Landeskriminalamt: Kein Anstieg von häuslicher Gewalt während Corona

Hat häusliche Gewalt in Augsburg tatsächlich zugenommen? Was kann das Augsburger Polizeipräsidium und die Beratungsstelle VIA darüber berichten? Wir haben nachgefragt.

Landeskriminalamt: Kein Anstieg von häuslicher Gewalt während Corona

Heute ist internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Der Tag wird jährlich zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt jeder Form gegenüber Frauen begangen. Das Thema häusliche Gewalt ist an diesem Gedenk- und Aktionstag immer präsent. Daneben wird auch Zwangsprostitution, sexueller Missbrauch, Sextourismus, Vergewaltigung, die Abtreibung weiblicher Föten und weibliche Armut thematisiert.

Corona und häusliche Gewalt

Überall kursieren derzeit Spekulationen darüber, dass die Gewalt in deutschen Haushalten seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen hätte. Unter der bedrückenden Situation im Haus bleiben zu müssen, kämen Streitereien auf, die nun häufiger eskalieren würden. Im Mai dieses Jahres gab das Frauenhaus Augsburg an, vermehrt Anfragen von Hilfe suchenden Frauen zu bekommen. Aber wie sieht es aktuell mit Gewalt in Augsburger Wohnungen aus?

Am 24. November veröffentlichte das Bayerische Landeskriminalamt eine Pressemitteilung zu dem Thema. Ein Anstieg der häuslichen Gewalt könne nicht bestätigt werden. Wortwörtlich heißt es: „Die Fallzahlen bei häuslicher Gewalt sind in diesem Jahr unauffällig und teilweise sogar rückläufig“. Dabei müsse beachtet werden, dass nur die Fälle von häuslicher Gewalt in die Statistik mit einflossen, die auch zur Anzeige gebracht wurden, beziehungsweise, von denen die Polizei weiß. Die Aussage des Landeskriminalamtes bezieht sich also auf das Hellfeld. Dass die tatsächliche häusliche Gewalt zugenommen hat, kann daher nicht ausgeschlossen werden.

Das Polizeipräsidium Schwaben Nord kann keinen Anstieg der häuslichen Gewalt feststellen.

Die Beauftragte für Kriminalitätsopfer des Polizeipräsidiums Schwaben Nord, Sabine Rochel, kann die Aussage des Bayerischen Landeskriminalamtes für die Stadt Augsburg bestätigen: „Wir können im Vergleich zum letzten Jahr keine Steigerung der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt feststellen“. Und auch sie warnt davor, vom Hellfeld auf die Wirklichkeit zu schließen und verweist darauf, dass gemeinsam mit Beratungsstellen ein klareres Bild gezeichnet werden könne.

Augsburger Beratungsstelle wird punktuell häufiger aufgesucht.

Eine der ersten Adressen für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, ist die Beratungsstelle „VIA – Wege aus der Gewalt“ der AWO Augsburg. Hier stellt man eine wellenartige Entwicklung fest. „Während des ersten Lockdowns haben sich eher wenig Frauen bei uns gemeldet. Das könnte daran liegen, dass Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, zu Hause von ihren Männern sehr stark kontrolliert werden und es deshalb nicht geschafft haben, Kontakt zu uns aufzubauen“, erzählt Sara Müller, Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Nach dem Lockdown stieg die Zahl der hilfesuchenden Frauen zunächst klar an, während sich die Situation im Sommer wieder beruhigte. Seit der zweiten Woche des zweiten Lockdowns herrsche wieder „normaler“ Betrieb in der Beratungsstelle. Im Vergleich zum letzten Jahr erwartet VIA keine Unterschiede in der Gesamtzahl der durchgeführten Beratungen.

Häusliche Gewalt ist ein Problem

Auch wenn Polizei und die AWO Augsburg keinen Anstieg von häuslicher Gewalt bestätigen können, heißt das nicht, dass sie nicht vermehrt passiert. Betroffene Frauen, Kinder und Männer dulden Gewalt oft lange, bevor sie sich Hilfe suchen oder gar Anzeige erstatten. Trotzdem sind die Opferzahlen, von denen die Polizei weiß, erschreckend hoch: Das Bayerische Landeskriminalamt verzeichnete 2019 3.252 Opfer von sexuellem Missbrauch. Bei 2.477 Opfern handelte es sich um Frauen, bei 775 um Männer. 1.009 Frauen wurden vergewaltigt, 27.180 Frauen wurden Opfer von Körperverletzung. Fakt ist, keiner kann genau sagen, inwieweit die häusliche Gewalt seit der Pandemie angestiegen ist. Sicher ist nur, dass sie existiert und bekämpft werden muss.

Logo