Gerxit – was wäre, wenn wir aus der EU austreten?

Der Brexit erhitzt kurz vor der Europawahl die Gemüter. Ich frage mich welche Konsequenzen das gleiche Szenario für Deutschland hätte.

Gerxit – was wäre, wenn wir aus der EU austreten?

Wie jeden Tag klingelt pünktlich um 6 Uhr mein Wecker. Wie es wohl das Laster der meisten Digital Natives ist, wandert mein müder Blick als erstes auf mein Smartphone. Eine großflächige Pushnachricht ziert das Display: „Deutschland beschließt den Gerxit“. Ungläubig versichere ich mich, dass ich wirklich wach bin und realisiere nur langsam, was ich da lesen muss. Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf, nachdem der Brexit-Beschluss kürzlich bereits Großbritannien spaltete.

Ist dies das Ende meiner Freiheit? Das Schengener Abkommen erlaubt es mir, mich frei und ohne Kontrolle über Landesgrenzen hinweg zu bewegen. Lediglich die Außengrenzen werden kontrolliert, um die Sicherheit in der EU zu garantieren. Ich liebe das Gefühl von Freiheit und halte es für eine der wichtigsten Rechte einer modernen Gesellschaft. Das Wissen, dass ich im Sommer spontan der Sonne entgegen Richtung Meer fahren kann, ist ein hohes Gut, das jeder schätzen sollte. Angst überkommt mich.

Ich versuche mich zu beruhigen und denke an den Artikel 13, der mich kürzlich zur Weißglut trieb. Die Reform soll vor Urheberrechtsverstößen schützen. Prinzipiell halte ich das für eine wichtige Entscheidung, die längst überfällig war. Damit einher geht jedoch auch eine große Aufgabe für Content-Plattformen wie YouTube. Fortan müssen sie sicherstellen, dass es nicht zur Verletzung entsprechender Rechte kommt. Allein auf YouTube werden jede Minute 400 Stunden Videomaterial hochgeladen. Dass diese Contentfülle nicht manuell von einem Menschen geprüft werden kann, sollte außer Frage stehen. Genau wie viele andere User habe ich große Angst vor Uploadfiltern. Als Musiker freue ich mich, dass meine Urheberrechte geschützt werden. Nachdem ich aber auch gerne Videoblogs auf Youtube veröffentliche, fürchte ich zukünftig Opfer von Zensur zu werden. Ohne die EU wäre diese Angst zumindest vom Tisch.

Dann denke ich an mein vergangenes Studium und viele meiner Freunde, die sich aktuell im Studium befinden. Ihnen bleibt nun die Möglichkeit eines Auslandsstudiums oder des Erasmus Programms verwehrt. Sie werden nicht die Chance haben spannende Erfahrungen zu sammeln und fremde Kulturen kennenzulernen. Das was für viele Studenten den Höhepunkt ihrer Studienzeit bedeutet, gehört fortan der Vergangenheit an.

Auf der anderen Seite stehen Gesetzesentwürfe wie die DSGVO. Als nebenberuflich Gewerbetreibender, der insbesondere auch im Internet aktiv ist, trifft mich die DSGVO im letzten Jahr wie der Blitz. Über unzählige Wochen hinweg versuche ich meine Tätigkeit gesetzeskonform zu gestalten und lege viele Nachtschichten ein. Am Ende bleibt statt dem positiven Gefühl etwas zum Datenschutz beigetragen zu haben vor allem reichlich Unsicherheit.

Dennoch bietet mir die EU auch Sicherheiten, die ich gerade als Verbraucher sehr zu schätzen weiß. Die Qualitäts- und Sicherheitsstandards geben mir im Alltag ein gutes Gefühl und bei verschiedenen Reisen in Ländern außerhalb der EU wird mir immer wieder bewusst, dass diese Länder von unseren Normen nur träumen können.

Wenn ich mich dann an geplante Handelsabkommen wie TTIP oder CETA erinnere, werde ich wieder optimistisch. Die Handelspakte mit Canada und den USA sehe ich kritisch, weil sie Arbeitnehmerrechte, die Umwelt, den Verbraucherschutz sowie Finanzmarktregeln negativ beeinflussen. Konkret ermöglichen sie beispielsweise die Zulassung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel oder das umstrittene Fracking zur Erdgasgewinnung. Seit diese Themen diskutiert werden, mach ich mir große Sorgen, ob sich meine Befürchtungen bewahrheiten.

Ich muss mir bei diesem Gedanken eingestehen, dass es aber gleichzeitig gerade der freie Handel im europäischen Binnenmarkt ist, von dem Deutschland profitiert. Unser Land gehört zu den Top Exportländern und ohne die EU wäre das zunächst im DAX und bald darauf auch in meinem täglichen Leben merkbar.

Viele Dinge, die von der EU beschlossen werden, sehe ich kritisch. Trotzdem hat die EU mein Leben mit unzähligen Freiheiten revolutioniert. Sie legt hohen Wert auf Sicherheitsstandards und lässt die Wirtschaft florieren. Es ist absolut zeitgemäß global zu denken. Die EU ist die logische Konsequenz einer weltoffenen und toleranten Welt, in der es keinen Sinn macht, zwischen unterschiedlichen Nationen zu differenzieren. Es ist hingegen sinnvoll, wenn Menschen gemeinsam an einem Strang ziehen. Einen EU-Austritt halte ich schon aus humanitärer Sicht für einen großen Rückschritt. Wie immer ist es letztlich eine Frage der Vernunft. Es liegt an der EU vernünftige Entscheidungen zu treffen und fragliche Beschlüsse zu vermeiden. Das Schöne an einer Demokratie ist es, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Vertreter zu wählen und die Politik aktiv mitzugestalten. Jeder sollte diese Möglichkeit bei der anstehenden Europawahl nutzen. Ich bin froh, dass der Gerxit keine Realität ist.

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