Massenrodung am Augsburger Hauptbahnhof?

Der Augsburger Hauptbahnhof ist bereits seit elf Jahren eine Baustelle. Bald kommt auch sein Vorplatz an die Reihe. Baumfällungen sind dabei unumgänglich – doch in welchem Ausmaß werden sie stattfinden?

Massenrodung am Augsburger Hauptbahnhof?

Die Stadt steht vor einer schwierigen Entscheidung. Im Zuge der Bahnhofsvorplatzumbauten muss sie die verschiedensten Interessen vereinen. Das ursprüngliche Ziel war eine möglichst hohe Anzahl an Bäumen zu erhalten, doch davon ist bei den aktuellen Planungen nicht mehr viel zu sehen. Umweltreferent Reiner Erben und Baureferent Gerd Merkle äußern sich jetzt dazu.

Großprojekt Hauptbahnhof

Der Augsburger Hauptbahnhof wird in den kommenden Jahren zu einer modernen Drehscheibe in Personennah-, Regional- und Fernverkehr ausgebaut. Begonnen hat das Projekt der „Mobilitätsdrehscheibe“ bereits im Jahr 2011 und sollte ursprünglich Mitte 2023 fertiggestellt werden. Doch aufgrund der weltweiten Lieferengpässe verzögern sich jetzt die Umbauten bei dem 250 Millionen Euro teuren Projekt. Drei Ebenen sollen für eine bessere Vernetzung der öffentlichen Verkehrsmittel sowie einen höheren Komfort der Reisenden sorgen. Gleichzeitig müssen die Baulichkeiten jedoch auch dem zukünftig erhöhten Fahrgastaufkommen gerecht werden. Während sich der derzeitige Umbau des Hauptbahnhofs ausschließlich mit den Betriebsanlagen der Straßenbahn und deren besseren Verknüpfung an den Regional- und Fernverkehr befasst, sollen auch seine Vorplätze sowie sein Umfeld im Zuge der umfangreichen Baumaßnahmen erneuert und angepasst werden. Diese Neugestaltung wurde bei den bisherigen Planungen bewusst ausgelassen und ist daher Gegenstand des aktuellen Wettbewerbs.

Vorplatz für mehr Aufenthaltsqualität

Die ersten Formulierungen der Aufgabenstellung begannen bereits im Februar 2014 in Abstimmung mit der Deutschen Bahn (DB), den Stadtwerken Augsburg (swa), dem AVV sowie weiteren Fachämtern. Daraufhin gab es verschiedene Entwurfsplanungen, doch da die gesamte Fläche des Bahnhofsvorplatzes in Besitz der DB ist, hat die Stadt dabei nur ein begrenztes Mitspracherecht. Der Bereich kann als hochfrequentierte Verkehrsdrehscheibe mit multifunktionaler Rolle betrachtet werden. Hier muss eine erforderliche Verkehrsinfrastruktur verschiedener Komponenten (Busse, Taxis, Fahrräder, ...) geschaffen werden. Neben den geplanten Stellplätzen soll auch die Aufenthaltsqualität verbessert werden. Dabei müssen jedoch sowohl der Flächenbedarf der einzelnen Verkehrsmittel als auch die Umsteigebeziehungen berücksichtigt werden, um eine ausreichende Bewegungsfreiheit für die zahlreichen Fahrgäste zu garantieren. Trotz des dementsprechend hohen Versiegelungsgrades des Bodens sieht die derzeitige Entwurfsplanung am Vorplatz (inklusive Viktoriastraße) insgesamt 42 Baumbestände vor. Dies sind im Vergleich zu anderen Bahnhofsvorplätzen, beispielsweise in München, Nürnberg oder Hamburg, überdurchschnittlich viele.

Spagat zwischen Umbau und Umweltschutz

Die Umbauten erfordern jedoch die Rodung einiger Bäume, da ansonsten eine ebenerdige Bebauung der Fläche nicht möglich wäre. Durch den Wurzelhub entstehen zudem mögliche Gefahren sowie Einschränkungen für Menschen mit Handicap. Baureferent Gerd Merkle wehrt sich gegen lautwerdende Vorwürfe und betont: „Keiner opfert gerne Bäume oder möchte eine fahrlässige Rodung durchführen, nur weil es einfacher wäre.“ Stattdessen versuche man jeden möglichen Baum zu übernehmen, da dies auch Aufgabe des derzeitigen Wettbewerbs sei. Dennoch erweist sich das als schwierig, denn viele der Bäume wurden in den 80er Jahren gepflanzt, weshalb sie nicht besonders tief eingesetzt wurden. Ihre Wurzeln sind dadurch sehr nah an der Oberfläche, was nicht nur den Wurzelhub begünstigt, sondern auch die Gefahr, diese bei den Bauarbeiten zu beschädigen. Um das zu vermeiden, müsste man um die Bäume herum einen Abstand in Größe ihrer Krone einhalten, was wiederum mit einem Verlust an Stellplätzen einhergehen würde. Diese Entscheidung kann die Stadt jedoch nicht allein, sondern nur in Zustimmung mit der DB treffen. Durch das Pflanzen neuer Bäume mit den heutigen Standards, wie Drainagerohren und Schutzkäfigen, könne man ideale Bedingungen für die Pflanzen schaffen und dadurch ein dauerhaftes Grün erhalten, dass auch zukünftige Generationen noch bewundern könnten, betont Umweltreferent Reiner Erben. Diese Neubepflanzung sei nicht nur für den Bahnhofsvorplatz, sondern auch für die Viktoria- und Bahnhofsstraße geplant.

Pilzbefall verletzter Bäume

In den letzten Monaten sind trotz gründlicher Kontrollen des Grünbauamts mehrere Bäume an der Kahnfahrt umgestürzt. Grund dafür waren von außen nicht ersichtliche Pilze, die die Bäume befallen hatten. Viele der Pilze sind Wundparasiten, das bedeutet, sie dringen über Verletzungen wie Brüche an Ästen, den Wurzeln oder der Rinde ein. Bei den Umbauten am Bahnhof wird zwar ein ökologischer Baubegleiter die Arbeiter begleiten und sie auf Wurzeln hinweisen, dennoch besteht die Gefahr auf eine Verletzung und folgendem Pilzbefall der Bäume. Aktuell seien zwar viele der Bäume noch erhaltenswert, trotzdem hätte eine Vielzahl von ihnen perspektivisch keine Entwicklungsmöglichkeiten, so Merkle. Um sicherzugehen, wolle man nochmal einen unabhängigen, gerichtlich vereidigten Baumbegutachter engagieren, der die Bäume überprüfe. Zudem fügt Merkle hinzu, dass der Bahnhof aktuell sowieso noch in den Umbauten sei und der Vorplatz deshalb noch von den Stadtwerken gebraucht werde. Aus diesem Grund könne vor 2024/25 sowieso kein Baum gefällt werden und bis dahin bleibe noch genug Zeit, nochmal über andere Möglichkeiten nachzudenken.

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