Gesichtslos in Augsburg: Ausstellung über Frauen in der Prostitution

Die aktuelle Ausstellung im Augustana-Haus in Augsburg widmet sich einem gesellschaftlichen Tabuthema: Frauen in der Prostitution. Der internationale Fotograf, Hyp Yerlikaya, möchte den Menschen dadurch die Augen öffnen.

Gesichtslos in Augsburg: Ausstellung über Frauen in der Prostitution

Zwei Jahre lang begleitete Hyp Yerlikaya den Alltag von Frauen, die in der Prostitution tätig sind. Durch eindrucksvolle Bilder versehen mit Originalzitaten hielt er prägnant Momente, Gedanken und Gefühle ihres Lebens fest. Das Ergebnis war eine bewegende, aber auch sehr belastende Fotogalerie.

Zwischen Armut und Isolation

Die Prostitution ist ein vom gesellschaftlichen Diskurs weitestgehend tabuisiertes Thema. Frauen, die in diesem Bereich tätig sind, leiden oftmals unter Ausgrenzung und Stigmatisierung. Durch Einführung des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2001 stellt die Prostitution laut Gesetz mittlerweile keine sittenwidrige Tätigkeit mehr da. Stattdessen wird sie seitdem offiziell als Dienstleistung eingeordnet, um den Frauen einen Zugang zu den Systemen der sozialen Sicherung zu ermöglichen. Ziel war es unter anderem, den Prostituierten einen besseren Gesundheitsschutz, mehr Selbstbestimmung, sowie eine fachgesetzliche Grundlage für verträglichere Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Da Prostitution selbst jedoch kein Beruf wie jeder andere ist und die darin tätigen Personen besonders schutzbedürftig sind, müssen sie einmal jährlich an einer gesundheitlichen Pflichtberatung teilnehmen und sich in vorgeschriebenen Abständen bei der Ordnungsbehörde melden. In der Realität sieht das jedoch oftmals anders aus: Viele der Prostituierten melden ihre Tätigkeit nicht an. Ihre alltägliche Lebenssituation ist geprägt von Armut, Isolation und Gefühlen des Schams, Selbstekels, der Hoffnungslosigkeit sowie großer Zukunftsangst. Sie verstecken sich vor der Gesellschafft und lediglich, wenn sie alleine sind, träumen sie „gesichtslos“ von einem anderen Leben.

Ausbeutung und Zwangsprostitution in Deutschland

Wie viele Frauen in Deutschland in dieser Branche arbeiten, ist aufgrund der großen Dunkelziffer kaum zu bestimmen. Es gibt keine langfristig erhobenen validen Zahlen. Selbst seriöse Hochrechnungen schwanken zwischen rund 80.000 und 200.000 Prostituierten. Für den Einstieg in dieses Gewerbe gibt es viele verschiedene Gründe. Eine Mehrzahl der Frauen kommt aus dem Ausland. Sie haben ihre Heimat verlassen und kamen auf der Suche nach einer besseren Zukunft nach Deutschland. Doch ohne Erfolg. Armut, familiärer Druck, mangelnder Zugang zum Arbeitsmarkt oder Neugierde sind häufige Gründe für die Ausübung von Prostitution. Nicht selten gelangen Frauen aber auch durch Täuschung oder Zwang in diese Branche und werden unter ausbeuterischen Bedingungen dazu gezwungen.

Die Grenzen zwischen freiwilliger Tätigkeit, Zwangsprostitution bis hin zum Menschenhandel sind oft fließend und vielseits umstritten. Das Problem ist, dass sich der Ausstieg für Betroffene meist als unglaublich schwierig herausstellt, da dieser mit einer sofortigen Veränderung aller sozialer und ökonomischer Rahmenbedingungen verbunden ist. Viele der Frauen leben jedoch unter prekären Verhältnissen und schaffen diesen Umbruch allein nicht. Doch auch nach der nötigen Hilfe und Unterstützung zu fragen, kostet sie zu viel Überwindung.

Fotogalerie im Augustana-Haus

Der Fotograf, Hyp Yerlikaya, hat zusammen mit der Beratungsstelle “Amalie” zwei Jahre lang Frauen begleitet, die in der Prostitution tätig sind. In insgesamt 40 Bildern stellt er prägende Momente ihres Lebens mittels szenischer Inszenierung dar. Die Frauen, die sich sonst immer stillschweigend hinter einer Fassade verstecken müssen, kommen hier zu Wort. Jedes der Bilder ist mit einem ausdrucksstarken Zitat versehen, dass tiefe Einblicke in das innerste Seelenleben der Frauen gibt. Zu sehen sind überwältigende Gefühle wie Angst, Trauer, Selbstekel und Scham. Grausame Erlebnisse, die sich als tiefe Wunden in die Gedächtnisse eingebrannt haben, stehen neben verlorenen Kindheitsträumen. Doch im Kontrast zu dieser Resignation spürt man in vielen der Zitate auch den unbändigen Kampfgeist und Lebenswillen der Frauen, die sich trotz allem an den seidenen Faden der Hoffnung klammern.

Die Ausstellung möchte auf die Lebens- und Arbeitsumstände der Prostituierten hinweisen, denn die Welt hinter ihren Kulissen bleibt sowohl den Freiern als auch dem Rest der Gesellschaft meist verschlossen. Neben der gesellschaftlichen Sichtbarmachung soll diese bewegende Bildergalerie zu einem öffentlichen Diskurs anregen.

Begleitprogramm der Ausstellung

Die Ausstellung wird zudem von einem umfangreichen Begleitprogramm umgeben. Am Dienstag, den 18. Oktober, wird Manfred Paulus, erster Kriminalhauptkommissar und Leiter des Dezernats zur Bekämpfung von Sexualdelikten und Rotlichtkriminalität aus Ulm anreisen, um sein Buch „Menschenhandel und Sexsklaverei“ vorzustellen. Kurz darauf wird außerdem ein Poetry Slam im Augustana-Haus stattfinden, angeleitet von dem bekannten Augsburger Moderator, Horst Thieme. Hier können die Besucher mit ihren selbstgeschriebenen Texten zu dem Thema „gesichtslos“ gegeneinander antreten. Im November folgt ein Filmabend mit anschließender Podiumsdiskussion. Die Dokumentation folgt einer jungen Zwangsprostituierten nach Bangladesch und setzt sich dabei mit der Leitfrage auseinander: "Gibt es keinen anderen Weg für uns Frauen als den des Leides?"

Am 15. November stellt dann Kerstin Neuhaus, die Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Vereins "AugsburgerInnen gegen Menschenhandel" in ihrem Vortrag eine andere Perspektive in den Vordergrund: Sie beschäftigt sich mit den Ansichten der Freier und hat dafür knapp hundert Männer in Deutschland befragt, deren Aussagen sie an dem Abend präsentiert. Zur Finissage der Ausstellung kommen Helmut Sporer, Augsburger Kriminalkommissar, Dr. Volker Ullrich, Bundestagsabgeordneter und Bezirksvorsitzender der CSU Augsburg, die Traumatherapeutin Rodica Knab sowie Fotograf Hyp Yerlikaya. Bei dem musikalisch umrahmten Podiumsgespräch werden sich die Expert:innen unter anderem mit der Geschichte der Prostitution, ihren Ursachen und den einhergehenden Risiken auseinandersetzen.

Wann? Vom 7. Oktober bis zum 10. November

Wo? Augustana-Haus, Im Annahof, 86150 Augsburg

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