Die Sonne scheint auf die Maximilianstraße. Menschen sitzen mit einer Eiscreme auf den Bänken, während in der Ferne die Klänge einer Bach-Partita erklingen. Gespielt wird sie von einer jungen Straßenmusikerin, um die sich eine kleine Gruppe von Zuhörern versammelt hat. Wer könnte sich angesichts einer solchen Szene dem besonderen Charme Augsburgs entziehen?Dass die Fuggerstadt im aktuellen Städteranking des Glücksatlas den zweiten Platz unter den Großstädten Deutschlands erreicht hat, überrascht da kaum.
Augsburg klettert auf Platz zwei
Nun sollten wir unseren subjektiven Blick auf die Stadt kurz beiseitelassen. Dass wir Augsburg lieben, dürfte schließlich bekannt sein. Umso größer war die Freude über das hervorragende Abschneiden im Glücksatlas. Im Vergleich zum Vorjahr konnte sich die Fuggerstadt von Platz vier auf Rang zwei verbessern und dabei München wieder deutlich hinter sich lassen, das lediglich auf Platz 24 landete. Doch woran liegt die hohe Lebenszufriedenheit in Augsburg?
Ausgewogene Lebensbedingungen als Erfolgsfaktor
Die Verfasser des Glücksatlas stellen fest, dass Augsburg bei vielen objektiven Indikatoren weder besondere Stärken noch gravierende Schwächen aufweist. Das Ausbleiben von Extremen sei für eine hohe Lebenszufriedenheit jedoch keineswegs nachteilig. Im Gegenteil: Eine ausgewogene Entwicklung könne sich sogar positiv auswirken. So punktet Augsburg mit vergleichsweise moderaten Mietpreisen und einer niedrigen Kriminalitätsrate. Hinzu kommen eine geringe Arbeitslosen- und Mindestsicherungsquote sowie eine überdurchschnittlich gute Gesundheitsversorgung.
Besonders wenige Unzufriedene
Diese positiven Rahmenbedingungen scheinen sich auch direkt auf das Wohlbefinden der Augsburger auszuwirken. Lediglich 2,2 Prozent der Befragten gaben an, mit ihrem Leben unzufrieden zu sein. Damit weist Augsburg im Städtevergleich den niedrigsten Anteil an Unzufriedenen auf. Der Anteil der Hochzufriedenen liegt unterdessen bei knapp 52 Prozent. Überdurchschnittlich häufig vertreten sind dabei Familien und verheiratete Personen.
Warum schneidet München so viel schlechter ab?
Offen bleibt die Frage, weshalb München trotz seines Rufs als besonders lebenswerte und wohlhabende Stadt lediglich den 24. Platz belegt. Auffällig ist dabei, dass nicht nur die bayerische Landeshauptstadt vergleichsweise schwach abschneidet. Insgesamt erreichen viele süddeutsche Großstädte trotz ihres hohen Wohlstands eher durchschnittliche Zufriedenheitswerte.
Die objektiven Voraussetzungen erscheinen in der Landeshauptstadt eigentlich hervorragend: hoher Wohlstand, geringe Arbeitslosigkeit, wenige Schulabbrecher und die niedrigste Kriminalitätsbelastung aller untersuchten Großstädte. Dem Gegenüber nennt der Glücksatlas mehrere Defizite: Extrem hohe Mieten, knapper Wohnraum und ein hoher Anteil an Einpersonenhaushalten belasten demnach das Wohlbefinden vieler Münchner. Die Diskrepanz zwischen guten objektiven Lebensbedingungen und vergleichsweise geringer Lebenszufriedenheit bezeichnen die Autoren als „Underperformer-Effekt“.
Erfurt an der Spitze des Rankings
Den ersten Platz im Ranking belegt Erfurt. Das Ergebnis ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen gelang der Thüringer Landeshauptstadt ein großer Sprung nach vorne: Im Vorjahr lag sie noch auf Rang sechs. Zum anderen hebt sich Erfurt damit deutlich von vielen anderen ostdeutschen Großstädten ab, die im Durchschnitt niedrigere Zufriedenheitswerte aufweisen.
Die Autoren des Glücksatlas liefern dafür gleich mehrere Erklärungen. So vereint Erfurt zahlreiche Vorteile ostdeutscher Städte: günstige Mieten, eine hohe Umweltqualität und eine wirtschaftliche Lage, die im Städtevergleich sogar leicht überdurchschnittlich ausfällt.
Und obwohl die Stadt demografisch zwar viele Merkmale mit anderen ostdeutschen Städten teilt – etwa ein höheres Durchschnittsalter sowie unterdurchschnittliche Geburten- und Eheschließungsraten –, überzeugt sie durch andere Qualitäten. Im Bericht heißt es: „Erfurt ist beschaulich, grün und ästhetisch. Es lebt sich dort noch relativ günstig, die Umweltqualität ist hoch.“
Rostock bildet das Schlusslicht
Den letzten Platz belegt unterdessen Rostock. Besonders auffällig ist dabei, dass der Abstand zum vorletzten Rang seit drei Jahren kontinuierlich wächst. Als mögliche Ursache nennen die Autoren vor allem die Sozialstruktur der Stadt. Rostock gehört zu den ältesten Großstädten Deutschlands, mehr als die Hälfte der Einwohner lebt allein. Zudem weist die Stadt eine der niedrigsten Geburtenraten auf. Im Vergleich zu anderen Großstädten wirke Rostock deshalb beinahe „bedrückend still“, da sich das städtische Leben zunehmend an den Bedürfnissen einer älteren Bevölkerung orientiere.
Was der Glücksatlas misst
Insgesamt zeigt der Glücksatlas, dass die Lebenszufriedenheit in deutschen Großstädten weiterhin steigt – allerdings deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Der Anstieg beruht vor allem darauf, dass der Anteil sehr unzufriedener Menschen zurückgeht.
Herausgegeben wird die Studie von der Süddeutschen Klassenlotterie (SKL). Sie untersucht das Wohlbefinden der Menschen anhand verschiedener Faktoren. Berücksichtigt werden zum einen objektive Lebensbedingungen wie Wohnen, Kriminalität, Demografie, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Umweltqualität. Zum anderen erfassen Interviews mit Bürgern das subjektive Wohlbefinden.
Besonders interessant ist dabei, dass objektive Lebensbedingungen und subjektive Zufriedenheit häufig auseinanderfallen. Hoher Wohlstand allein macht offenbar nicht automatisch glücklich. Ebenso können Städte mit vergleichsweise unspektakulären Rahmenbedingungen sehr hohe Zufriedenheitswerte erreichen. Der Glücksatlas zeigt damit, dass Lebensqualität weit mehr ist als eine Frage von Einkommen oder wirtschaftlicher Stärke.