Familien zum Mitmachen ein. Ob Zirkuskünste, Theater, Tanz, Selbstverteidigung oder kreative Angebote wie Basteln, Sprayen und Schminken – hier werden demokratische Werte spielerisch erlebbar.
Parallel dazu findet auf dem Rathausplatz die traditionelle Friedenstafel statt. Menschen kommen zusammen, essen gemeinsam und kommen miteinander ins Gespräch. Traditionell werden dabei die Friedenstauben der Bäckerei Schneider sowie Trauben angeboten. Darüber hinaus sind alle eingeladen, eigene Speisen mitzubringen und mit anderen zu teilen.
Eröffnet wird die Friedenstafel von Oberbürgermeister Dr. Florian Freund, musikalisch begleitet und mit den Friedensgrüßen des Runden Tisches der Religionen. Was früher die einzige Friedenstafel der Stadt war, hat sich inzwischen auf zahlreiche Stadtteile ausgeweitet: Neben dem Rathausplatz finden weitere Tafeln unter anderem in Oberhausen, dem Univiertel, Kriegshaber, Lechhausen, Haunstetten, Göggingen und Herrenbach statt – so viele wie noch nie.
Eine Botschaft, die weit über Augsburg hinausreicht
Das Hohe Friedensfest blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück und trägt zugleich eine hochaktuelle Botschaft: Gemeinschaft, Vielfalt und gegenseitiger Respekt stehen in Augsburg an erster Stelle. Niemand soll aufgrund seiner Religion, Herkunft oder Lebensweise ausgeschlossen werden – Augsburg versteht sich als bunte, offene und solidarische Stadt.
Auch über die Stadtgrenzen hinaus findet das Friedensfest große Anerkennung. 2018 wurde es in das Bayerische Landesverzeichnis sowie das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. 2019 erhielt es den Bayerischen Heimatpreis. Nach dem 375-jährigen Jubiläum im vergangenen Jahr setzt das Hohe Friedensfest 2026 diese besondere Tradition fort – mit einem Programm, das aktueller kaum sein könnte.