Dimitri Reimer – Einmal 9 mit einem Parkour-Athleten

Wie kommt man dazu, zwischen Betonblocks und Dächern umherzuspringen? Wir haben beim Parkour-Athleten Dimitri nachgefragt und ein paar spannende Antworten bekommen.

Dimitri Reimer – Einmal 9 mit einem Parkour-Athleten

Animalisch zwischen Garagendächern, Zäunen und Betonmauern umherspringen – für Dimitri eine Leidenschaft. Er ist 34 Jahre alt, Fotograf und ParkourONE Headcoach. Dimitri wurde in Sibirien geboren, ist in Bielefeld aufgewachsen und lebt seit vergangenem Sommer in Augsburg. Was er an der Stadt liebt? Die kulinarische Vielfalt, die ruhigen Nischen zum Entspannen, den Mix aus dörflicher Atmosphäre und den Vorzügen einer Großstadt und all die kleinen und großen Hindernisse – die für Dimitri keine sind. Denn als Traceur, so die offizielle Bezeichnung für Parkour-Athleten, ist die Stadt für ihn ein überdimensionaler Spielplatz.

1. Wie und wann bist du zum Parkour gekommen?

Ich war 17 Jahre alt und zu der Zeit noch Kunstturner bei den Sportsfreunde Sennestadt in Bielefeld. Eine Zeit der Umbrüche für mich. Mein Verein war im Begriff sich aufzulösen, der Pflichtgang zur Bundeswehr stand an und die bohrende Frage, was ich beruflich machen soll. Parkour war da wie ein großes kühles Glas Wasser, das mir die nötige Energie gab, nach vorne zu schauen. Ein Türöffner, wenn man so will. Heute ist Parkour nicht weniger als eine Lebenseinstellung. Eine Wertehaltung und Integrität mir selbst gegenüber. Ich schätze die Möglichkeit, Menschen mit Parkour begleiten zu dürfen. Einen Raum zu schaffen, der frei von Bewertung und Normen ist und die Auseinandersetzung mit sich selbst und die Reflektion der eigenen Entscheidungen.

2. Weiß deine Versicherung von deinem Hobby?

Parkour ist Teil meiner Arbeit. Ich bin also normal versichert wie jeder andere auch. Neben Parkour sind viele andere Bewegungsformen in der freien Umgebung wiederentdeckt worden, wie zum Beispiel Calisthenics, verschiedene Arten von Yoga oder Tricking. Die Versicherungen haben sich dahingehend angepasst.

3. Kannst Du noch normal durch eine Stadt laufen, oder siehst du unweigerlich nur noch Parkour-Spots?

Ich bin neugierig und mag eher die Spots, die einem nicht unbedingt offensichtlich ins Auge springen. Als Traceur sehe ich die praktische Seite der Architektur und verstehe diese als Identifikation in der Auseinandersetzung mit der Stadt. Als Fotograf sehe ich die gleichen Dinge aus einer kulturellen, ästhetischen Perspektive. Beide Ansichten helfen mir meine Umgebung bewusst wahrzunehmen. Für meine Begriffe sehe ich in einem Treppenaufgang alles nur keine bloße Aneinanderreihung von Stufen. Ein durchaus kindlicher Blick auf die Welt.

4. Und wo kann man sich nun am besten austoben?

Eine wortwörtlich schwere Frage. Die Wörter „am besten“ widersprechen meinem Verständnis von Bewegung und eine kurze, plakative Antwort würde dem Kern des Parkour-Trainings nicht gerecht werden. Als Traceur erkundet man die Umgebung individuell, interpretiert sie ständig neu und sucht aktiv nach Hindernissen um sie mit Geschick, Kreativität, Mut oder auch im Team zu lösen – physisch und psychisch. Die Fähigkeiten wachsen ständig und damit auch die Umgebung und die Möglichkeiten. Schon eine einfache Bordsteinkante kann ein forderndes Training sein. Austoben kann man sich demnach überall – Respekt vor Privateigentum und die Einhaltung der geltenden Gesetze vorausgesetzt.

In Augsburg gefällt mir die Auseinandersetzung mit den vielen Kanälen, die die Stadt durchziehen. Und es gibt öffentliche Plätze, an denen man vielschichtig trainieren kann. Unsere regelmäßigen ParkourONE-Klassen finden unter anderem am Roten Tor Park, dem Univiertel, dem Prinz-Karl-Palais und in Dasing statt. Zusammen mit TraceSpace Berlin haben wir ein Bewegungs- und Begegnungsprojekt in Welden realisiert.

5. Hast du schon mal schlimme Verletzungen davongetragen?

Parkour ausüben heißt auch, sich abzuhärten. Schließlich bewegen wir uns oft auf Beton. Falltraining gehört zur Natur der Sache, da bleiben blaue Flecken und Kratzer nicht aus. Ernsthaft verletzt habe ich mich in 17 Jahren Parkour Training aber nicht. Ein tiefer cut am Schienbein, der genäht werden musste und ein gestauchtes Handgelenk sind bisher meine Bilanz. Im Vergleich zum Mannschaftssport ist Parkour risikoarm. Wir trainieren nicht für Wettkämpfe und stehen in keinerlei Konkurrenz zueinander, daher haben wir auch keine Fremdeinwirkung. Alle Entscheidungen treffen wir bewusst und für uns. Das macht den großen Unterschied.

6. Wenn du zu spät zur Arbeit loskommst, nimmst Du dann Abkürzungen über Hindernisse?

Auch wenn es sehr nahe liegen würde, ist das Mittel der Wahl immer noch zügig laufen. :-D

7. Was war das Mutigste, dass du bisher in deinem Leben gemacht hast?

Hmm, es gibt so viele Aspekte von Mut. Ich habe bei einem Spaziergang im Wald mal ein aufgebrachtes Reh aus einem dieser Elektrozäune befreit. Mit meinem Shirt um meinen Arm gewickelt und einem kleinen Messer in der anderen Hand. Das war das schon ziemlich abenteuerlich.

8. Gibt es in Augsburg eine gute Parkour-Community? Und wie tickt die so?

Ganz klar: ja. In unserer Bewegungsschule ParkourONE gibt es das Trainingskonzept „TRuST“, das klare Bildungsziele mit und durch Parkour verfolgt. Neben unseren regelmäßigen, kostenpflichtigen Klassen gibt es auch kostenlose Angebote wie beispielsweise die HELLNIGHT. Und auch lokalen Traceure laden regelmäßig sonntags zum gemeinsamen Training ein. Interessierte, egal ob Anfänger oder bereits geübte sind immer herzlich willkommen. Vernetzt durch eine Facebook-Trainingsgruppe bis hin zu einer stetig wachsenden WhatsApp-Gruppe ist Parkour in Augsburg nun schon seit über 10 Jahren zu Hause.

Unsere Philosophie ist die ganzheitliche Arbeit. Die Vielfalt und Tiefe kann unserer Meinung nach nur in der Natur bzw. in der urbanen Umgebung empfunden werden. Wir haben da so ein Spruch: „rain doesn‘t stop animals“. Parkour entstammt dem Fluchtgedanken und hat eine raue, sehr echte Seite. Ehrlichkeit zu sich selbst ist im Training elementar. Die Ressource Körper ist endlich. Normale Trainingstage dauern oft mehrere Stunden. Der Austausch über diverse Themen ist genauso wichtig wie das körperliche Training.

9. Was motiviert dich, was demotiviert dich?

In der Psychologie und der Pädagogik versteht man darunter das Wirken von Beweggründen bzw. Einflüssen in der Gesamtheit, die die eigenen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen oder anregen. In diesem Sinne halte ich mich an das bescheidene und offene Gemüt, welches unterstützt, vertrauensvoll ist und mir gut tut. Im Gegenzug versuche ich das egoistische, narzisstische und ewig gestrige Stammtisch-Geschunkel nicht so ernst zu nehmen. Die Welt wird grüner. Gut so.

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