Stehen Frauen auch zur Wahl?

Wen wir wählen liegt allein in unserer Hand, aber nutzen wir unsere Handlungsspielräume richtig?

Stehen Frauen auch zur Wahl?

Frauen wählen? Das ist heute natürlich keine Frage. Frauen haben in Deutschland sowohl das aktive, als auch das passive Wahlrecht, sind im Bundestag, in den Landtagen und Stadträten vertreten. Diese Tatsache des Vertretenseins feiert (zumindest in Deutschland) heute ihren 100. Geburtstag und dennoch sind noch lange nicht alle Genderdebatten geklärt worden - auch nach so langer Zeit nicht. Wir wollen uns ein wenig mit dem Engagement der erst-gewählten Frauen beschäftigen und sehen, was wir von damals auch heute noch mitnehmen können.

Wir schreiben den 19. Januar 2019: Die letzte Landtagswahl in Bayern ist etwa drei Monate her, die letzte Bundestagswahl ungefähr 1 1/4 Jahre. Dabei stellen Frauen im Bundestag etwa 30% der Abgeordneten (Die meisten Frauen sind prozentual bei den Grünen mit 58%, die wenigsten bei der AfD mit 10%), im Bayerischen Landtag hingegen nur circa 26% dar (Die meisten Frauen sind hier prozentual bei der SPD mit 50%, die wenigsten bei der FDP und AfD mit jeweils 9%). Die Debatte um die Sitzverteilung ist da groß, wünschen sich doch viele Bürger mehr Frauen als Abgeordnete - zumal bei der Bundestagswahl 2013 der Frauenanteil von 36% noch höher lag, als 2017. Doch 2019 ist nicht das erste Jahr, in dem Frauen im Parlament ein großes und wichtiges Thema waren. Drehen wir die Zeit etwas zurück: Genau genommen exakt 100 Jahre.

Wir schreiben den 19. Januar 1919: Deutschland ist kein Kaiserreich mehr und Bayern kein Königreich. Außerdem steht heute die erste große Wahl nach der Abdankung des Kaisers und des Königs an - was ist dabei aber neu? Zum einen wurde das Wahlalter seit der Wahl von 1912 von 25 auf 20 Jahre herabgesetzt, was aber noch viel wichtiger ist, erstmals war es auch Frauen erlaubt, zu wählen. Wie stand es also 1919 um die Frau in der Politik?

Zunächst einmal fiel die Wahl aus heutiger Sicht für die SPD günstiger aus, denn abgesehen von Bayern, Teilen des heutigen Nordrhein-Westfalens und Oberschlesien, konnte sie fast jeden Wahlkreis für sich erobern und drängte die konservativen Parteien zurück. Aber war dieses Ergebnis auch für die Frauen günstig?

Der prozentuale Frauenanteil lag im Gesamten bei etwa 8,7% - bei der SPD und der USPD (eine Absplitterung der SPD aus dem Jahr 1916) bei etwa 12%, beziehungsweise 14%. Der Schnitt liegt also gar nicht so unendlich weit weg von 2019, wie man befürchten könnte. Dennoch, und das ist auf ärgerliche Weise frustrierend, hatte die SPD 1919 ja (prozentual gesehen) mehr Frauen in ihren Reihen, als die AfD heute im Bundestag.

Ausgeglichen ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der Politik also nicht. 1919 nicht und auch 2019 nicht, wenngleich sich die Situation auch im Großen und Ganzen bessert. Die Frage ist also: Warum dauert das alles so lange?

Zunächst ist einmal jeder Anfang schwer. Zwar war die Frauenbewegung schon einige Jahre vor der Wahl 1919 aktiv, aber dennoch sind Frauen in einem von Männern dominierten Reichstagsplenum etwas komplett Neues und noch nie da Gewesenes, ja vielleicht für einige Zeitgenossen sogar eine Art Fremdkörper. Dem begegnet man - damals, wie heute - natürlich zunächst mit Skepsis. Dann liegt es also an den Frauen im Parlament 1919, etwas dagegen zu machen und zu zeigen, warum die Regierung nicht ausschließlich männlich sein darf. Was kann man also machen? Demonstrieren ist immer hilfreich, doch traut man sich das auch in einer so ungewissen Zeit, wie kurz nach dem Ersten Weltkrieg?

Die wohl beste, einfachste, wenn auch sehr vage Lösung heißt: Handlungsspielräume nutzen. Kein Mensch (weder 1919 noch 2019) erwartet, dass jeder Einzelne ohne Rücksicht auf Verluste für etwas, oder gegen Jemanden, kämpft. Was man aber auf jeden Fall erwarten kann, ist, dass man die Möglichkeiten, die man im Alltag hat, nutzt, um dem eigenen Ziel näher zu kommen. Ich muss mich 1919 als Mann nicht dafür stark machen, dass Frauen ins Parlament einziehen, wenn ich mich davor fürchte, dadurch ins Abseits zu geraten. Was ich aber machen kann, ist, auf meinem Wahlzettel eine Frau anzukreuzen.

Was bleibt heute davon übrig? Glücklicherweise sind Frauen im Parlament inzwischen - wenn auch in der Minderheit - nichts besonderes mehr. Frauen haben in den letzten 100 Jahren in Deutschland viele Freiheiten gewonnen - noch ist aber nicht alles geholt, was es zu holen gibt. Es fehlen noch Prozente in Parlamenten, Führungspositionen und generell begegnet uns Sexismus täglich auf der Straße. Aber auch wir, egal ob Frau oder nicht, haben die Möglichkeit unsere Handlungsspielräume zu nutzen. Wir alle können uns dafür entscheiden, in allem was wir machen, nach oben oder unten zu gehen. Auch wenn Dinge ungewohnt sind, können wir für uns entscheiden, ob ein neuer Weg richtig oder falsch ist und ihn dementsprechend fördern oder behindern.

Deswegen an alle: Hinterlasst Spuren - egal wie groß - in der Geschichte, auf die man auch in 100 Jahren noch stolz sein kann!

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